LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Stéphane Bailly hat aus einem gutgehenden Peugeot-Netz in Lothringen einen Multi-Marken-Riesen der Großregion mit über einer Milliarde Umsatz und Holding-Sitz in Luxemburg geschaffen

Der Präsident war diese Woche zur Gast. Nicht der eines Landes, sondern der eines länderübergreifenden Unternehmens. Stéphane Bailly ist Chef der Car Avenue. Das ist den meisten kein Begriff. Doch tatsächlich hat der schlanke, mittelgroße 45-Jährige innerhalb weniger Jahre ein Auto-Imperium mit 18 Marken und 65 Konzessionen in drei Ländern aufgebaut. Wie, das erzählte der Franzose vergangene Woche bei Ernst & Young auf Kirchberg.

Die Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterkanzlei EY veranstaltet hier in ihren Räumen drei bis vier Mal im Jahr eine Konferenz unter dem Schlagwort „EY Point of Views Conference“. Innerhalb dieses Rahmens geht es nicht um das übliche Geschäft wie Kostenrechnung oder SAP, sondern um besondere Persönlichkeiten. So stelle Luc Frieden sein Buch über Europa vor, der SES-Präsident seine Strategie und der ausgezeichnete Unternehmer Claude Wagner seinen Werdegang. In diesem illustren Rahmen sprach vor rund hundert handverlesenen Gästen also Bailly. In Luxemburg ist er nur Insidern ein Begriff. Doch allein die Tatsache, dass Managing Partner Alain Kinsch und der für den Privatsektor verantwortliche Partner Yves Even anwesend waren, um Bailly vorzustellen, lässt seine Stellung erahnen. Die Großen des heimischen Automarktes waren erschienen und nannten ihn stolz beim Vornamen, geehrt, ihn zu kennen. Bailly ist jemand in der Welt der Pferdestärken.

Der Wirtschaftsminister besucht die Filiale

Zu ihm kam im Januar der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire in die Peugeot-Niederlassung nach Metz, um über Ausbildung zu sprechen. Denn zwischen Strasbourg, Nancy, Brüssel und Luxemburg hat er sich einen Namen gemacht. Hier ist Bailly Herr über 1.650 Mitarbeiter, verkauft 29.000 Neuwagen und Motorräder sowie 19.000 Gebrauchte pro Jahr und setzt über eine Milliarde Euro um. Das alles hat er seit 2006 geschafft. Allerdings nicht allein.

Sein Großvater André Bailly hatte 1920 in Metz begonnen und 1936 die erste Peugeot-Niederlassung eröffnet. Sein Vater Jean-Paul baute bis 2006 zwölf Konzessionen auf. Dann übernahm Stéphane. Er löste sich von der Konzentration auf die Marke mit dem Löwen und setzte auf eine Multimarkenstrategie; ein Novum in einer Welt, in der andere Marken immer als Feinde betrachtet wurden. Innerhalb von wenigen Jahren hatte er 65 Konzessionen von 18 Marken in Frankreich, Belgien und Luxemburg zusammen, darunter BMW, Mercedes, Audi und Porsche, aber auch Volkswagen, Nissan oder Hyundai. Über die Finanzierung will Bailly nicht viel sagen; da weicht er geschickt mit Management-Sprech aus. Nur so viel verrät er: „Wir achten darauf, die einzelnen Marken nicht zu kannibalisieren.“ Da lässt sich ahnen, dass die Hersteller selbst seine Strategie für riskant halten. Bailly weiß ihnen diese Angst zu nehmen, nicht zuletzt durch den Schliff, den er an der Pariser „Ecole Supérieure de Commerce Extérieur“ und dem „College of Business der Nicholls State University“ in den USA erhielt. Da geht es um think big und global, nicht ums Krautern.

Seine Luxemburger Konzessionen

In Luxemburg gehört Bailly Nissan by Lentz mit Standorten in Ettelbrück, Alzingen und Foetz, Infinity by Lentz und Toyota by Lentz. Die Mercedes-Konzession mit fünf Filialen, die in Luxemburg 2017 an die Schweizer Merbag ging, hätte er gern gekauft. Doch irgendwann wurde es ihm zu teuer. In Lothringen hat er sich die BMW-Konzession B57 einverleibt, dazu Porsche. Im Elsass gehört ihm Citroën und Volkswagen, in Belgien unter anderem Mercedes, Smart und Nissan.

Wer glaubt, das würde dem Unternehmer mit der höflichen Art reichen, hat sich getäuscht. 2014 benannte Bailly die Peugeot-Konzessionen in „Car Avenue“ um, 2017 folgte die Umbenennung des gesamten Konzessions-Sammelsuriums, das seither unter dem Namen „Car Avenue“ firmiert - und in Roeser seinen Holding-Sitz hat. „Wir wollten mehr Sichtbarkeit“, erklärt der neue Chef. Und beruhigt angesichts der eigenen Größe gleich: „Wir wollen nicht wachsen, um zu wachsen. Wir wollen auch das Back-office und die Immobilienverwaltung optimieren.“ Mit Immobilien meint er nicht zuletzt Lesménils, ein Ort 25 km nördlich von Nancy an der A31. Hier verkauft er nicht nur Citroëns und Porsches, sondern hat auch den Sitz der französischen S.A. - und den von „Car Avenue Services“.

Car Avenue durchdekliniert

Denn Bailly dekliniert jetzt Car Avenue durch. Da gibt es die „Car Avenue Academy“. „Weiterbildung ist uns wichtig. Es gehört zu unseren Werten“, versichert der Chef des 98 Jahre alten Unternehmens. Aber es geht auch um Karrierepläne. Darüber hinaus existiert „Car Avenue Services“, eine gigantische Zentrale mit 40.000 Ersatzteil-Referenzen, die zwei Mal täglich an die Filialen der Gruppe liefert. Auch der Kundendienst und die Pannenhilfe laufen über die Abteilung in Lesménils.

Weiter hat Bailly „Car Avenue Legend Classic & Super Cars“ im Portfolio, ein Angebot auf 3.000 m² mit Oldtimern und sehr teuren Modellen sowie Restaurant, ebenfalls in Lesménils in Kombination mit der Porsche-Konzession. Für die Gebrauchten steht „Car Avenue Occasions“ eine Parzelle von 32.000 m² zur Verfügung, von der 16.000 m² bebaut werden sollen, damit er 500 Gebrauchte vorhalten kann. „97 Prozent der Kunden informieren sich vorher online, denen wollen wir schon möglichst viele Informationen geben“, versichert der Automarkt-Kenner.

Digitale Visionen

Wirklich zukunftsweisend wird es bei Ideen wie „Car Avenue Mobility“, „Car Avenue Client Relation Management“, oder „Car Avenue Green“. Schnell wird klar: Bailly macht sich mehr Gedanken als die meisten seiner Branche über Entwicklungen. Er hat ein Animationsfilmchen mitgebracht, in dem Kundin Linda sich auf dem Handy ihr Lieblingsauto zusammenstellt, ein Angebot vom örtlichen Händler inklusive Alternativ-Optionen für Ferienfahrzeuge erhält und die ersten Fahrerfahrungen mit ihren Freunden teilt, später angesimst wird, weil sich ihr Job und ihre Lebenssituation geändert haben und sie als Premiumkundin ohnehin schon Markenbotschafterin mit weit reichenden Rechten ist. Schon steht ein anderes Wunschmodell vor ihrer Türe. „Die digitale Entwicklung hat einen Vorteil: Der Kunde steht im Mittelpunkt. Einen Sieger gibt es bei dieser Entwicklung nicht“, meint der Car Avenue-Präsident. Er ist überzeugt, dass es weiter traditionelle Autohäuser geben wird. „Aber vieles wird digital laufen. Es wird mehr Konfiguration und weniger Verkaufsfläche geben. Unsere Verkäufer werden nunmehr Botschafter.“ Immerhin sieht er den Markt etwas geschützt vor den Großen der Internetsektors. „Wir haben geringe Margen und binden viel Kapital. Das macht den Markt für Amazon und Co weniger interessant.“ Ohnehin müsse man die Bodenhaftung nicht verlieren. „Uber hat über zwei Milliarden Dollar verloren, auch Tesla hat viel Geld gelassen. Deren Geschäftsmodelle beinhalten ein großes Risiko.“

Das alles ist Zukunftsmusik. Aber keine, die allzu weit entfernt ist. Bis dahin setzt der ebenso intelligente wie bodenständige und vorsichtige Bailly darauf, dass sein auf den Pfeilern Geschäft, Erfolg und Prozesse ruhendes Modell funktioniert. Und er analysiert kühl. „In Europa werden 19 Millionen Autos jährlich verkauft, fünf Prozent davon sind elektrische Hybride.“ Doch wie sie versorgt werden sollen, wie Batterien entsorgt werden und wie sinnvoll Strom aus Kohle ist - das sind Widersprüche, die auch Bailly wahrnimmt. Dazu gehört auch die innerstädtische Mobilität. Bailly registriert, dass Städte wie Paris, Berlin oder Los Angeles den Verkehr aus den Zentren haben wollen. „Auf der anderen Seite werden bis 2050 rund 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben.“ Im Moment ist vor allem eines sicher: SUVs. „2017 waren ein Drittel der verkauften Autos SUVs, bald wird es jedes zweite Auto sein.“

Größe siegt

Bailly ist überzeugt, dass nur die Größten in seiner Branche überleben werden. Deshalb gehört er dazu, deshalb hat er so viel in kurzer Zeit gekauft. „Mit nur einer Marke wäre das nicht möglich gewesen“, unterstreicht er. Und: „Als Gruppe haben wir die Möglichkeit, Lösungen herbeizuführen.“ Er kann sich gut ein regionales Netz in Zusammenarbeit mit einem Großen - warum nicht Amazon? - vorstellen. Schließlich stelle man sich dort auch viele Fragen im Hinblick auf Teilhabe und Geschäftsführung.

Was Bailly selbst fährt, mag er nicht sagen. Da bleibt er höflich, glatt, ablehnend und dreht das Gespräch in eine andere Richtung. Denn anders als viele seiner Zuhörer spricht Bailly nicht gern über sich und seine Ansichten, sondern vor allem gern über Car Avenue. Er wird noch länger an der Zukunft schrauben. Und dann übernimmt vielleicht sein Sohn.