PASCAL STEINWACHS

Ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr (die Partei feierte im vergangenen Monat ihr 25-jährges Bestehen) steht die sowieso schon krisengewohnte adr vor ihrem bislang größten Scherbenhaufen, verliert sie nun doch gleich zwei Abgeordnete, über die sich zwar streiten lässt, die aber in ihren Reihen durchaus als Sympathieträger galten. Der gestern abgetretene Präsident Fernand Kartheiser war das nie, auch wenn er im März auf dem Parteikongress noch mit 108 von 119 Stimmen zum Nachfolger von Robert Mehlen gewählt wurde. Damit war Kartheiser gerade einmal neun Monate Parteipräsident.

Der Ex-Offizier, Ex-Diplomat und Ex-Chef der Männervereinigung AHL („Association des Hommes“, einer Art Sammelbecken vom Leben enttäuschter, strammer Anti-Feministen, von der seit Kartheisers adr-Karriere keiner mehr etwas gehört hat), der erst vor den letzten Kammerwahlen überhaupt Mitglied der adr wurde, um nach den Wahlen von 2009 dann anstelle der Gibéryen-Tochter Tania ins Parlament einzuziehen, war immer umstritten, auch und vor allem bei den (damals noch) restlichen drei adr-Abgeordneten Gast Gibéryen, Jacques-Yves Henckes und Jean Colombera, die auf dem Ernennungskongress von Kartheiser alle drei stumm blieben.

Direkt nach seiner Wahl zum neuen Chef der selbst ernannten Reformpartei zeigte Kartheiser dem Kongress dann auch direkt, wo der Hammer hängt, als er sich als streng gläubiger Katholik sogleich mit der katholischen Kirche anlegte, die sich immer mehr wie eine Parteisektion der CSV benehme, und dies obwohl die CSV sowohl die Abtreibung als auch die Euthanasie ermöglicht habe und nun auch die Homo-Ehe legalisieren wolle. Sorgen bereiteten dem frischgebackenen Präsidenten in seiner Antrittsrede auch die massive Immigration, die das Land vor viele Probleme stelle. Damit war die Marschrichtung festgelegt.

Das Fass zum Überlaufen gebracht - und Henckes und Colombera lassen hieran keinen Zweifel - hat aber definitiv die Tatsache, dass Kartheiser bei der Abstimmung über die Abtreibungsreform als einziger der 60 Abgeordneten den erzkonservativen Gegendemonstranten von „Pro Europa Christiana“ die Hand gab und sich sogar über deren Anwesenheit freute.

Mit dem früheren CSV-Politiker Robert Mehlen, der dem adr nicht weniger als 21 Jahre vorstand, bei den Wahlen von 2009 aber nicht wiedergewählt wurde, übernimmt jetzt ein Politiker die Interimspräsidentschaft, der ebenfalls als eher rechts gilt. So bemerkte Mehlen auf der gestrigen Pressekonferenz, dass das Land ja im Moment wohl wichtigere Probleme zu klären habe als gesellschaftspolitische. Ein guter Anfang.

In seiner Arbeit unterstützt werden soll Mehlen übrigens von Generalsekretär Jean Schoos, der ebenfalls erst kurz vor den Wahlen adr-Mitglied wurde, nachdem er vorher lange Jahre CSV-Militant war. Wahrlich keine guten Aussichten für die adr.