LUXEMBURG
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Yves Sunnen von der „Domaine Sunnen-Hoffmann“ stellte als erster auf Bio um

Die „Domaine Sunnen-Hoffmann“ in Remerschen ist der luxemburgische Pionier-Bio-Betrieb. 2000 startete er die ersten Bio-Versuche auf zwei Parzellen von 0,35 ha, die sich als erfolgversprechend herausstellten. „Wir wollten sehen, ob man damit auch wirtschaften kann“, sagt Yves Sunnen im „Journal“-Gespräch. „Wir waren einfach nicht mehr zufrieden mit dem konventionellen Anbau. Der Weinbau ist ja ein Beruf, der extrem von der Natur abhängt. Wir wollten naturnaher und nicht mehr mit Produkten arbeiten, die in der Natur nicht vorkommen, wie chemischer Dünger zum Beispiel.“

„Das geht schief“, hieß es von den Kollegen

2001 begann Sunnen die Umstellung des Betriebs und heute werden seine ganzen 9,3 ha nach den Kriterien des EU-Biolabels bewirtschaftet und vom „Oekologischen Kontrollverein Karlsruhe“ kontrolliert. Der Anfang war allerdings nicht einfach, die größte Herausforderung war die Frage, wie stelle ich um. „Wir waren damals auf uns allein gestellt“, erzählt Sunnen. Unterstützung und Beratung, wie sie heute unter anderem vom IBLA („Institut fir Biologësch Landwirtschaft an Agrarkultur“) angeboten wird, gab es damals nicht. „Ich habe mich auf Seminaren in Deutschland und mit Literatur aus- und weitergebildet und habe Kontakt mit deutschen Winzern aufgenommen“, sagt Sunnen. Ansonsten war „Learning by doing“ angesagt.

Einfach war es auch vom Umfeld her nicht, denn dazu kamen die Unkenrufe der Kollegen. „Als wir angefangen haben, waren wir die Komischen und wurden schief angeschaut“, sagt Sunnen heute und lacht. „Es kamen auch Warnungen: Das geht schief, hieß es. Ihr bekommt Krankheiten in die Weinberge. Als wir aber nach zwei-drei Jahren noch immer Trauben hatten und die anderen Winzer beeindruckt feststellten, dass der Wein sogar zu trinken ist, drehte sich der Wind. Heute hat einer der Winzer, der damals am meisten gewarnt hat, mir seine Weinberge verpachtet und lobt, dass sie tipptopp aussehen.“ Da klingt dann schon eine Portion Stolz durch.

Der Ertrag sinkt, wenn man Qualität produzieren will

Und wie sieht es mit dem Ertrag aus? „Der sinkt, dessen muss man sich bewusst sein. Aber das ist immer der Fall, wenn man Qualität produzieren will und ich empfinde es auch nicht als negative Begleiterscheinung: Quantität und Qualität passen halt nicht zusammen.“ Ans Ausbauen denkt Sunnen deshalb auch nicht. „Wir haben unsere Anbaufläche in 15 Jahren verdreifacht. Mit den Wetterkapriolen, die wir in den letzten Jahren beobachten, behalten wir die Größe unseres Betriebs gut im Griff. Wenn bei uns Arbeiten anfallen, müssen sie ja in einem ganz kurzen Zeitraum durchgeführt werden, weil wir Krankheitsbefall rein präventiv bekämpfen. Es gibt keine natürlichen Heilmittel, wenn sich eine Epidemie eingestellt hat“, beschreibt Sunnen das Problem. Zudem sei es wichtig, große Parzellen zu bewirtschaften, da Bioweinbau arbeitsintensiver ist und um Distanz zu den Nachbarn zu wahren. „Kleine verstreute Parzellen dazu zu kaufen oder pachten, ist für uns nicht interessant.“

2009, als er auch einer der acht „Demonstrationsbetriebe Biologischer Landbau“ wurde, erhielt der Betrieb Sunnen-Hoffmann für seine Pionierarbeit eine Spezial-Auszeichnung im Rahmen des Bio-Agrar-Preises. 2011 ging Sunnen dann noch einen Schritt weiter bei seiner Nähe zur Natur und bewirtschaftet seither nach biologisch-dynamischen Grundsätzen.

Überzeugungstäter: Guy Krier stellte vor zehn Jahren auf Bio um: eine ständige Herausforderung

Drei Jahre dauert es bis ein konventioneller Winzerbetrieb auf biologischen Anbau umgestellt ist und dann auch zertifiziert wird. Bis dahin sollten alle Spuren der konventionellen Bewirtschaftung beseitigt sein, denn biologischer Weinbau ist ein ganzheitliches Anbausystem auf biologisch aktivem Boden. Es kommen keine chemisch synthetischen Pestizide, Herbizide und Dünger zum Einsatz, sondern ausschließlich organische Dünger und Kompost sowie Prävention: Biowinzer schützen ihre Reben vor Schädlingen und Krankheiten, indem sie durch Begrünung Nützlinge fördern, Pflanzenschutzmittel auf naturstofflicher Basis einsetzen und Rebsorten anpflanzen, die natürlicherweise widerstandsfähig gegen Pilzerkrankungen sind. Nettes und gewolltes Nebenprodukt ist dabei die Förderung der Artenvielfalt, aber auch die Kompostierung des Bodens, der so gut strukturiert bleibt.

„Die Organisation ist nicht so einfach“, sagt Guy Krier vom „Domaine Krier-Welbes“ in Ellingen-Gare. „Man muss die Pilzkrankheiten und die Entwicklungszyklen gut kennen, um präventiv mit Mitteln wie Schwefel oder Backpulver zu spritzen. Dabei helfen uns heute die Messpunkte der ASTA in den Weinbergen, die Prognosemodelle entwickeln, wie die Pilze sich entwickeln. Man muss aber auch gut beobachten und beim geringsten Verdacht direkt handeln.“ Da die Pilzsporen auf Wasser warten, um sich zu vermehren, müssen sie vor dem Regen bekämpft werden - Wettervorhersagen sind also auch wichtig. „Dieses Jahr hatten wir mit Pilzkrankheiten kein Problem“, sagt Krier. Krier hat 2007 erste Versuche gemacht und auf zwei Hektar, sprich 20 Prozent seiner Anbaufläche biologischen Anbau getestet. „Das funktionierte so gut, dass ich gleich den ganzen Betrieb umstellte.“ Auslöser war die Geburt seiner Tochter. „Wenn man Kinder hat, wird man sensibler für den Umweltschutz und stellt vieles in Frage. Mit chemischen Mitteln zerstört man die Mikrobiologie des Bodens. Ich wollte ein nachhaltiges Produkt auf einem Boden machen, der nicht in 100 Jahren verödet ist.“ Man dürfe auch nicht vergessen, dass der Wein ein Genussmittel ist. „Ich sehe nicht ein, warum ein Luxus-Mittel auch noch die Natur belasten soll“, sagt Krier, der lange konventionell gearbeitet hat und es als „einfacher, aber eintönig“ empfindet.

„Die abfälligen Bemerkungen der Kollegen am Anfang haben mich schon gestört“ sagt er heute. „Es gibt aber generell ein Umdenken und auch wenn unser Prozentsatz noch gering ist: In den nächsten fünf Jahren wird sich viel tun.“

Die Begrünung beim Bioweinbau

Was aussieht wie ein zufällig entstandenes Chaos, ist in Wirklichkeit das Resultat eines oft ziemlich ausgeklügelten Systems. Denn würde man im Bioanbau die Begrünung einfach sich selbst überlassen, würden sich sehr schnell einige Arten durchsetzen, die die Eigenschaft besitzen, besonders konkurrenzstark zu sein. Ihre extrovertierte Art verdränge die eher schüchternen Zeitgenossen, wie auch die Experten der IBLA bestätigen. So müssen Bio-Winzer dafür sorgen, dass alle Charaktere ihre Daseinsberechtigung haben. Deshalb verfolgen sie bestimmte Begrünungsstrategien. So wird beispielsweise regelmäßig der Boden in einigen Rebzeilen bearbeitet, um neue Begrünungsmischungen einzusäen und die Vielfalt zu vergrößern. Natürlich darf da die Rebe nicht zu kurz kommen. Es muss dafür gesorgt werden, dass die Begrünungspflanzen nicht zu Wasserkonkurrenten werden. Dafür ist viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl notwendig.

Kontrollierter Anbau

Biowinzer wirtschaften nach EU-weit einheitlichen Regeln. Kontrolliert wird das durch unabhängige Kontrollstellen, die einmal im Jahr auf die Betriebe kommen. Dabei werden die Weinberge sowie alle Arbeitsgeräte, Betriebsmittel und auch die Verarbeitungsmethoden sorgfältig geprüft. So werden beispielsweise Blattproben entnommen, um zu kontrollieren, dass keine unerlaubten Pflanzenschutzmittel ausgebracht und verwendet worden sind.

Biowein als Bezeichnung für biologisch angebaute Weine ist erst nach der Umstellungsphase der Weinberge mit einer Dauer von drei Jahren möglich. In dieser Zeit werden die Betriebe ganz besonders aufmerksam geprüft. Während der Umstellungszeit dürfen die erzeugten Weine und Crémants kein Biosiegel tragen. Nach einem Jahr Umstellungszeit darf auf dem Etikett die Bezeichnung „Hergestellt im Rahmen der Umstellung auf ökologischen Weinbau“ verwendet werden.

Unkrautbekämpfung

Herbizide sind eigentlich aus der Landwirtschaft kaum noch wegzudenken. Auf zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen kommen sie standardmäßig zum Einsatz und auch im konventionellen Weinbau ist man auf sie angewiesen. Dabei wird der Bereich unter den Rebstöcken so behandelt, dass keine sogenannten Beikräuter mehr zu sehen sind. Es entstehen die charakteristischen Herbizidstreifen unter den Rebstöcken. Herbizidrückstände reichern sich aber in Böden, Gewässern, Nahrungsmitteln und somit auch in der Nahrungskette an. Einmal in der Nahrungskette, finden sie auch den Weg in den menschlichen Organismus. Die langfristigen Auswirkungen auf den Konsumenten und auf den Naturhaushalt sind eine „Black-Box“. Deshalb sind Herbizide im biologischen Weinbau verboten. Trotzdem muss auch im Bioweinberg dafür gesorgt werden, dass Beikräuter nicht die Überhand gewinnen. Hier stehen ausschließlich mechanischen Methoden zur Verfügung.

Pflanzenschutz & Artenvielfalt

Der Weinberg bietet im biologischen Anbau ein besonderes Mikroklima und für viele spezialisierte Pflanzenarten eine Heimat. Eine standorttypische Begrünung lässt auch Raum für bedrohte Pflanzenarten. Beispielsweise sind die wilde Tulpe oder die Weinbergs-Traubenhyazinthe auf die schonende Bearbeitung des Bodens angewiesen, ebenso der Mauerpfeffer, Walderdbeeren, Habichtskraut und Acker-Stiefmütterchen. Pflanzenschutzmaßnahmen sind daher sehr wichtig, chemisch-synthetische Pestizide ausdrücklich verboten. Ausschließlich Mittel auf naturstofflicher Basis kommen zum Einsatz. Dazu zählen beispielsweise Kupfer, Schwefel, Pflanzenöle, Backpulver und pflanzliche Extrakte. Die Mittel sind fast ausschließlich sogenannte Kontaktfungizide, sie wirken nur, wenn sie auch tatsächlich in Kontakt mit dem entsprechenden Schadorganismus treten. Eine kurative, das heißt heilende Wirkung können sie nicht entfalten.

Bio boomt: Die Nachfrage nach Öko-Wein ist ordentlich gestiegen

Biowein wird immer populärer, vor allem in Europa: Dort ist im Zeitraum 2004 bis 2015 der Konsum von Wein aus ökologischem Anbau um 295 Prozent und weltweit um 280 Prozent gestiegen. Das teilte im April diesen Jahres der Verband der Biowein-Produzenten Federbio bei der Weinmesse Vinitaly in Verona mit. Es macht sich mittlerweile auch im Anbau bemerkbar: Die EU spielt mit einer beackerten Fläche von 293.000 Hektar eine Spitzenrolle bei der Produktion von Bio-Wein. Im Weinland Italien werden Bioweintrauben auf 11,9 Prozent der gesamten landesweiten Weinanbaufläche kultiviert. In Österreich sind es 11,7 Prozent und in Spanien 10,2 Prozent.
Luxemburg hinkt hier noch weit hinterher - sogar wenn man sich die Zahlen unserer Nachbarländer anschaut, die mit diesen Spitzenreitern nicht mithalten können: In Frankreich werden acht Prozent und in Deutschland 7,6 Prozent der Weinbaufläche biologisch bewirtschaftet. In unserem Ländchen sind es ganze vier Prozent. Biowinzer sind dennoch ein Lichtblick: „Der Konsum von ausländischen Weißweinen ist in Luxemburg höher als der heimischen Weißweine. Bioweine bieten eine Möglichkeit, diesen Trend zu brechen“ sagte Roby Ley, Direktor des „Institut Viti-Vinicole“ vergangene Woche, als die Bio-Weinlese begann. Das Angebot an Bioweinen liege deutlich unter der Nachfrage in Luxemburg, die derzeit noch überwiegend im Ausland gedeckt werde.
In Luxemburg begann die Geschichte des biologischen Weinbaus im Jahr 1995, als die „Stëftung Hëllef fier d’Natur“ brach liegende Terrassenweinberge „Canecher Wéngertsbierg“ in Canach neu aufbaute und sie nach den Methoden der biologischen Landwirtschaft kultivierte. 2001 folgte mit der „Domaine Sunnen-Hoffmann“ der erste Winzerbetrieb, der komplett umstellte. Mittlerweile wirtschaften 15 Betriebe auf 40 Hektar zertifiziert biologisch. 13 Hektar befinden sich in der Umstellung auf die biologische Bewirtschaftung, die drei Jahre dauert. Der Trend ist also durchaus auch in Luxemburg angekommen. Bioweine haben ihren Ruf, sauer zu sein und „komisch“ zu schmecken lang hinter sich gelassen. Und Biowinzer werden heute auch nicht mehr als „Spinner“ abgetan oder haben den Ruf, nicht gerne zu arbeiten, weil ihre Weinberge ein bisschen wilder aussehen - die Qualität des Weins, aber auch der Zustand der Weinstöcke, die keineswegs an Krankheiten eingegangen sind oder im Unkraut erstickten haben überzeugt. Die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung bleibt derweil eher eine Generationenfrage. Kein Winzer wird fünf Jahre vor seinem Rückzug in die Rente noch umstellen - der Impuls muss schon von den jungen Winzern kommen.
Ohnehin darf auch im konventionellen Weinanbau heute längst nicht mehr alles unkontrolliert auf Acker- und Weinbauflächen gesprüht und verteilt werden. Die Zeiten der chemischen Keulen, wie man sie in den 1970er, 80er und 90er Jahren kannte, ist vorbei. Auch diese Weinberge werden alle fünf Jahre kontrolliert, ob keine verbotenen Chemikalien, wie Blaukorn beispielsweise übermäßig verwendet wurden, es muss ein Parzellenpass geführt werden und vor allem Sprüheinsätze mit dem Helikopter müssen genauestens dokumentiert werden - zum Schutz nicht zuletzt der Winzer, ihrer Mitarbeiter und der Bevölkerung. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein humushaltiger und wasserspeichernder Boden sowie eine möglichst große Artenvielfalt auch für den konventionellen Weinanbau wichtig ist - die Bio-Philosophie hat erfreulicherweise auch integriert wirtschaftende Betriebe befruchtet.  Annette Welsch