LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über Schreibblockaden und Textproduktion

Das waren noch Zeiten, als wir uns gegenseitig Postkarten aus dem Urlaub zuschickten. Als Kind schrieb ich immer ganze Romane und ärgerte mich, dass mir nur so wenig Platz zur Verfügung stand, ganz im Gegensatz zu meiner Familie, die sich damit etwas schwerer tat. So berichtete mein Bruder etwa meinem frankophonen Onkel, wir seien mit den „cheveux“ durchs Wasser geritten. Meine Mutter begann ihren Text mit der Erklärung: „Da ich telefonier- und schreibfaul bin“ und niemand von uns hatte eine Idee, wie man diesen Satz zu einem runden Abschluss bringen sollte.

Kindliche Nonchalance

In dem Moment verstand ich zum ersten Mal, was es mit ihr auf sich hatte, mit der schreckenerregenden Schreibblockade. Auch wurde mir klar, dass ich nur als Kind vor ihr gefeit war. Denn ganz gleich, ob es sich um eine Postkarte, einen literarischen Text oder einen Artikel handelt, heute weiß, dass ich verschiedene Themen nicht oder nicht mehr behandeln kann, weil sie zu heikel, zu banal, zu häufig erwähnt oder schlichtweg nicht mit Worten zu beschreiben sind. Versucht man es dennoch, zerschellen sie am Papier wie die Schiffe am Magnetberg. Auch war mir als Kind alles neu und weckte meine Begeisterung. Jetzt aber hemmt mich meine Neophilie, der Zwang, Altes zumindest in einem neuen Gewand erscheinen zu lassen.

Ich habe niemals Angst, keinen Einfall zu haben. Ich habe Angst, keinen neuen Einfall zu haben, keinen, der meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden würde. Wenn ich behaupte, ich hätte noch keine Idee für meine nächste Kolumne, dann stimmt das so nicht. Was ich meine, ist, dass ich viele Ideen habe, viel zu viele, und dass ich überfordert bin, eine davon auszuwählen. Die weiße Seite, die mich anstarrt, ist nicht gemein, weil sie leer ist, sondern, weil sie mir eine Entscheidung abverlangt, die zu treffen ich als Erwachsene unfähig geworden bin.

Kein Wort ohne Gedanke

Da hilft nur, den ein oder anderen Gedanken aus den Tiefen des mentalen Ozeans an die Oberfläche zu bringen, um zu sehen, wie er sich dort entwickelt. Wenn ich Glück habe, fühlt sich das gut und richtig an, und zwar so weit, dass ich den zufriedenstellenden Eindruck habe, genau dann am produktivsten zu sein, wenn ich gerade nicht schreibe. Ein materielles, nach außen hin sichtbares und greifbares Wort ist damit noch nicht entstanden. Aber die Voretappe wurde geleistet und ich frage mich, ob die nicht noch entscheidender ist, als der Schreibprozess selbst.

Immerhin ist Gedankengut auch eine Art von Produkt und ein wertvolles noch dazu. Wie wertvoll, erfahre ich immer wieder, wenn ich mich mit Autoren und Künstlern unterhalte. Es sind genau diese Gedanken, die die Unterhaltung mit ihnen so spannend macht. Und ob sie diese jetzt zu Papier gebracht oder bisher nur mündlich geteilt haben, ist im Grunde völlig irrelevant. Der beste Schriftsteller ist nicht derjenige, der am schnellsten die meisten und die schönsten Worte formen kann. Ein Autor ist jemand, der einen großen Fundus an ausgereiften Gedanken hat, aus dem er potenziell schöpfen kann. Es ist jemand, der nicht durch die Lust am Wort angetrieben wird, sondern durch das, was er mitzuteilen hat.

Zwischen den Zeilen

Behält man im Hinterkopf, dass das Schreiben ein Prozess ist, der aus mehreren Etappen besteht, und die Schreibblockade nur die letzte davon tangiert, scheint sie auf einmal gar nicht mehr so bedrohlich. Das Problem berührt nicht das „was?“, also den Inhalt eines zu schreibenden Textes, sondern lediglich das „wie?“.

Das bedeutet nicht, dass es einfach ist, das richtige Wort zu finden. Es ist eine Kunst, die gelernt sein will, und eine Herausforderung, der sich insbesondere Dichter immer wieder aufs Neue stellen müssen. Ohne den Buchstaben, das Wort, den Satz entsteht nun einmal kein Text, noch nicht einmal ein Gespräch. Der Schriftsteller könnte sich dann nach außen hin nicht als solcher ausweisen. Der Text ist Voraussetzung, nicht unbedingt, um Autor zu sein, sondern um als solcher zu gelten und leben zu können.

Am Ende aber sind Semantik und Ästhetik der Wörter zweitrangig. Das Wichtigste und Berührendste an einem Text nämlich ist das, was nirgends geschrieben steht, ist das, was zwischen den Zeilen erklingt, das Immaterielle, das Gedankengut, das durch die Buchseite durchschimmert und den Blick frei gibt auf die erwähnten ersten Etappen des Schreibprozesses. Auf die Gedanken, die schon lange existiert und geschaffen worden sind, noch bevor der Stift zum ersten Mal das Papier berührt hat.

Keine Zeitverschwendung

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist weitaus mehr als die Ermutigung, der Schreibblockade mit weniger Angst entgegenzutreten. Es ist der Hinweis auf etwas, was heute zusehends in Vergessenheit gerät: die Wichtigkeit von Momenten, die man sich nur für sich einräumt und in denen man sich zurückzieht, um über bestimmte Themen und Sachverhalte zu sinnieren. Ich weiß nicht, woher die allgemeine Überzeugung rührt, es sei Zeitverschwendung und führe zu Depressionen, wenn man sich nicht genügend davon ablenke und -halte. Nachzudenken ist weder überflüssig, noch sinn- und zwecklos, auch ist es nicht produkt- und ergebnislos. Es trägt im Gegenteil eine ganz und gar bewegende, verändernde Kraft in sich, die sich nicht nur ein Schriftsteller zunutze machen sollte.