LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Kultur schafft Division – Kultur verbindet

Kultur verbindet Menschen, aber Kultur schafft auch Raum für Abgrenzung und einen Nährboden für Intoleranz. Beide Sätze sind zu verstehen und für sich und in sich schlüssig. Wir haben es hier demnach mit einer waschechten Antinomie zu tun, nach der, laut Duden, ein Widerspruch innerhalb zweier Sätze, die beide einen Anspruch auf Gültigkeit erheben, besteht. Wie kann es sein, dass beide Aussagen nebeneinander Bestand haben können? Nun, ich plädiere dafür, dass die Krux in der Betrachtungsweise des Konzeptes liegt, sodass ein allzu enger Begriff der Kultur die Möglichkeit der sozialen Division befeuern kann, wohingegen Kultur im globalen, allgemeingültigen Sinne Grundsätze innehat, nach denen sich die Verbindung der Menschen untereinander als wesentliches Moment ergibt.

Bevor wir uns jedoch mit dieser Antinomie beschäftigen, ist ein Umriss des Begriffs der Kultur unumgänglich. Als Kultur beschreibt sich die von Menschen geschaffene Lebensform, die demnach von dem, was dem Leben an Natürlichem zukommt, zu unterscheiden ist. Die Natur in uns betrifft unsere Biologie und den Organismus, und wohl auch grundlegende Funktionen der Psyche. „Cultura“, das lateinische Wort für Pflege, Ackerbau, Anbau, Bearbeitung, Ausbildung und Veredelung, weist bereits darauf hin, dass hierbei ein aktives Zutun unsereins verlangt wird. Mit dem Begriff der Kultur verbunden ist die Kulturalität, durch die sich die Eigenschaften beschreiben lassen, nach denen die Zugehörigkeit zu einer gewissen Kultur, also einer größeren Gruppe von Menschen, einer Zeitspanne oder Lebensräumen festgelegt wird. Häufig zeichnen sich die Eigenschaften durch Essgewohnheiten, Kleiderstile, Wohngewohnheiten, Kunsttraditionen, Philosophien, Religionen, Rechtssysteme und Sprachformen aus. Eine Kultur kennt demnach einen Katalog an Merkmalen, durch den sie sich auszuweisen vermag.

Zeigt sich nun die Tendenz, die eigene Gruppe anhand ihrer spezifischen Merkmale als Zentrum aller Völker und Kulturen anzusehen, sie zu stilisieren und ihre Andersartigkeit als Grund des Vorzugs darzustellen, postuliert sich damit eine voreinzunehmende Hierarche aufgrund von Grundsätzen, Normen, Werten und Lebensweisen. „Fremde“, „andere“ Kulturen sind nur am Maßstab der eigenen Vollkommenheit zu messen und können demnach nur minderwertig sein. Dass Toleranz und Akzeptanz hierbei schnell zu kurz kommen, ist offenkundig und wird – tragischerweise – im Alltag mehr als nur eine Bestätigung finden. Der Ethno- oder Kulturzentrismus, wie sich diese Tendenz nennt, ist Nährboden für Streit, Ausgrenzung, Gewalt, Krieg, ja, oftmals gar ein Todesurteil für die „Anderen“. Denken Sie an die Nulltoleranz innerhalb gewisser Religionen oder totalitären Regime. In Afghanistan lebten beispielsweise Männer, die keinen Bart trugen, in steter Gefahr, war dies doch spezifisches Merkmal der Kultur, dem blind Folge zu leisten war. Nun stellt die Philosophie die Frage, warum spezifische Merkmale einer Kultur – hier im engen Begriff – dazu dienlich sein sollten, um sich radikal gegen andere Kulturen abzugrenzen, die eigene Vorzüglichkeit hervorzuheben und Andersartigkeit zu verdammen und dadurch anhand der Kultur einen Hebel für Division zu schaffen?

Um diesem Umstand nachgehen zu können, ist sich die Frage zu stellen, inwiefern die Grundsätze, auf denen diese kulturzentristischen Behauptungen basieren, überhaupt allgemein intersubjektiv geltend werden können. Wie entstehen sie? Legitimiert der Ursprung ihre Vorherrschaft?

Dieser Frage kann ich hier nicht in vollem argumentativen Rahmen nachgehen, jedoch sei die Reflexion in den Vordergrund gestellt, dass Verboten oder Regeln, die nur aufgrund von Überzeugungen einzelner Autoritäten oder anhand von Zwangsmaßnahmen geltend gemacht werden, keine argumentative Gültigkeit zugesprochen werden kann. Normen, die auf den nicht weiter begründbaren Willen einer Gottheit oder eines Gurus zurückzuführen sind, oder schlichtweg auf Gewohnheiten fußen, fehlt es an Legitimität und Begründbarkeit, um als Pfeiler eines allgemeinen Grundsatzes fungieren zu können. Auf die Frage des „Warum“ wird hier nur mit einem „weil das so ist“ oder „weil das schon immer so war“ geantwortet werden können, und Fundamentalismus, mit Verlaub, entzieht sich jeder Logik und intersubjektiver Gültigkeit.

Das, was die Kulturen allerdings allesamt auszeichnet, ist, dass sie Gruppen von Menschen beschreiben. Interkulturell gültige Grundsätze der Kultur müssten daher solche sein, nach denen sich die Menschheit generell als Gemeinschaft ansehen lässt – Spezifikationen sehr wohl eingeschlossen, ohne dass diese das Wesentliche des Miteinanders bestimmen dürfen. Es muss also argumentativ zu rechtfertigen sein, inwiefern ein Grundsatz für eine Gruppe von Menschen allgemein geltend gemachtwerden kann, wobei sich herausstellen dürfte, dass solche kulturelle Grundsätze derart beschaffen sei müssen, dass sie gar interkulturell als verbindende und einende Moment – global – als Grundsätze der Menschheit oder der Weltkultur geltend werden können. Und der Aufweis einer Zusammengehörigkeit wird, im Kleinen wie im Großen, friedensfördernde Auswirkungen mit sich bringen.

So gibt es Normen, auf die sich interkulturell geeinigt werden kann, wie etwa die Integrität der Menschenwürde. Ja, klar denkt man unmittelbar an einige Länder, in denen diese mit Füßen getreten wird. Doch haben wir vorab bereits festgelegt, dass Regeln, die im Totalitarismus oder Fundamentalismus ihren Boden finden und sich jeglicher logisch-argumentativen Auseinandersetzung entziehen keine legitimierbare Grundsätze für ein gemeinsames, humanes Miteinander liefern können. Alles in allem konnte sich auf die Integrität der Menschenwürde verständigt werden, wohingegen eine Einigung auf die Zulässigkeit von Mord, zum Beispiel, nie interkulturell angenommen werden würde. Alle Menschen sind Menschen, und die Werte, die mit dem Menschsein an sich verbunden werden können, ohne dass sich Irrungen durch Fundamentalismen einschleichen, werden auf jedem Kontinent, gleichwie in welcher Form, zur Förderung eines humanen Miteinanders geltend gemacht werden können. Kultur im weiten, globalen und humanen Sinn ist demnach als Mittel anzusehen, durch welches sich der Pflege, dem Ausbau und Veredelung der Menschheit gewidmet werden kann.