LUXEMBURG
LJ

Es herrscht geschäftiges Treiben an diesem frostigen Freitagmorgen rund um das Schloss von Bettingen/Mess, wo die Zentralverwaltung der „Association des Parents d’Enfants Mentalement Handicapés“ untergebracht ist. Gerade hat ein Kleinbus Mitarbeiter gebracht, die in den verschiedenen Ateliers am Standort arbeiten, wo unter anderem Landwirtschaft betrieben wird, eine Gärtnerei, aber auch eine Schreiner- und Keramikwerkstatt gibt es hier und einen Laden, wo die APEMH-Produkte erhältlich sind. Die Mitarbeiter grüßen freundlich, wir wechseln ein paar Worte über den ersten Schnee in diesem Jahr und wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag.

Auch in der Verwaltung innerhalb des Schlossgebäudes aus dem 18. Jahrhundert geht es geschäftig zu. In den Ateliers in Hosingen ist an diesem Tag Adventsfeier. Und tags darauf findet rund um die Foto-Ausstellung „Pictures for Life“ im „Pomhouse“ in Düdelingen ebenfalls ein Weihnachtsfest statt mit anschließender Foto-Versteigerung und Party. Dies war eins der Highlights des Programms zum 50. Jubiläum der APEMH, für die solche öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen von größter Bedeutung sind. Denn die Vereinigung, die am 15. Dezember 1967 Eltern geistig behinderter Kinder gründeten, um zu gewährleisten, dass ihre Sprösslinge auch nach ihrem Tod gut betreut würden, finanziert sich zu einem bedeutenden Teil aus Spenden und ist auf Freiwilligenarbeit angewiesen.

Auf Freiwilligenarbeit angewiesen

Generaldirektor Raymond Ceccotto würde sich wünschen, dass sich auch mehr junge Leute für die APEMH engagieren würden. Und Spenden würden mehr denn je gebraucht angesichts immer knapper berechneter staatlicher Unterstützung und der wachsenden Nachfrage nach den Diensten der APEMH. 325 Personen mit einer geistigen Beeinträchtigung würden in den kommenden Jahren auf Wartelisten für diese Dienste stehen. Am längsten ist mit 122 Namen die Liste der Anwärter auf einen Platz in den Wohnstrukturen der APEMH. „Wir müssten acht bis zehn neue Betten jährlich schaffen“, hat Raymond Ceccotto ausgerechnet. Eine Herausforderung, die kaum zu meistern sei, auch angesichts der wachsenden Auflagen beim Bau von Strukturen für Mitbürger mit spezifischen Bedürfnissen.

Ceccotto, der bereits seit Anfang der 1980er in Diensten der APEMH steht, weist auch darauf hin, dass sich die Nachfrage ändert. So würden etwa in Zukunft mehr Wohneinheiten gebraucht, die auf die Bedürfnisse von älteren behinderten Mitbürgern zugeschnitten seien.

Auch bei der beruflichen Ausbildung und den Ateliers gibt es eine längere Warteliste. Zudem bleiben die Angestellten dort länger. Und Wechsel in den regulären Arbeitsmarkt gebe es kaum. „Wir würden uns wünschen, dass dies öfter gelingen würde“, sagt Ceccotto, „aber die Eingliederung in einen Arbeitsmarkt, der immer mehr intellektuelle Kompetenzen fordert, wird immer schwieriger“.

Brücken zur Arbeitswelt

Dennoch sei es gelungen, eine Reihe von Brücken mit Arbeitgebern zu bauen. So beschäftigt Luxlait eine Mannschaft von Menschen, die in den „Ateliers Protégés“ ausgebildet wurden, wo übrigens 366 Leute mit spezifischen Bedürfnissen fest angestellt sind. Die Erfahrungen mit solchen Kooperationen, für deren Zustandekommen zwar einige Hürden genommen werden müssten, wie etwa der Transport oder die Betreuung vor Ort, seien meist positiv, sagt Ceccotto, der sich auch inbrünstig wünscht, dass der Ausbau des Gemüseanbaustandorts in Limpach endlich voran geht. „Da sind wir bald zehn Jahre in Verzug“, sagt der Generaldirektor. Das Projekt, das eine Übersiedlung von Ateliers vom Standort Bettingen und somit deren Vergrößerung ermöglichen würde, stecke im Genehmigungsdschungel fest. Allgemein klappe die Zusammenarbeit mit den staatlichen und kommunalen Behörden allerdings gut, es gebe ein großes Entgegenkommen für die APEMH, die „schließlich eine wichtige Aufgabe des Sozialstaats übernimmt“, wie Raymond Ceccotto betont.

Breit differenziertes Angebot

Für ihn ist wichtig, dass ein breit differenziertes Angebot besteht, um auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung eingehen zu können. „Auch sie haben Wünsche nach Selbstbestimmung und wollen ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Auch sie möchten arbeiten und autonom wohnen. Auch sie haben ein Gefühlsleben und möchten oft selbst Kinder haben“, erklärt Raymond Ceccotto. Die wahre Inklusion könne nur gelingen, wenn die Voraussetzungen auch bestehen, damit sich diese Wünsche erfüllen. 

Die APEMH und ihre Vereinigungen: Fünf an der Zahl

Die „Association des parents d’enfants mentalement handicapés“ (APEMH) ist in fünf Vereinigungen aufgeteilt, die jede einen eigenen Verwaltungsrat hat.

Die Stiftung APEMH

Von 1967 bis 1985 war die APEMH eine Vereinigung, 1985 wurde sie eine Stiftung („Fondation APEMH“). Sie kümmert sich um die Ideen und Projekte der APEMH, plant Hilfen oder Angebote, beziehungsweise verbessert diese oder baut sie aus. Die notwendigen Gebäude zu planen und zu bauen, fällt ebenfalls in den Aufgabenbereich der Stiftung. Außerdem schafft sie Kontakte und Partnerschaften mit Vereinigungen in Luxemburg und dem Ausland sowie mit den verschiedenen Ministerien. Die „Fondation“ kümmert sich darüber hinaus um Vormundschaften und leitet europäische Projekte. Außerdem vertritt die Stiftung die APEMH in Luxemburg und in Europa. Präsident ist Roland Anen.

APEMH Wohnen und Dienste

Die asbl APEMH Wohnen und Dienste („APEMH Hébergement et Services“) besteht seit 2007. Sie kümmert sich um die Wohnstrukturen (2016 waren es 21 Häuser mit 182 festen Bewohnern) und die Tages-Zentren der APEMH für Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in Esch/Alzette, Mondorf oder Clerf. Die APEMH bietet verschiedene Möglichkeiten zum Wohnen: Für Bewohner jeden Alters, für Bewohner, die mehr Hilfe brauchen oder nur wenig Hilfe. Die Bewohner werden rund um die Uhr betreut und erhalten die Unterstützung, die sie brauchen. Auch besteht die Möglichkeit zum „Wohnen auf Zeit“ (2016: 51 Bewohner), wo zurzeit kein Platz mehr frei ist. Auch bietet die APEMH die Formel des halb-offenen Wohnens an, wo die Bewohner vieles selbstständig erledigen. Ferner gibt es bei der APEMH verschiedene Betreuungsdienste und Freizeit-Treffs. Präsident der asbl ist Roland Anen.

APEMH Ausbildung und Arbeit

Die Vereinigung APEMH Ausbildung und Arbeit („Formation et Travail“) wurde 1996 ins Leben gerufen und kümmert sich um die berufliche Ausbildung. Das „Centre de Propédeutique Professionnelle“ (CPP) ist eine Lehrwerkstatt. Derzeit gibt es vier CPP Zentren: das CPP Bettingen, das CPP Esch-Nossberg, das CPP Bettemburg im „Parc Merveilleux“ und das CPP „Parc Hosingen“. Präsident der APEMH Ausbildung und Arbeit ist Jean Giwer.

Die APEMH Kooperative

Die APEMH Kooperative („APEMH Société Coopérative“) besteht seit 1987 und kümmert sich um die verschiedenen Ateliers oder Werkstätten. In den Ateliers werden Produkte hergestellt, die dann verkauft werden. Sie geben den Menschen einen bezahlten Arbeitsplatz. Derzeit verfügt die APEMH Kooperative über vier Strukturen in Bettingen (mit Nossberg), Bettemburg, Hosingen und Limpach (im Bau) mit 18 verschiedenen Aktivitäten (Berufen). Hier werden 366 betreute Arbeiter beschäftigt. Präsident der APEMH Kooperative ist Paul Kihn.

APEMH Hilfsdienste zu Hause

Die APEMH Hilfsdienste zu Hause („APEMH Home Service“) wurden 2007 ins Leben gerufen. Es handelt sich um einen Betreuungsdienst für Menschen zu Hause, der zwei Bereiche begreift: das APEMH-Büro für Hilfe und Pflege zu Hause und den Betreuungsdienst für zu Hause SeSAD („Service de Soutien d’Aide à Domicile“).