LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Serbiens Präsident bezichtigt die EU in Sachen Katalonien der Doppelmoral. Sie habe die Unabhängigkeitserklärung der serbischen Provinz Kosovos 2008 anerkannt, lässt dies aber nun nicht für Katalonien geltend werden. Verspielt die EU damit ihre moralische Integrität? Kommt sie mit einer mehrseitigen Moralkonzeption daher, die je nach Situation im Winde dreht?

Herbe Vorwürfe, nicht wahr? Der Vorwurf der Doppelmoral hört man indes natürlich nicht nur auf politischem Terrain, oft werden auch im kommerziellen oder gesellschaftlichen Gewerbe die Anschuldigungen ambivalenter moralischer Gesinnungen laut. Doch was ist das überhaupt, die Doppelmoral? Und vor allen Dingen, ist Doppelmoral apriorisch als negativ zu verstehen?

Gemeinhin verstanden beschreibt sich die Doppelmoral als ein Beurteilen nach verschiedenen Maßstäben. Dem Einen lässt man etwas durchgehen, den Anderen bestraft man deswegen. Oder auch, wenn es um einen selber geht. So ist man vielleicht selbst nicht der Allerdisziplinierteste, meckert aber am unordentlichen Mitbewohner ständig rum. Ein recht berühmtes Beispiel dafür lieferte vor einigen Jahren der Fall eines Staatsanwalts, der für härtere Bestrafung von Freiern und Zuhältern war und später als Gouverneur Gesetzestexte dafür durchbrachte. Auf einmal kam ans Licht, dass er selbst ebenfalls mit Prostituierten verkehrte. Der Skandal war groß, das Geschrei nicht zu überhören.

Am besagten Beispiel lässt sich die feine Nuancen zwischen den Situationen bestens hervorheben. Wenn sich für eine bestimmte Option eingesetzt wird, die im betreffenden Kontext als die ‚gute und richtige‘ gehandelt wird, ist das eine Botschaft, die für die Allgemeinheit geltend vermittelt werden soll. Als Fallbeispiel stellen wir uns den Polizisten vor, der eigentlich weiß, dass man nicht mit überhöhter Geschwindigkeit fahren darf, und auch seine Mitmenschen, wenn er denn im Dienst ist, dafür zur Rechenschaft ziehen muss. Kommt es nun dazu, dass derjenige, der die einzuhaltende Richtlinie zu predigen gedenkt, sich am Wochenende selbst nicht unbedingt dem Geforderten entsprechend verhält, tut dies der Richtigkeit der eigentlichen Maxime doch keinen Abbruch. Zu schnell fahren ist und bleibt gefährlich und strafbar. Es bleibt sich nur zu fragen, inwiefern der Übermittler dieser Regel noch Glaubwürdigkeit genießen darf. Allerdings bedeutet dies nicht, dass der Abtrünnige nicht selbst auch weiß und sich voll und ganz bewusst ist, dass er gegen sein eigentliches Statement geht. Das heißt, er gesteht sich eigentlich auch ein, dass er selbst an seinen moralischen Forderungen scheitert. Und dennoch gilt die Richtigkeit der Forderung nach wie vor. Natürlich liegt es einem jeden von uns auf der Zunge, den ‚scheinheilig‘ Predigenden der Doppelmoral zu bezichtigen.

Nicht umhin kommen wir aber in diesem Sinne, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Entspricht es dem moralischen Kodex, den wir als Maßstab des Alltäglichen sehen? Doch auch wenn es dies nicht tut, heißt es nicht unbedingt, dass unser Verhalten per se als verwerflich zu deuten ist. Begeben wir uns mental in die dunkle Zeit der Judenverfolgung. Sie helfen einem Verfolgten, sich auf Ihrem Speicher zu verstecken. Kommen die Offiziere, verneinen Sie vehement, jemandem Unterschlupf zu gewähren. Eine handfeste Lüge demnach, welche mit Ihrer Maxime, du sollst nicht lügen, denn wo kämen wir hin, wenn wir alle lügen würden - hallo Kant - gänzlich bricht. Doch ist es nicht dennoch erforderlich, den moralischen Maßstab manchmal an Kontext und Situation anzupassen? Die allgemeingültige Maxime bleibt weiterhin bestehen, Lügen sind verwerflich. Ein Umgehen dieses Maßstabs bringt in diesem Fall allerdings mit sich, dass die Auswirkungen, die diese moralische Forderung haben würde, deutlich abgemildert werden, sodass sich die Situation eines Einzelnen durch das Umgehen der eigenen Norm, nach der man sich ansonsten täglich zu richten vermag, deutlich verbessert.

In dem Sinne bleibt zu sagen, dass die Doppelmoral nicht zwingend als etwas Negatives anzusehen ist. Es erfordert ein feinfühliges Abwägen, ein Hinterfragen der eigentlichen Norm, und ein Einschätzen der Konsequenz. In einem solchen Fall erhält die Doppelmoral eine Daseinsberechtigung. Der EU in Sachen Katalonien den mahnenden Finger zu zeigen, um eine wohlbedachte Einschätzung des momentanen Zustandes zu beschwören, ist angebracht. Ihr aber im Hinblick auf einen anderen, divergierenden, kontext- und situationsabhängigen Fall unmoralisches Fehlverhalten vorzuwerfen, ist dann aber wohl doch zu gewagt. Es haben sich etliche Bedingungen geändert, sodass beide Situationen eigentlich nicht wirklich im analogen Verhältnis zu lesen sind. Wir dürfen nicht urteilen, bevor wir Beweggründe und Kausalitäten einsehen können. Erst dann entscheidet sich über gut oder schlecht, denn, wie oben erwähnt, ist es die spezifische Situation an sich, die das moralische Fingerspitzengefühl der Entscheidenden herausfordert.