LUXEMBURG
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Vor 73 Jahren warfen die USA eine Atombombe über Hiroshima ab – Der Beginn einer schrecklichen Ära

Der 6. August 1945 ist ein schöner Sommertag in Hiroshima. Der neunjährige Yasuhiko Taketa ist schon früh unterwegs. Seine Mutter hat ihn beauftragt, seiner verheirateten Schwester, die im Stadtzentrum lebt, Miso-Paste zu bringen. Den Jungen wurmt das, denn er hat an diesem Tag frei, nachdem seine Klasse am Vortag bei Arbeiten hinter dem Rathaus geholfen hat. In Kriegszeiten mussten auch die Kinder hart mit anpacken. Plötzlich hört Yasuhiko Alarmsirenen, die in letzter Zeit immer öfter erschallen, denn alliierte Flugzeuge werden immer öfter über Japan gesehen. Der Schüler macht kehrt, läuft nach Hause. Doch seine Mutter schickt ihn wieder los.

Um 8.16 war die Stadt ausradiert

Am Bahnhof wartet er auf den nächsten Zug. 8.10. „Plötzlich war da ein Lichtblitz, heller als die Sonne“, erzählte Yasuhiko Taketa Jahre später, „eine zeitlang war ich geblendet. Der Bahnhof und die Schienen waren in ein blau-weisses Licht getaucht, als ob Magnesium vor dem Bahnhof brennen würde“. Sekunden später hört der Junge das gewaltige Grollen einer Explosion. „Meine Ohren klingelten, der Boden bebte unter meinen Füssen und alle Gebäude um mich herum zitterten. Glasfenster zerschmetterten. Ich würde auf den Rücken geworfen und dachte, meine Eingeweide würden aus meinem Bauch platzen“, erinnert er sich. Im Himmel über Hiroshima sieht er ein kleines blinkendes weisses Objekt, das immer grösser wird, sich gelb und rot verfärbt und zu einem riesigen Feuerball wird. Der Junge sucht Schutz unter einer Bank. Als er wieder darunter hervorlugt, sieht er einen gigantischen Feuerpfeiler, der sich in den Himmel schraubt. „Der Anblick war derart entsetzlich, dass ich keine Worte finde, ihn zu beschreiben“.

Mitten im Feuertornado

Die damals 20jährige Akiko Takakura ist eine der wenigen Überlebenden, aus dem Zentrum der Explosion. Sie arbeitete nur 300 Meter vom Zentrum der Explosion weg in der Bank von Hiroshima. „Es war wie ein Magnesiumblitz. Sofort nachdem ich ihn sah wurde ich bewusstlos“, erzählte sie. Als sie wieder zu sich kam, schaffte sie es nach draussen, wo sie andere Überlebende sah. Alles brannte. Sie berichtet von einem „Feuertornado“. „Es war wie die Hölle auf Erden. Nach einiger Zeit begann es zu regnen. Das Feuer und der Rauch machte uns so durstig (...) als es zu regnen begann drehten die Leute ihr Gesicht zum Himmel und versuchten die Tropfen mit dem Mund aufzufangen. Es war schwarzer Regen mit dicken Tropfen“. Takakura berichtet auch von den Leichen in den Strassen. „Die Fingerspitzen der toten Menschen begannen zu brennen und das Feuer breitete sich von den Fingerspitzen über ihren ganzen Körper aus. Eine gräuliche Flüssigkeit lief aus ihren Händen und sengte ihre Finger. Ich war so schockiert, dass Finger und Körper so verbrannt und deformiert werden können“.

Verbrannte Geister

70.000 Einwohner der 300.000-Einwohner-Stadt Hiroshima starben in den Minuten nach der Detonation. Zehntausende erlagen in den Stunden, Tagen und Wochen danach ihren schweren Verletzungen durch die Feuer und herumfliegende Teile. „Da waren diese Leute, die wie Geister umherwanderten. Andere bewegten sich wie Vogelscheuchen, die Arme ausgestreckt, mit baumelnden Vorderarmen und Händen“, erzählt Dr. Michihiko Hachiya in seinem 1955 veröffentlichten Tagebuch. Er befand sich zum Zeitpunkt der Explosion rund anderthalb Kilometer vom Epizentrum entfernt und wurde selbst schwer verletzt, „diese Menschen verwirrten mich, bis ich plötzlich begriff, dass sie verbrannt waren und ihre Arme ausstreckten um zu vermeiden dass ihre schmerzenden Wunden aneinander rieben“.

In den Augenzeugenberichten der Opfer finden sich eine Menge herzzerreissender Szenen. Nicht nur über unvorstellbare Verletzungen am Körper, sondern auch über die psychischen Schäden. Viele mussten mit ansehen, wie ihre Kinder, Geschwister und Eltern starben, viele sahen sie nie wieder... Zahlreiche „Hibakusha”, wie die Überlebenden der nuklearen Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki genannt werden – rund 170.000 sollen heute noch leben – gingen über die Jahrzehnte an den Folgen der atomaren Verstrahlung zugrunde.

Am 7. August erklärte US-Präsident Harry S. Truman im Radio, dass eine Atombombe auf die wichtige Militärbasis Hiroshima abgeworfen wurde. „Diese Bombe hatte eine Sprengkraft von über 20.000 Tonnen TNT. Seine Zerstörungskraft war 2.000 Mal höher als die britische Bombe, die bisher als die stärkste galt. Die Japaner haben durch ihren Angriff auf Pearl Harbor den Krieg ausgelöst. Jetzt wurde es ihnen heimgezahlt“. Sollten die Japaner die Bedingungen für eine Kapitulation nicht erfüllen, fuhr Truman fort, dann „können sie sich darauf gefasst machen, dass aus der Luft Zerstörung regnen wird, wie man es nie zuvor auf dieser Welt gesehen hat“. Nach dem Luftangriff würden die alliierten See- und Bodenstreitkräfte eine Invasion anstrengen. Die war effektiv für Ende 1945 geplant. In seinen Memoiren sollte der US-Präsident behaupten, durch den Einsatz der Atombomben in Japan hätte er 500.000 amerikanischen Soldaten das Leben gerettet, indem er die Achsenmacht in die Knie zwang.

Japan lag zuvor bereits am Boden

Nach der Aufarbeitung der Archive halten heute zahlreiche Historiker die Erklärung Trumans für falsch. Denn im Sommer 1945 lag Japan bereits am Boden. Im ganzen Pazifik gehörte den Amerikanern die Lufthoheit. Sie hatten den Kampf um Okinawa gewonnen und flogen unablässig schwere Bombenangriffe gegen japanische Städte – Widerstand gab es kaum mehr. Im Nordosten bereitete die Sowjetunion einen Angriff vor, bei der Potsdamer Konferenz im Juli nach dem Sieg über Nazi-Deutschland hatte Stalin versprochen, Japan drei Monate nach der deutschen Kapitulation den Krieg zu erklären. Der japanische Diplomatieapparat versuchte, die Sowjetunion als Mediator für Friedensgespräche zu gewinnen. Klar war allerdings, dass die bedingungslose Kapitulation aus Ehrgefühl heraus für die Japaner keine Option war. Truman preschte vor. Nachdem er am 25. Juli 1945 einen Befehl für den schnellstmöglichen Einsatz der Atombombe unterzeichnet hatte, forderte er am 26. Juli in einer nicht mit den Sowjets abgesprochenen Erklärung aus Potsdam Japan zur sofortigen und bedingungslosen Kapitulation auf. Er drohte: „Die volle Anwendung unserer militärischen Macht, gepaart mit unserer Entschlossenheit, bedeutet die unausweichliche und vollständige Vernichtung der japanischen Streitkräfte und ebenso unausweichlich die Verwüstung des japanischen Heimatlandes.“ Das Unheil nahm seinen Lauf. Die Uranbombe auf Hiroshima und die Plutoniumbombe auf Nagasaki – die verheerenden Folgen der „ultimativen Waffen“ wurden vom US-Militär bis ins kleinste Detail studiert – eröffneten eine neue Ära: Jene des „Gleichgewichts des Schreckens“, die wir heute als „Der Kalte Krieg“ kennen.