LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Emile Parisien und Joachim Kühn überzeugten durch ihre Vielseitigkeit in der Philharmonie

Kaum ein anderer europäische Musiker ist so vielseitig in verschiedensten Stilbereichen unterwegs wie der deutsche Pianist und Komponist Joachim Kühn. Die Sparte, in der er nicht mitgemischt hat, müsste noch erfunden werden. Mitte der 1960er Jahre machte der mittlerweile 73-Jährige seine ersten Erfahrungen in der Freejazzbewegung, leitete später mit J.-F-Jenny Clarke und Daniel Humair ein Modern-Jazz-Trio, das sich rasch zu einer wahren Institution auf internationaler Ebene entwickelte, war ein Pionier der Jazz-Rockbewegung und spielte Aufsehen erregende Alben mit Werken klassischer Meister wie Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart ein.

Selbst in Luxemburg präsentierte Kühn sich schon unter anderem in den 1970er Jahren als Fusionspezialist im Melusina, als weltoffener grenzenüberschreitender Vermittler mit dem libanesischen Oudspieler Rabih Abou-Khalil in der Escher Kufa oder spielte zeitgenössischen Jazz mit seinem Trio im Kapuzinertheater oder „opderschmelz“.

Besondere Anpassungsfähigkeit

Dass Joachim Kühn trotz, oder grade wegen seiner besonderen Anpassungsfähigkeit und Erfahrungen in verschiedensten Stilbereichen, auch ein hervorragender Solointerpret und Duopartner ist, bewies er am Donnerstag in einem emotionalen Konzert im Kammermusiksaal der Philharmonie. In letzter Zeit ist der gefeierte Tastengigant öfters als Solist oder gelegentlich mit einem Duopartner unterwegs, wie momentan mit dem französischen Sopransaxofonisten Emile Parisien, der wie Kühn schon zweimal mit dem begehrten Hamburger Echo Jazz ausgezeichnet wurde.

Ein Traumduo des europäischen Jazz

Dass sich aus einem Quintett um Parisien das Traumduo des europäischen Jazz herausschälen würde, ist die kontinentale Sensation der Saison. Das bestens aufeinander eingespielte Tandem entpuppte sich im Lauf des Abends als wahre Fundgrube voller Überraschungen und musikalischer Spitzfindigkeiten, die den Standardrahmen der Kleinstcombos in vielerlei Hinsicht sprengten. Hier war eine magnetische Inspiration angesagt, mit der sich beide Solisten gegenseitig antrieben, hier war eine exemplarische Disziplin ausschlaggebend für die harmonische Verbindung von Komposition und Improvisation, hier war große Eleganz und Intelligenz mit von der Partie, alles Faktoren, die nicht nur den wunderbar in die Tat umgesetzten Gipfel deutsch-französischer Völkerverständigung, sondern ebenso das Generationen verbindende gemeinsame Interesse an der Sache auf höchstem Niveau in Szene setzten. Immerhin beträgt der Altersunterschied der beiden Musiker rund 40 Jahre.

Kammermusikalische Kleinkunstorgie

Seine Vorliebe für den freien Jazz, mit der Joachim Kühn zu Beginn seiner Karriere, nach seiner Ausreise aus der damaligen DDR, in Insiderkreisen auf reges Interesse stieß, vermochte der einstige Rebell auch nach 50 Jahren noch immer voll auszuleben. Selbst in den durchkomponierten und organisierten Parts dieser kammermusikalischen Kleinkunstorgie, konnte er rasante, intensive Free Jazzeinbrüche einfügen und nach „Preambule“ und „Missing The Page“ aus den Federn der Interpreten, in einer Komposition von Ornette Coleman erstmals in einer längeren Kadenz verarbeiten. Die „Ballade For Ibiza“, eine Gemeinschaftskomposition, die die beiden Interpreten auf der iberischen Insel, der Wahlheimat des Pianisten, schufen, betonte anschließend die romantischen Tendenzen des abwechslungsreichen Klangbilds.

Parisien, der mit seiner faszinierenden Virtuosität in atemberaubenden Sequenzen die Historie seines Instruments von Sidney Bechet über John Coltrane bis hin zu Steve Lacy dokumentierte, ist einer der wenigen Saxofonisten, die ausschließlich Sopransaxofon spielen, war dieses Instrument doch lange Zeit verpönt und wurde und wird gelegentlich von großen Tenorsaxofonisten wie Stan Getz, Wayne Shorter oder Branford Marsalis als Alternativinstrument eingesetzt.

Aufregende Dialoge

Aber der wichtigste Bestandteil der immer spontan klingenden Duobegegnung war die stets seh- und hörbare Spielfreude, die ihre Höhepunkte in aufregenden Dialogen fand, die sich zwischen musikalischem Small Talk und aufreibendem Streitgespräch, unterstützt von der theatralischen Körpersprache Parisiens, bewegten.

Eine äußerst interessante Komponente des Programms war, dass das Duo gleich drei Kompositionen Colemans, der vorwiegend ohne Klavierbegleitung in seinen Formationen arbeitete, im Repertoire hatte. Ursache ist sicher Kühns Verehrung großer Saxofonisten, - er war einer der wenigen Begleiter des „Vater des Free Jazz“ und spielte mit Ikonen des Modern Jazz wie Pharoah Sanders und Archie Shepp.

„Saxofon ist mein Hobby, Saxofon ist Jazz und Emile Parisien ist mein Lieblingssaxofonist“, hatte Kühn, der als Zweitinstrument zeitweise das Altsaxofon einsetzt, vor dem Konzert im Interview euphorisch erklärt und diese große Hingabe für die bedeutendste Erfindung des Belgiers Adolphe Sax frönten die beiden Ausnahmemusiker in einem dem Zeitgeist entsprechenden Monument gegen die heute oft angesagte Gleichgültigkeit und Monotonie der U-Musik.