LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Auf Spurensuche in Rumänien: Marc Schroeder knipste Bilder von bewegenden Geschichten

Der Fotograf Marc Schroeder aus Luxemburg hat sich einem anspruchsvollen Projekt gewidmet. Er reiste nach Rumänien, um dort Menschen mit einer schweren Vergangenheit ausfindig zu machen. In den fünfziger Jahren wurden die in Rumänien lebenden, aber ursprünglich aus Luxemburg stammenden sogenannten „Rumäniendeutschen“ auf Anordnung von Stalin in Arbeitslager nach Russland deportiert. Die von Marc Schroe-
der gefertigten Porträtfotos lassen ihre Geschichten noch einmal aufleben.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?

MARC SCHROEDER Eigentlich interessierte ich mich zunächst für die deutschen Minoritäten in Rumänien. Nach einigen tiefergehenden Recherchen fand ich heraus, dass die Vorgänger dieser Minderheit, die Siebenbürger Sachsen, eigentlich aus dem Moselgebiet und Luxemburg stammten. Also bin ich nach Rumänien geflogen, um mich nach dieser Gemeinschaft umzusehen. Nach weiterer Recherche bin ich auf einen wichtigen Hinweis gestoßen: 1945 wurden diese Menschen in russische Arbeitslager der Sowjetunion deportiert. Ich wollte dies unbedingt in meine Reportage über die deutsche Minderheit einbringen, dachte aber, dass es bestimmt sehr schwer wäre, diese Leute ausfindig zu machen. Ein Jahr danach bin ich wieder nach Rumänien gefahren. Eine Freundin hat mir die Adresse einer ehemaligen Deportierten gegeben. Ich habe die Frau angerufen und ihr von meinem Projekt berichtet, woraufhin sie bereit war, mich zu treffen. Die Geschichte der Frau hat mich so interessiert und mitgenommen, dass mein Interesse an den damals Deportierten wuchs. Da die Frau mit 83 Jahren die jüngste von ihnen gewesen sein musste, entschloss ich mich, das Thema des Projekts auf die Deportation einzugrenzen und die anderen Zeitzeugen schnell ausfindig zu machen. Mit dem Projekt will ich auch neue Blickwinkel schaffen: Die Deutschen waren hier Opfer, sodass mit dem Vorurteil des deutschen „Täters“ gebrochen werden kann. Ich verfolge demnach ebenfalls aufklärerische Zwecke, auch in Rumänien haben viele noch nie von den damaligen Deportationen gehört.

Wie verlief die Umsetzung?

SCHROEDER Ich habe Kontakt zu Verbänden aufgenommen, die sich mit der damaligen Deportation beschäftigen. Zeitzeugenaussagen waren schon aufgenommen worden, und es gibt auch bereits einen Film darüber, fotografisch ist noch nichts realisiert worden. Ich konnte mehrere Menschen ausfindig machen, die meist auch sehr froh darüber waren, dass sich jemand für ihre Geschichte interessierte. Über zwei Jahre lang habe ich 40 Personen in ganz Rumänien aufgesucht. Ich war eigentlich eher journalistisch unterwegs und habe es als meine Pflicht angesehen, diese Menschen, die wirklich die allerletzten Zeitzeugen der Geschehnisse waren, aufzusuchen. Mittlerweile leben von ihnen vielleicht noch eine Hand voll.

Waren die Menschen offen für Ihr Projekt?

SCHROEDER Wenn ich jemanden traf, habe ich mich und mein Projekt zuerst vorgestellt und mit ihnen das Gespräch gesucht. Zunächst haben wir etwas Zeit miteinander verbracht, ohne dass ich Fotos gemacht habe oder dass über Deportation gesprochen wurde. Es war mir wichtig, dass die Menschen sich wohl in meiner Gegenwart fühlten und mir vertrauten. Eigentlich hätte ich eher erwartet, dass die meisten nicht mehr mit dem Thema konfrontiert werden wollten, oder dass sie mir sehr skeptisch gegenüber stehen würden. Das war aber nicht der Fall. Es war wesentlich schwieriger, die Menschen überhaupt zu finden. Sie sitzen oft allein zu Hause oder in Altersheimen, sodass ich nahezu immer über Drittpersonen auf sie gestoßen bin. Sprachlich gab es aber meist keine Probleme, wir konnten uns auf Deutsch bestens verständigen. Ein Übersetzer oder ein großes Team hätte die Leute vielleicht auch eher eingeschüchtert.

Wie ist es Ihnen gelungen, den ganzen historischen Kontext der Menschen in ihr Porträt mit einzubringen?

SCHROEDER Sieht man sich nur die Fotos an, könnte es sich auch um eine Bildsammlung mit Porträts alter, osteuropäischer Menschen handeln. Deswegen waren die Zeitzeugenaussagen mir so wichtig. Im Buch und in der Ausstellung findet man viele textuelle Hintergrundinformationen zwischen den Bildern. Anfangs dachte ich, dass dies aber nicht viele interessieren würde. Ich konnte aber beobachten, dass die Besucher dann doch mitlasen. Man muss nicht alles lesen, um die Geschichten deuten zu können. Es gibt eine schriftliche Einführung zu den Bildern, damit man den historischen Rahmen und den Sinn der Ausstellung fassen kann. Neben den schwarz-weißen Nahaufnahmen habe ich auch weitwinklige Farbbilder gemacht. Dazu habe ich die Leute gebeten, sie in ihrem Wohn- oder Schlafzimmer ablichten zu dürfen. Dort sieht man dann, mit Verlaub, den ganzen Kitsch, den die Leute gesammelt haben: die kleinen Häkeldeckchen oder gestickte Teppiche, Figürchen oder religiöse Sprüche. So ein Bild sagt natürlich viel mehr über Kontext und Identität der deutschen Minderheit an sich aus.

Gab es die „eine“ Geschichte, die Sie besonders geprägt hat?

SCHROEDER Eine Frau hat mir erzählt, dass man sie deportierte, als sie schwanger war, obwohl das eigentlich verboten war. Sie hat dann in Russland im Lager entbunden, wo das Kind nach ein paar Wochen starb. Wie der Zufall es so wollte, hat eine andere Frau, die ihr Kind nicht behalten konnte, ihr das Kind zur Adoption gegeben. Sie wurden auf eine Liste zur Repatriierung gesetzt. Das Kind ist dann leider auch auf der Reise nach Deutschland gestorben. Komischerweise wurden die meisten Leute nach dem ersten Jahr in die von Russen besetzte Ostzone in Deutschland und nicht nach Rumänien zurückgeschickt. Die Historiker haben noch nicht herausfinden können, weshalb das so war. Die Frau saß auf jeden Fall irgendwann in einem Lager in Berlin. Dort hat sie durch Zufall ihre Schwester getroffen, die auch deportiert wurde. Von dort aus sind sie dann nach Rumänien zurückgeschickt worden. Es gibt aber auch noch andere Geschichten, die mich wirklich berührt haben. Mir kamen auch mal einige Tränen, als man mir von den Geschehnissen berichtete.

Wo kann man die Ergebnisse Ihrer Reisen bewundern?

SCHROEDER Ich bin dabei, ein Buch zum Projekt auszuarbeiten. Dieses Jahr habe ich auf der Leipziger Buchmesse ausgestellt, da Rumänien dort das Schwerpunktland war. Dann hat sich über den Kontakt zur Präsidentin der Gedenkstätte der Opfer des Kommunismus‘ in Rumänien die Möglichkeit geboten, in dem ehemaligen Gefängnis auszustellen, wo in den vierziger und fünfziger Jahren sämtliche Opponenten des Kommunismus‘ inhaftiert waren. Die Ausstellung bleibt jetzt noch bis Mitte Oktober dort. Im Anschluss werde ich auch noch an anderen Orten in Rumänien ausstellen. In Luxemburg habe ich mich an verschiedenen Stellen gemeldet, bislang kam aber noch keine positive Antwort.

Weitere Infos unter www.marcpschroeder.com