PATRICK WELTER

Sie steht da in ihrem feinen Kleidchen und schaut verträumt in die Kamera, schade nur dass der Typ im Vordergrund eine Kalaschnikow trägt. Dem Betrachter wird erst bei längerem Betrachten deutlich, dass das Mädchen aus Damaskus nicht verträumt, sondern ängstlich oder zumindest skeptisch blickt. Eigentlich ein ganz intimer Moment, den man auch einem kleinen Menschen lassen sollte. Andererseits fasst das Foto des Mädchens das ganze syrische Dilemma in einen Augenblick. Die Idylle kann jeden Moment vorbei sein, gerade Bürgerkriege werden mit Härte und Grausamkeit geführt.

Die Grenze zwischen Voyeurismus und Dokumentation ist für einen Fotografen sehr schmal. In der Regel ist der Voyeurismus des Publikums höher als man gemeinhin denkt. Es würde sich kaum lohnen, unbedeckte herzogliche Brüste zu fotografieren, wenn es dafür keinen Markt gäbe.

Anders die gestern von UNICEF ausgezeichneten Fotografien. Die kleine Syrerin in ihrem Kleid, die kaum größere Inderin, die sich als Seiltänzerin durchschlägt, um nicht zu verhungern und das norwegische Teenager-Mädchen, dem ein Vollidiot namens Anders Breivik den rechten Arm weggeschossen hat. Wir glotzen nicht, wir schauen hin und denken nach, das norwegische Bild tut richtig weh. Wie mögen diese Kinder und Teenager ihr späteres Leben meistern? Werden sie überhaupt eines haben? Das Können der Fotografen löst Emotionen beim Betrachter aus, derartige Fotos sind nicht egal. Die kleine Syrerin rührt mehr als ein zerschossener Wohnblock in Aleppo. Die Traurigkeit des einarmigen Mädchens aus Norwegen lässt uns die Causa Breivik mehr spüren als die abstrakte Zahl von siebzig Toten, die schon lange begraben sind.

Die Nachrichtenagenturen bieten jeden Tag Bilder an, die jeden Schlachthof als Idylle erscheinen lassen. Autobomben, Raketenangriffe, bekloppte Teenager mit Sturmgewehren, Fanatiker jeder Reli-
gion - das Ergebnis ist immer dasselbe: Blut, Knochen, Gehirnmasse, Schmerz, Verzweiflung und Tränen - zuletzt große bunte Bilder.

Die ersten Kriegsfotografen waren im amerikanischen Bürgerkrieg unterwegs und lösten in der Etappe tiefe Schocks aus. Von wegen „süß und edel ist es für das Vaterland zu sterben“ - die Bilder zeigten , dass es im Krieg um einsames Verrecken im Dreck geht. Reguläre Armeen sorgen nicht erst seit dem Vietnamkrieg dafür, dass weder stille noch bewegte Bilder ohne Kontrolle, sprich Zensur, den Kampfplatz verlassen können.

Der Vietnamkrieg wurde durch zwei Aufnahmen entschieden: Das nackte Mädchen das schreiend der Napalmbombe entkommt und der Kopfschuss mit dem der Polizeichef von Saigon einen Vietkong vor laufender Kamera exekutiert. Als diese Bilder um die Welt gingen, stand die Niederlage der USA fest. Diesen Krieg, zumindest seinen postkolonialen Teil, hat die Presse beendet.

Vierzig Jahre später sind es nicht mehr die allgegenwärtigen Fotos und Filme von Blut und Gemetzel die uns berühren. In einer reizüberfluteten Welt sind es die stillen Bilder, wie das von der kleinen Syrerin auf Seite 7, die uns das Grauen deutlich machen.