LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Spielplatz oder Drogenecke: Fotograf Boris Loder sucht nach der Quintessenz luxemburgischer Orte

Es kann ein etwas surrealer Moment werden, wenn Boris Loder dieser Tage aus der Pariser Metro steigt und einen Blick auf die Wände der Hallen wirft. Gut möglich, dass er hier in Paris, jener Stadt, die in der Welt der europäischen Kunst und in den Tagträumen so vieler Künstler eine bedeutende Rolle spielt, glatt an seiner eigenen Fotokunst vorbeikommt. Ganz so, als gehörte sie zur Stadt und hinge ganz selbstverständlich dort. „Das ist eine große Sache, und auch etwas bizarr“, sagt der 35-jährige Fotokünstler. Grund für die unverhoffte Begegnung mit der eigenen Kunst in dieser Stadt der Kunst ist das „Festival Circulation(s)“, das dieser Tage einige seiner Fotografien ausstellen wird.

In seiner Heimatregion im Raum Stuttgart hat Boris bereits ausgestellt. Zuletzt hat er in Deutschland, aber auch in Luxemburg ausgestellt, wobei das Theater Esch und die „Urban Art Gallery“ zu nennen wären. Aber das Pariser „Festival Circulation(s) - festival de la jeune photographique européenne“ ist für ihn das erste Fotofestival im Ausland, das er als ausstellender Künstler besucht. Klar, dass da eine gewisse Aufregung mit von der Partie ist. Zumal sich eine Jury an diesem Wochenende die Arbeiten anschauen und später auch einen Preis vergeben wird. „Da ist Publikum und ich erhoffe mir Kontakt und Austausch, auch mit anderen Fotografen, um Inspirationen zu sammeln.“

Kontrast zwischen Absicht und Nutzung

Boris wurde 1982 in Deutschland geboren und lebt seit knapp fünf Jahren in Luxemburg. Nach einem Studium der Literatur und der Geographie hat er begonnen, sich für Fotografie zu interessieren und Beziehungen zwischen menschlichem Verhalten und urbanen Landschaften abzubilden.

Auf dem Pariser Festival werden acht seiner Werke gezeigt, die alle aus seiner bisher zwölfteiligen Serie „Particles“ stammen. Bei den Fotos handelt es sich um eine Serie von Würfeln aus Fundobjekten von konkreten Orten aus Luxemburg. Ein Parkplatz, urbanes Brachland, ein Spielplatz, eine Kirchenmauer aus Hollerich oder die „terres rouges“ bei Düdelingen. „Die Idee ist, jeweils die komprimierte Form von dem Ort und von seinem Charakter wiederzugeben.“ Bei der künstlerisch umgesetzten dokumentarischen Arbeit geht es Boris Loder darum, ein Gefühl für jene kontrastreichen Gräben zu vermitteln, die sich zwischen dem ursprünglichen Nutzen der Orte und ihrer späteren tatsächlichen Nutzung auftun können. Beispielhaft dafür stehen Verpackungsreste von Fast Food, die ausgerechnet auf einem Sportfeld gelandet sind oder deren Inhalt eben dort verzehrt wurde.

Boris setzt dieses Fotoprojekt immer weiter fort, aus den zwölf Fotos können bei entsprechender Inspiration also schnell mehr werden. Zumal sich der Fotograf schon seit Längerem mit urbanen Motiven beschäftigt. Die Inspiration kam unter anderem auch durch verschiedene fotografische Werke von anderen Künstlern, welche ebenfalls mit Fundobjekten gearbeitet haben. Die akkurate Würfelform auf seinen Fotos kommt übrigens zustande, indem Boris mit Plexiglasobjekten arbeitet, die in Museen zum Schutz über Exponate gesetzt werden. Per Bildbearbeitung werden diese Würfel allerdings für das Auge des Betrachters wieder unsichtbar. Was bleibt ist ein exakter Würfel mit gefundenen Zigarettenkippen, Blättern, Papier, Spritzen, Steinen oder Sand.

Von seiner Fotokunst kann er in Luxemburg zwar nicht leben. Aber als „chargé de cours“ für Englisch und Fotografie kann er seine Kunstleidenschaft und seinen Hauptberuf miteinander verbinden. „Ich versuche in den Unterricht viel von dem einzubringen, was ich über Kontakte, von Festivals oder aus Fotobüchern lerne, damit die Schüler Ideen bekommen.“

Das Analoge als das Nonplusultra

Derzeit steht für die Schüler ein freies Abschlussprojekt an, wobei Boris ihnen erst die technischen Fertigkeiten und dann den künstlerischen Aspekt vermittelt hat. Die meisten Schüler seien technisch gut ausgestattet, was sie allerdings lernen müssten, sei, dass sie bewusster und nicht immer nur unlimitiert fotografieren können. Also bekam jeder nur exakt einen Versuch für ein Foto mit einer analogen Kamera. „Das war schwierig, sie sind darauf eingestellt, dass sie zehn Fotos machen und eines wird dann etwas.“ Aber bei der analogen Arbeit ging es darum, genau auf die Kompositionen zu achten. „Das ist etwas, das man bei der Kunstfotografie gerade merkt, dieser Shift zum Analogen, das in der Wertschätzung immer noch höher steht“, erklärt Boris.

Nach dem Festival in Paris gibt es für einige seiner Fotografien noch eine zweite Station in Frankreich: Die Fotos werden im Herbst beim Festival „Quinzaine Photographique Nantaise“ in Nantes ausgestellt.

Weitere Informationen unter www.borisloder.com