COLETTE MART

In diesen Vorwahlzeiten über Kinder zu sprechen, wie es Psychologe Gilbert Pregno am Samstag im „Luxemburger Wort“ getan hat, erfordert Zivilcourage und setzt unserer ganzen Gesellschaft und unseren Werten etwas entgegen. Pregno engagiert sich regelmäßig für die Anliegen der Kinder, und führt prinzipiell Verhaltensstörungen auf fehlende Bindungen zurück, die in der frühen Kindheit nicht zustande kommen konnten, was Kinder und junge Menschen dann später nie wirklich kompensieren können. Schulische Probleme, sowie auch zwischenmenschliche Schwierigkeiten prägen sowohl das spätere Berufsleben als auch die emotionalen Fähigkeiten der betroffenen Menschen. In unserer Gesellschaft wird die Erziehung der Kinder eher institutionalisiert, worauf viele, besonders alleinerziehende Eltern, angewiesen sind. Darüber hinaus erleichtern Betreuungsstrukturen für Kinder die sprachliche Integration, das Erlernen der luxemburgischen Sprache, was dann auch eine gute Basis für das schulische Weiterkommen ist.

Allerdings bedarf diese ganze Entwicklung einer tiefgründigeren Analyse. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Verhaltensstörungen, die Lehrer und Erzieher heute sehr beschäftigen, durch bessere Bindungen in der früheren Kindheit weitgehend vermieden werden können, und dass auch schulische Leistungen besser sind, wenn der emotionale Rahmen im Elternhaus stimmt. Des Weiteren wäre festzuhalten, dass zum Beispiel Kinder mit Schulproblemen nicht unbedingt unglücklich und aggressiv werden müssen, wenn sie zuhause und in der Schule liebevoll in einer Lernschwäche begleitet werden. Die Schule hat mittlerweile gute Hilfeleistungen für schwächere Kinder ausgearbeitet, allerdings ist es für Eltern oft nicht einfach, ihre Ambitionen hintenanzustellen und ihr Kind so zu akzeptieren, wie es ist. Die Herausforderung liegt hier darin, einem Kind mit einer Lernschwäche die innere Stärke zu geben, das Leben zu meistern.

Pregno kritisiert die allgemeine Bürokratisierung der Hilfestellungen für Kinder in einer Gesellschaft, in der Eltern oft mit Erziehungsproblemen überfordert sind. In der Tat vereinnahmt der Druck, der beruflich auf den Eltern lastet, deren Aufmerksamkeit, das Rennen nach Geld, nach Erfolg und nach Anerkennung erfasst jeden in einem Umfeld, in dem Konkurrenz, Lieblosigkeit und regelrechte Menschenverachtung omnipräsent sind. Viele Erwachsene werden in ihrem beruflichen Umfeld nicht respektiert, müssen sich Strategien ausdenken, wie sie sich behaupten können, müssen diese Strategien oft notgedrungen gegen andere richten, und verlieren den Draht zur Empathie, die einzig und allein Menschen weiterkommen lassen kann.

Wenn uns die Empathie für das Leiden unserer Kinder abhandenkommt, wenn wir nicht mehr mitbekommen, dass sogenannte verhaltensauffällige Kinder unglückliche Kinder sind, die sich nirgendwo verstanden fühlen, und demnach irgendwo allein mit ihren Ängsten im Leben stehen, wenn wir also die Probleme der Kinder nicht an der Wurzel packen, werden wir als Gesellschaft sehr viel Geld investieren müssen, um die Traurigkeit der Kinder aufzufangen. Und wir werden trotzdem diese Traurigkeit auf dem Gewissen haben, und sie wird in den Familien von Generation zu Generation weitergetragen.