JERUSALEM/LUXEMBURG
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Staat Israel: Dauerkampf in feindlicher Umgebung

Nach dem Grauen des Holocaust ging 1948 für Juden aus aller Welt der uralte Traum von einer eigenen Heimstätte in Erfüllung: Trunken vor Freude tanzten Tausende nach Israels Staatsgründung auf den Straßen, um das „Wunder“ zu feiern. „Wir waren völlig aus dem Häuschen vor Freude“, erinnert sich der Holocaust-Überlebende Chaim Kozienicki an den Moment, als Staatsgründer David Ben Gurion am 14. Mai in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung verlas.

Doch unmittelbar danach griffen fünf arabische Staaten Israel an. Der heute fast 90-jährige Kozienicki hatte damals das Ghetto Lodz und das KZ Stutthof bei Danzig überlebt, aber seine Familie im Holocaust verloren. Trotz „Magengrimmen“ meldete der junge Mann sich freiwillig bei der Armee, um für den neuen jüdischen Staat zu kämpfen.

Freudentag für die einen,Katastrophe für die anderen

„Als ich während der Kämpfe zum ersten Mal einen Schuss abfeuerte - das war glaube ich der glücklichste Moment in meinem Leben“, erzählt Kozienicki, der trotz seines hohen Alters vital und hellwach wirkt. Der Mann mit der schwarzen Brille und dem schütteren, grauen Haar spricht mit leiser, bedächtiger Stimme. „Dass ich für meine eigene Heimat kämpfen kann, davon habe ich schon als Kind in Polen geträumt.“

Für die Palästinenser bedeutete der Freudentag der Juden eine Katastrophe. Rund 700.000 Palästinenser mussten im Zuge der israelischen Staatsgründung fliehen oder wurden vertrieben. Die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachfahren ist heute auf mehr als fünf Millionen angewachsen. Denn sie können als einzige ihren Flüchtlingsstatus an die nächste Generation „vererben“.

Auch Nachfahren, die in Flüchtlingslagern in den Palästinensergebieten oder umliegenden arabischen Staaten leben, fordern daher ein „Recht auf Rückkehr“ auf israelisches Staatsgebiet. Israel lehnt dies ab, weil es aus seiner Sicht die Zerstörung des jüdischen Staates bedeuten würde.

Ungelöster Konflikt

Die Zahl von Juden und Arabern im Bereich des historischen Palästina zwischen Mittelmeer und Jordan ist heute etwa gleich, wie die israelische Cogat-Behörde jüngst mitteilte - jeweils etwa 6,5 Millionen. Das Thema Demografie ist in der Region besonders sensibel, weil es weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft beider Völker hat.

Seit mehr als 50 Jahren hält Israel das Westjordanland besetzt, die Zahl der Siedler dort und in Ost-Jerusalem ist bereits auf etwa 600.000 angewachsen. Mitglieder der rechts-religiösen Regierung wollen, dass Israel sich Teile des Westjordanlands einverleibt. Damit wäre das Ziel eines unabhängigen Palästinenserstaates wohl endgültig vom Tisch. Wegen seiner Palästinenserpolitik wird Israel international stark angefeindet, die BDS-Bewegung setzt sich für einen Boykott ein.

Der Konflikt zwischen den beiden Seiten ist bis heute ungelöst - immer neue Anläufe zu einer endgültigen Friedensregelung in der Region liefen ins Leere. Die innere Spaltung der Palästinenser macht das Problem noch komplizierter. Binnen eines Jahrzehnts hat Israel sich mit der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas drei Kriege geliefert.

Seit 1960 sind mehr als 23.500 israelische Soldaten, Zivilisten und jüdische Untergrundkämpfer im Konflikt um den Landstrich am Mittelmeer getötet worden. Sechs Nahostkriege tobten seit 1948 in der Region, zwei Palästinenseraufstände forderten auch Tausende von Todesopfern auf der anderen Seite.

Vom sozialistischen Agrarstaat zur High-Tech-Nation

Trotz des Dauerkonflikts hat sich das kleine Israel in den 70 Jahren seit dem Tag seiner Geburt vom sozialistischen Agrarstaat zur hochmodernen Start-up-Nation entwickelt. In dieser Zeit hat sich die Zahl der Einwohner mehr als verzehnfacht - von 806.000 auf mehr als 8,8 Millionen. Etwa drei Viertel davon sind Juden, gut 20 Prozent Araber. Israels zentrales Statistikbüro erwartet, dass das Land an seinem 100. Geburtstag mehr als 15 Millionen Einwohner haben wird. Denn Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt - mit durchschnittlich drei Kindern pro Frau.

Das ist besonders erstaunlich, weil Israel nicht nur mit externen, sondern auch mit internen Problemen zu kämpfen hat. Während des 20. Jahrhunderts gab es in Israel noch eine klare Mehrheit säkularer, westlich orientierter Juden. Diese ist jedoch zunehmend geschrumpft.

Immer tiefere Gräben

In einer Aufsehen erregenden Rede sprach Präsident Reuven Rivlin 2015 von einer „neuen Ordnung“ in Israel mit „vier Stämmen“: Strengreligiöse Juden, nationalreligiöse Juden, säkulare Juden und Araber. Entlang dieser Grenzen ist auch das Bildungssystem getrennt - die Kinder der einzelnen Gruppen besuchen eigene Schulen. Die Gräben vertiefen sich immer weiter. Israelis kämpfen zudem mit extrem hohen Lebenshaltungskosten und einer großen Kluft zwischen Arm und Reich.

Dennoch bescheinigte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der israelischen Wirtschaft zuletzt eine „bemerkenswerte Performance, mit starkem Wachstum, niedriger Arbeitslosigkeit und soliden öffentlichen Finanzen“.

Das leichtlebige Tel Aviv gilt heute als Zentrum für Start-ups, in kaum einer anderen Stadt werden so viele neue Unternehmen gegründet. Reisegruppen aus aller Welt - viele auch aus Deutschland - kommen in die Küstenmetropole, um sich vom unerschrockenen Gründergeist der Israelis inspirieren zu lassen.

In Israel gibt es fast 6.000 Start-ups und rund 300 Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen multinationaler Unternehmen. Unterstützt wird die Szene von Inkubatoren und Acceleratoren und mehr als 370 Investoren. Der bisher größte Deal in Israels Hightechindustrie war der Kauf von Mobileye, das auf Roboterauto-Kameras spezialisiert ist. 15,3 Milliarden Dollar (12,4 Milliarden Euro) zahlte der US-Chip-Gigant Intel für das Unternehmen aus Jerusalem.

„Ein Ort an dem andere Gesetze gelten“

Der frühere Regierungschef Ehud Barak hat den Begriff von Israel als „Villa im Dschungel“ geprägt: Ein hochmodernes Biotop, umgeben von feindseligen, unberechenbaren Nachbarn. „Es ist ein Ort, an dem andere Gesetze gelten - es gibt keine Hoffnung für jene, die sich nicht verteidigen können und keine Gnade für die Schwachen“, sagte Barak schon 1996, damals Außenminister.

Israel sei „das Bollwerk der Freiheit im Nahen Osten“, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu im vergangenen Jahr. Im „Kampf der Zivilisationen“ wollten radikale Islamisten Israel zerstören und dann die Welt erobern, meint er.

Für Jossi Beilin, einen der Architekten der Friedensabkommen mit den Palästinensern, gibt es jedoch auch heute keine Alternative zu einer Friedenslösung in der Region. „Ich denke, in den kommenden zehn Jahren wird es eine Entscheidung geben“, sagte Beilin. „Die Situation so beizubehalten, wird unmöglich.“ Ideal wäre seiner Meinung nach ein Staatenbund zwischen Israel und einem unabhängigen Palästina. Zwei Staaten, die durch Einrichtungen, etwa in der Landwirtschaft oder der Infrastruktur, verbunden sind.

Diese Vision könnte wohl nur Wirklichkeit werden, wenn es nicht nur ein endgültiges Abkommen mit den Palästinensern gäbe, sondern auch die arabischen Staaten Israel anerkennen würden. Die Gründung des „zionistischen Gebildes“, wie Israels Feinde das Land nennen, war auch der Beginn einer tiefen Feindschaft und mehrerer Kriege mit den Nachbarn. Ägypten und Jordanien schlossen zwar vor Jahren Friedensverträge mit Israel - doch das Verhältnis bleibt unterkühlt.

Überraschender Vorstoss aus Saudi-Arabien

Ausgerechnet ein gemeinsamer Gegner könnte zur einer Annäherung der beiden Seiten führen: Israel und das sunnitische Königreich Saudi-Arabien sind dem schiitischen Iran gleichermaßen feindlich gesinnt und wollen dessen Einfluss in der Region zurückdrängen. So ist zu erklären, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman kürzlich den Israelis das Recht auf einen eigenen Staat zubilligte - überraschende Worte aus dem Mund eines arabischen Herrschers.

Allerdings hatte schon der mittlerweile verstorbenen saudische König Abdullah 2002 eine Friedensinitiative vorgeschlagen, die eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt vorsieht. Das arabische Gipfeltreffen vor einem Jahr in Jordanien bekräftigte den Plan noch einmal. Für viele Anführer der Region spielt das Schicksal der Palästinenser längst nur noch eine untergeordnete Rolle. Das zeigten auch die vergleichsweise schwachen arabischen Proteste gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

meilensteine

Einige Stichdaten

29. November 1947
Die Vollversammlung der Vereinten Nationen ruft zur Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat auf (Resolution 181). Die Juden stimmen zu, die Araber in Palästina und die arabischen Staaten lehnen den Plan ab.

14. Mai 1948
David Ben Gurion verliest die Unabhängigkeitserklärung. Am Tag darauf erklären die arabischen Nachbarstaaten Ägypten, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem neuen Staat Israel den Krieg. Im Kampf kann Israel sein Territorium vergrößern und den Westteil Jerusalems erobern. Rund 700.000 Palästinenser fliehen vor den Gefechten.

Oktober 1956
In der Suez-Krise kämpfen israelische Truppen an der Seite Frankreichs und Großbritanniens um die Kontrolle des strategisch bedeutsamen Suez-Kanals, den der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser zuvor verstaatlicht hatte.

Juni 1967
Im Sechstagekrieg erobert Israel den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland, Ostjerusalem und die Golanhöhen.

Oktober 1973
Eine Allianz arabischer Staaten unter der Führung von Ägypten und Syrien überfällt Israel an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Nur unter schweren Verlusten gelingt es Israel, den Angriff abzuwehren.

März 1979
Israels Regierungschef Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat schließen einen von den USA vermittelten Friedensvertrag. Es ist Israels erster Friedensvertrag mit einem arabischen Staat.

Juni 1982
Beginn der Operation „Frieden für Galiläa“. Die israelische Armee greift Stellungen der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO im Libanon an und marschiert in das nördliche Nachbarland ein.

Dezember 1987
Ausbruch des ersten Palästinenseraufstands („Intifada“).

September 1993
Israels Ministerpräsident Izchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat unterzeichnen die Oslo-Friedensverträge.

4. November 1995
Izchak Rabin wird nach einer Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem jüdischen Fanatiker erschossen.

September 2000
Nach einem Besuch von Israels damaligem Oppositionsführer Ariel Scharon auf dem Tempelberg in Jerusalem bricht die zweite Intifada aus.

2003
Die israelische Regierung beginnt mit dem Bau einer 750 Kilometer langen Sperranlage rund um das Westjordanland. Die Zäune und Mauern verlaufen zum Teil auf palästinensischem Gebiet.

August 2005
Gegen den Widerstand der Siedler räumt Israel alle Siedlungen im Gazastreifen und zieht seine Truppen aus dem Palästinensergebiet am Mittelmeer ab.

Juli 2006
Israel und die libanesische Hisbollah-Miliz liefern sich einen einmonatigen Krieg.

Juni 2007
Die radikal-islamische Hamas vertreibt in einem blutigen Machtkampf unter Palästinensern die Fatah von Mahmud Abbas aus dem Gazastreifen.

Jahreswende 2008/2009 bis August 2014
In drei Konflikten bekriegen sich das israelische Militär und die Hamas im Gaza-Streifen. Kurz vor dem Krieg 2014 scheitert der bisher letzte Versuch der beiden Seiten, am Verhandlungstisch eine Friedensregelung zu vereinbaren.

Dezember 2017
US-Präsident Donald Trump verkündet den Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Entscheidung stößt international auf heftige Kritik und gilt den Palästinensern als faktische Beerdigung der Zwei-Staaten-Lösung. Am 14. Mai tritt die Entscheidung in Kraft.
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Heilige Stadt und Zankapfel  

Der Status von Jerusalem ist eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt


Die Stadt Jerusalem, die bereits seit über 6.000 Jahren besiedelt ist, beherbergt bedeutende religiöse Zentren für Judentum, Islam und Christentum. Seit 1967 hält Israel neben dem westlichen auch den arabisch geprägten Ostteil. Diesen hatte Israel im Sechstagekrieg erobert. Tausende Juden feierten den Jahrestag am Sonntag.

Der Status der Stadt ist eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt. Israel beansprucht Jerusalem als seine „ewige und unteilbare Hauptstadt“. Den Anspruch der Palästinenser auf den Ostteil als künftige Hauptstadt eines unabhängigen Palästinenserstaats lehnt Israel ab.

Nach Ansicht der internationalen Gemeinschaft muss der Status Jerusalems in Friedensgesprächen beider Parteien festgelegt werden. Auch verschiedene Lösungsvorschläge der USA sahen bislang eine Aufteilung der Stadtgebiete unter Israelis und Palästinensern vor.

US-Präsident Donald Trump verkündete im Dezember 2017 den Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Entscheidung stieß international auf heftige Kritik und gilt den Palästinensern als Zerstörung der Zwei-Staaten-Lösung. Trump betonte allerdings auch, trotz der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels müsse der künftige Grenzverlauf in der Stadt in Verhandlungen beider Seiten geklärt werden.

Doch Trumps Entscheidung hat Jerusalem auch verstärkt ins Visier von islamistischen Terrororganisationen gebracht. Gestern rief etwa Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri seine Anhänger zum Widerstand auf, nachdem Triump „das wahre Gesicht der Kreuzzüge“ enthüllt habe. Es sei nötig, die Feinde vereint mit einem Heiligen Krieg (Dschihad) zu bekämpfen, sagte der Führer des dschihadistischen Terrornetzwerkes in einem Video, das am Sonntagabend auf Propagandakanälen der Extremisten im Internet aufgetaucht war..