SCHENGEN
CORDELIA CHATON

In Schengen sitzt ein Unternehmer, der zu den ganz großen im Direktvertrieb gehört: Rolf Sorg setzt über 630 Millionen US-Dollar jährlich mit Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika um – und doch bleibt der gelernte Automechaniker gern im Hintergrund

Der Anruf veränderte das Leben von Rolf Sorg. Seine Mutter war am Telefon. „Der Oma geht es ganz schlecht, sie hat nicht mehr lange“, sagte sie unter Tränen. Sorg war mit Leib und Seele Enkel. „Meine Oma hat mich immer verteidigt, wenn ich als Kind etwas angestellt hatte. Das war leider oft der Fall. Ich wollte ihr unbedingt helfen“, erinnert er sich. Zum Zeitpunkt des Anrufes hatte Sorg schon seinen Weg in die Selbständigkeit hinter sich. Der heute 54-Jährige verkaufte Kosmetika und Parfum im Direktvertrieb. Als er in der örtlichen Tageszeitung einen Artikel über den Besuch eines US-Wissenschaftlers las, der Zellen mit mehr Nährstoff versorgt, dachte er an seine Großmutter, deren Gesundheitsprobleme  und rief den US-Forscher an. Nach dem Treffen war er „schwer beeindruckt“. Das war der Beginn des Starts in seine Selbständigkeit mit Nahrungsergänzungsmitteln.

Vertrieb in über 40 Ländern 

Heute ist Sorg CEO von PM-International, beschäftigt 550 Menschen – davon 74 in Luxemburg – und vertreibt seine Produkte in über 40 Ländern weltweit. Sein 1993 gegründetes Unternehmen, das Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika der Marke FitLine herstellen lässt und vertreibt, wächst so schnell, dass die Zentralen dauernd zu klein werden. 1994 zog es den Deutschen aus Speyer nach Luxemburg. Hier war seine Firmenzentrale nacheinander in Walferdingen, Bonneweg und dann in Schengen, wo er auch selbst mit seiner Familie lebt. Die Unternehmenssprache ist längst Englisch und Sorg ist stolz auf 18 Nationen und 30 Sprachen an seinem Konzernsitz. Im kommenden Jahr will er doppelt so viel Menschen einstellen; gern Luxemburger. Doch schon jetzt platzt die Zentrale aus allen Nähten, wie Sorg zwischen Geschäftsreisen nach Chile und Südkorea erklärt.

„Ich habe das Grundstück gegenüber gekauft, damit ich ein zusätzliches Verwaltungsgebäude für 80 weitere Arbeitsplätze sowie 44 Wohnungen für Mitarbeiter dorthin setzen kann. Aber die Gemeinde will den lokalen Charakter erhalten und nur 24 genehmigen“, seufzt er. Doch Sorg wäre nicht Sorg, wenn ihn das aufhalten würde. Er versteht es, aus Schwierigkeiten Vorteile zu machen.

Als er nach einem mäßigen Abitur wegen des Numerus Clausus nicht sofort mit dem Studium beginnen konnte, begann er eine Automechanikerlehre. Abends verdiente er sich mit Ölwechseln noch etwas dazu. Bei Beginn des Wirtschaftsingenieur-Studiums, das ihn zur Übernahme des väterlichen Betriebs befähigen sollte, hatte er nicht mehr die gleiche Summe zur Verfügung. „Mein Lebensstandard brach zusammen. Mir blieb nur eine bescheidene Studentenwohnung. Also habe ich nach etwas gesucht und bin so auf den Direktvertrieb eines Kosmetikherstellers gekommen“, blickt er zurück. Nach gut drei Jahren verkaufte der große Mann mit dem lockigen Haar rund die Hälfte der Produktion  - und lebte als Student sehr gut; schließlich war er wieder bei 4.000 DM monatlich angelangt. Er beschloss, nur noch auf Direktvertrieb zu setzen und das Geschäft seines Vaters nicht zu übernehmen. Das Studium brach er ab. „Ich wollte mir beweisen, dass es für meine Unabhängigkeit reicht.“ Seine Eltern waren zunächst entsetzt. Vier Wochen herrschte Funkstille.

Alles auf eine Karte gesetzt 

Dann musste der Kosmetikhersteller Insolvenz anmelden; er hatte sich verkalkuliert. Der Insolvenzverwalter rief den damals 30-Jährigen an, weil er der erfolgreichste Vertriebspartner war, und schlug ihm vor, die Firma zu übernehmen. Er musste ihn überreden. Nach einer langen Nacht stand für Sorg fest: „Ich mache das.“ Sorg zog zurück in die Heimat. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und im Keller der Konservenfabrik meines Großvaters angefangen, in der ich schon als Junge gespielt hatte“, lächelt er.

Seinen Eltern ist heute der Stolz anzumerken, wenn sie den Sohn in der Mittagspause abholen und er erwähnt, dass er zum Fest der globalen Größen des Direktvertriebs eingeladen war. „Immerhin sind wir weltweit die Nummer 36.“. Sorgs Vater, selbst Ingenieur, plant für seinen Sohn die Betriebswohnungen und auch die Mutter ist bei PM-International eingebunden. Auf dem Weg ins Restaurant werfen sie ab und zu einen Blick auf das Schengener Schloss, das langsam verfällt. „Ich habe der Gemeinde angeboten, eine Million Euro zu spenden, wenn es in der öffentlichen Hand bleibt und sie daraus ein Museum oder ähnliches machen“, unterstreicht Sorg. „Ich finde, dass muss der Allgemeinheit erhalten bleiben.“ Die Stadtväter haben sich bis jetzt nicht dazu geäußert. Der Chef zuckt die Schultern und kommt auf den Unternehmensnamen zurück.

„Das PM in PM-International steht für Premium. Das ist unsere Philosophie“, sagt er. „Wir stehen für Qualität.“ Damit das kein leeres Wort ist, lässt er die Produkte seines Unternehmens nach Pharma-Standard produzieren. PM-International beschäftigt selbst 17 Wissenschaftler und arbeitet mit dem „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) an neuen Produkten. Bislang umfasst die Palette Fitness-Drinks, Protein für mehr Muskelmasse, Mahlzeiten zum Abnehmen, Produkte für Sehkraft, Gehirn- oder Herzfunktion, aber auch Nahrungsriegel und eine ganze Reihe von Gesundheitsprodukten. Sorg nimmt sie auch selbst täglich. „Selbstverständlich!“, wie er betont, „als Prävention und für mehr Lebensqualität.“ Damit die auch bei seinen Mitarbeitern stimmt, holt er zweimal wöchentlich einen Fitnesstrainer ins Haus und einmal im Monat einen Koch. Im Flur stehen Fitnessgeräte, die in der Mittagspause genutzt werden. Sorgs Firma soll die Maxime „Wohlbefinden von innen und außen“ leben.