LUXEMBURG
SIM

Irgendwann musste sich Corinne eingestehen, dass sie asexuell ist - Der Weg dahin war nicht leicht

Bereits während ihrer Pubertät hat Corinne (Name auf Wunsch von der Redaktion geändert) gemerkt, dass sie in sexueller Hinsicht anders tickt, als ihre Freunde. Gedanken oder gar Sorgen hat sie sich damals aber noch keine gemacht. Heute ist sie 20 Jahre alt und weiß, dass sie asexuell ist. Im „Journal“-Interview erzählt sie, wie schwer es ihr fiel, dies zu akzeptieren, und wie ihr Leben heute aussieht.

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie in Sachen Sexualität anders sind?

Corinne Wirklich realisiert habe ich es erst nach meiner ersten Beziehung. Es gab aber auch davor schon Momente, in denen ich anders reagiert habe, als es „normal“ gewesen wäre. Mit 14 Jahren habe ich beispielsweise stolz einer Person erzählt, dass Sex ein Grund für mich wäre, eine Beziehung sofort zu beenden.

Damals hielt ich das aber noch für unbedenklich, schließlich war ich erst am Anfang meiner Pubertät und hielt mich einfach für einen Spätzünder. Mit 16 hatte ich dann meine erste Beziehung und merkte, wie ich jegliche Sexualkontakte vermied. Zum Beispiel mochte ich es nicht, wenn er auf mir lag oder wenn ich mich auf seinen Schoß setzen sollte, weil ich immer Angst hatte, dass er es irgendwie sexuell aufnehmen würde. Wenn es dann mal zu sexuelleren Handlungen kam, langweilte ich mich die meiste Zeit. Auch Nacktheit war für mich immer ein großes Problem. Ich verstehe bis heute nicht, wie die Menschen sich freiwillig die Kleider vom Leib reißen können, so wie es in Filmen dargestellt wird.

Trotzdem hielt diese Beziehung eine gewisse Zeit?

Corinne Ja. Irgendwann bestand meine Mutter darauf, dass ich die Pille nehme. Für mich war das komplett überflüssig, weil ich gar nicht vorhatte, Sex zu haben. Nach sechs Monaten Beziehung entschied ich mich dann doch für die Pille - man weiß ja nie. Als die Frauenärztin mir ein paar Kondome in die Hand drückte, war ich vollkommen überfordert. Am liebsten hätte ich ihr direkt an Ort und Stelle gesagt, dass ich das alles gar nicht wollte. Keine Pille, keine Kondome, keinen Sex.

Mit 17, als die Beziehung beendet war, fand ich dann keine Ausreden mehr für mein mangelndes Interesse an Sex. So wie viele anderen Asexuelle, war ich immer überzeugt gewesen, dass jeder andere auch so denkt wie ich. Ich dachte, niemand hätte vor 18 Jahren tatsächlich Interesse an sexuellen Kontakten, und dass das alles nur von Film und Fernsehen übertrieben dargestellt wurde. Mit Ende 17 wurde mir aber leider bewusst, dass ich ein falsches Bild von Sexualität hatte, und dass sich meine Freunde und alle anderen um mich herum komplett anders entwickelt hatten als ich. Es war so, als hätte ich die komplette Pubertät verschlafen in Hinsicht meiner Sexualität.

Wie sind Sie schließlich damit umgegangen?

Corinne Nach meiner ersten Beziehung wusste ich bereits, dass ich irgendwie anders war. Das erste, was ich tat, war googeln. Am Anfang stößt man nicht direkt auf Asexualität, zuerst tauchen Sachen auf wie Hormonstörungen, Spätzünder und Ähnliches. Irgendwann landete ich auf der Seite „Aven“, und da wurde ich das erste Mal darüber aufgeklärt, was Asexualität bedeutet.

Betroffen habe ich mich aber immer noch nicht gefühlt, schließlich lebte ich bis dahin mit der Überzeugung, dass jeder irgendwann Sex wollte. Es war vollkommen unbedeutend für mich, dass ich selbst nicht in mein eigenes Weltbild passte. Den Gedanken habe ich dann ein weiteres Jahr lang verworfen, um dann wieder zu googeln und wieder auf „Aven“ zu stoßen. Ich war verwirrt. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich Asexualität gegoogelt habe. Ich weiß nicht wieso, aber es hat mich ein Jahr gekostet, es für mich zu akzeptieren.

Haben Sie sich in Ihrem Freundes- oder Familienkreis geoutet?

Corinne Das Outing kam langsam, verlief schwerfällig und ist bis heute nicht abgeschlossen. Nachdem ich es endlich für mich akzeptiert hatte, habe ich mich meiner besten Freundin anvertraut. Es war mir wichtig, da sie mir am nächsten steht. Gleichzeitig war es für mich auch ein Zeichen dafür, dass meine Entscheidung nun endgültig war. Ich hatte es einer Person erzählt, also würde ich mich nicht mehr so schnell umentscheiden.

Danach kamen langsam immer mehr Personen aus meinem engsten Freundeskreis hinzu. Eigentlich habe ich nur positive Erfahrungen gemacht und bin auf viel Verständnis gestoßen. Es total offen erzählen, konnte ich aber nie. Ich wünschte, ich könnte es, aber ich habe immer Angst. In meinem Familienkreis weiß es niemand, abgesehen von meinem Bruder, aber auch erst seit wenigen Wochen. Ich weiß nicht, ob oder wann ich es dem Rest der Familie erzähle. Es ist dann doch ein relativ privates Thema, schließlich geht es darum, mit wem man Sex hat, oder eben nicht. Wenn man sich als homosexuell outet, muss man ja nicht unbedingt über den Sexteil reden.

Ist Asexualität denn ein Tabuthema?

Corinne Ich denke eher, dass es vollkommen unbekannt ist und man es deswegen nicht gerne anspricht. Bisher habe ich noch nie von einem Außenstehenden die richtige Definition von Asexualität gehört. Die lautet nämlich, dass man keine sexuelle Anziehung verspürt. Bisher habe ich immer nur gehört, dass man keinen Sex will. Das stimmt größtenteils auch, aber es gibt auch einige Asexuelle, die den körperlichen Teil von Sex genießen können, denn ihre Geschlechtsorgane funktionieren einwandfrei. Sie suchen es halt nur nicht aktiv, und sie könnten auch den Rest ihres Lebens ohne Sex auskommen. Sie sind einfach nur in ihren Partner verliebt und wollen ihm etwas Gutes tun, fühlen sich aber sexuell nicht von ihm angezogen.

Außerdem ist Sex in unserer Gesellschaft ein sehr wichtiges Thema, schließlich wird es immer als die „schönste Nebensache der Welt“ eingestuft. Überall wird Werbung mithilfe von sexy Frauen und Männern gemacht, es gibt Sexualtherapeuten, Prostitution und vieles mehr, damit die Sexualität nur niemals erlischt. Wenn dann aber jemand ankommt und meint, dass er/sie überhaupt keinen Sex will oder sexuelle Anziehung verspürt, dann steht man plötzlich vor einer Wand. Sowas hört man einfach gar nicht in unserer Gesellschaft, wo man an jeder Ecke Sex findet. Für die meisten ist es noch ein komplett neues Thema, weswegen die Diskussionen darum gerade erst begonnen haben. Homosexualität ist da meiner Meinung nach einfacher zu verstehen, schließlich ist es genau das Gleiche wie Heterosexualität, nur dass man sich in das eigene Geschlecht verliebt. Aber sowohl Homosexuelle als auch Heterosexuelle verspüren eine sexuelle Anziehung. Und die unterscheidet sich in den meisten Fällen nicht von ihrer romantischen Anziehung. Dass aber eine Anziehung komplett wegfällt, ist für viele Menschen komplett unvorstellbar, weswegen Asexuelle (und Aromantiker) auch schon mal mit gefühlskalten Robotern verglichen werden. Viele kennen Sex ohne Liebe, aber keine Liebe ohne Sex.

Asexuell zu sein, bedeutet aber nicht, dass man sich keine Beziehung wünscht?

Corinne Nein, Asexualität und Aromantik sind zwei verschiedene Dinge. Aromantische Menschen verspüren keine romantische Anziehung, verlieben sich also nicht. Deswegen wünschen sie sich auch keine romantische Beziehung.

Ich bin asexuell und romantisch, also wünsche ich mir eine Beziehung, und befinde mich auch seit einem Jahr in einer Beziehung. Mit ein Grund, warum ich zögere, mich zu outen, ist, weil die Leute dazu tendieren, meinen Freund zu bedauern, und das kann ich nicht ausstehen. Er hat sich aus freien Stücken für diese Beziehung entschieden.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen etwas in Ihrem Leben fehlt?

Corinne Eigentlich nicht. Ich wünschte nur, ich hätte weniger Angst vor dem Verlassen werden. Ich befürchte immer, dass mein jetziger Partner irgendwann keine Lust mehr auf mich hat, und dass ich danach nie wieder einen so verständnisvollen Freund finde. Manchmal würde ich gerne einen Tag mit einem sexuellen Menschen tauschen, um wenigstens einmal zu fühlen, was sie fühlen, aber ich glaube, ich fände es eher anstrengend als befreiend.

Das einzige, was mir lange fehlte, waren Leute um mich herum, die mich verstehen. Jetzt habe ich eine Community aus jungen Menschen gefunden, die sich „Die Ameisenbären“ nennen, und ich könnte nicht glücklicher sein, sie getroffen und kennengelernt zu haben.