LUXEMBURG
MARA KROTH

Rocket Internet, Zalando und viele andere - Martin Bell berät Startups

Martin Bell lebt in der Startup- Welt - dort berät er auf internationaler Ebene Startups und hat das Playbook „100 Tasks Start- up“ entworfen, eine Anleitung mit 100 Etappen, mit welcher Jungunternehmer Schritt für Schritt an ihrer Idee arbeiten können. Bevor er sein Unternehmen „Bell Ventures“ gründete, arbeitete Martin mit einer Vielzahl an Startups zusammen, unter jenen auch Zalando, mittlerweile einer der größten deutschen Online- Versandhändler. Uns erklärt er, was den Erfolg von Startups ausmacht.

Wie bist Du in diese Branche gekommen und was gefällt Dir an Deiner Arbeit?

Martin Bell Mein Eintritt in die Branche begann direkt nach meinem Harvard-Abschluss im Wesentlichen bei Rocket Internet und war, wie so oft im Leben, anders als ich es ursprünglich geplant hatte! Ich hatte damals darum gebeten, einem neuen, kleinen Startup zugeordnet zu werden, da ich es sehr aufregend fand, von Anfang an dabei zu sein und aktiv etwas komplett Neues aufzubauen.

Was hat Du denn dann bei Zalando gemacht?

Bell Ich kam zu Zalando, das bereits damals eine beachtliche Größe hatte, wo ich für die Expansion des Tech-Departments zuständig war. Offensichtlich, dass die Natur der Aufgaben dort komplett verschieden ist. Jedoch nicht weniger spannend - galt es doch den Personalstamm innerhalb eines Jahres zu verdoppeln! Um dieser Herausforderung Herr zu werden, musste der gesamte existierende Hiring- Funnel neu gedacht werden und viele Schritte erforderten, dass alle Beteiligten aus der eigenen Komfort-Zone austreten mussten. Schlussendlich haben wir unser Ziel jedoch erreicht und so endete mein erstes größeres Projekt in der Welt der Startups. Später hatte ich dann auch die Gelegenheit, mit ganz jungen Startups zusammenzuarbeiten, während ich an der Entwicklung von Rocket Internets 100-Tage-Launchprozess gearbeitet habe. Durch diesen habe ich insgesamt circa. 50 Firmen geführt.

Was hat sich seit Beginn Deiner Arbeit mit Startups bis heute alles geändert?

Bell Vieles! Man könnte sagen, dass Entrepreneurship erwachsener geworden ist. Gründer können aus einem enormen öffentlich zugänglichen Wissensschatz schöpfen, die Herausforderungen sind gut verstanden und es existieren eine Vielzahl von Werkzeugen, um diese anzugehen - erprobt von denen, die diesen Weg vorher beschritten haben. Das größte Problem ist daher nicht mehr herauszufinden, was getan werden muss, sondern wie die Konzepte in konkrete Ergebnisse überführt werden können - dieser Erkenntnis folgend konzentriere ich mich bei der Arbeit mit meinen Kunden darauf, ihnen konkretes handlungsfähiges Wissen zu vermitteln.

Du hast das Konzept ‚100 Task Startup‘ entworfen. Wieso sollten Startups besonders in der Anfangszeit zügig und effizient vorgehen?

Bell Dafür gibt es unzählige Gründe! Die wichtigsten sind jedoch die Knappheit der Ressourcen und die enorme Unsicherheit in der sich Startups von Natur aus bewegen. Viele Startups finanzieren sich in frühen Phasen von Ersparnissen, Zweitjobs und Darlehen von Verwandten und Freunden - ihre Assets bestehen in diesem Fall zumeist nur aus sogenannten „sweat equity“. Die Folge - ähnlich wie „Leben“ in einem Videospiel haben diese Startups eine begrenzte Anzahl von Experimenten, die schiefgehen dürfen, bevor ihnen die Mittel ausgehen. Und es wird definitiv etwas schiefgehen, darauf muss man als Gründer gefasst sein. Diese wenigen „Leben“ müssen also so effizient wie nur möglich genutzt werden, um aus jedem einzelnen den maximalen Lerneffekt zu erzielen. Zusätzlich ist entschiedenes Vorgehen auch eine Hauptvoraussetzung, um Investoren zu gewinnen. Gründer ohne ein richtiges Konzept erhalten entweder kein Fremdkapital oder müssen aufgrund einer schlechten Verhandlungsposition den Großteil ihrer Anteile für vergleichsweise wenig Kapital abgeben. Die Ressourcenknappheit wird also weiter verstärkt. Die meisten jungen Startups wissen nicht, wer ihre Kunden überhaupt sind. Auch dieser Schwebezustand kostet enorm viele Ressourcen. Das „100 Task Startup“ Playbook wurde konzipiert, um genau diese Art von konkreten Fragen zu beantworten.

Was sind die drei wichtigsten Merkmale, die ein junges Team ausmachen, um erfolgreich zu sein?

Bell Sie sollten einen unterschiedlichen Background, eine ausgeprägte Menschenkenntnis und einen unerschütterlichen Kampfgeist samt Vision haben. Warum unterschiedliche Backgrounds? Startups können sich in der Regel keine teuren Fachkräfte und Experten leisten, weswegen die Gründer zumindest am Anfang in nahezu alle Tätigkeiten selbst erledigen müssen. Bei unterschiedlichen Backgrounds wird eine höhere und kompetentere Abdeckung der Aufgaben erreicht, was die bereits erwähnten knappen Ressourcen stark schont. Zusätzlich entstehen durch die verschiedenen Perspektiven wichtige Diskussionen, welche die Qualität der gefällten Entscheidungen verbessern.

Irgendwann wird jedoch der Punkt erreicht sein, an dem das Startup weitere Personen ins Boot holen muss - hier kommt nun die Menschenkenntnis ins Spiel. Sind die Gründer nicht in der Lage zu erkennen, welche Personen sie einstellen sollten, von welchen sie die Finger lassen sollten und von welchen sie sich trennen sollten, gibt es für sie keine Aussicht auf Erfolg. Die Vision ist wohl die am intuitivsten zu verstehende Anforderung. Elan Musk beschrieb einmal das Gründer-Dasein wie folgt: „Running a start-up is like chewing on glass and staring into the abyss.“ Es verlangt einem alles ab und man muss in der Lage sein, nicht nur seine eigene, sondern als echter Leader auch die Motivation und Leidenschaft der Mitarbeiter aufrecht zu erhalten. Dies erfordert wahre Willensstärke, gestützt von einer inspirierenden Vision.
Vor welchen Tücken der Startup Branche sollten sich Jungunternehmer in Acht nehmen?

Bell Die größte Illusion, der man sich entledigen sollte ist, dass mit der richtigen Idee alles andere von alleine kommt und einem die Kunden die Tür einrennen. Versteht mich nicht falsch - ein starkes Produkt ist extrem wichtig. Doch es ist nicht wie im Film. Erfolg ist auf einer abstrakten Ebene das Ergebnis unzähliger Iterationen einer „Bauen - Messen - Lernen“ - Schleife, wie sie in „The Lean Startup“ beschrieben wird. Es handelt sich also um einen kontinuierlichen Prozess mit einer gesunden Mischung aus kleinen Optimierungen, aber auch großen Entscheidungen, wie beispielsweise, ob eine Änderung des Geschäftsmodells - als Ganzes oder einige Teile - nötig ist. Über Nacht passiert hier nichts.

Am 1. Juni warst Du zu Gast beim ‚Falling Walls Luxembourg‘ Vorentscheid in Belval und konntest einen kleinen Eindruck vom Startup-Ecosystem hier in Luxemburg gewinnen. Was ist Dir aufgefallen?

Bell Aufgefallen sind mir mehrere Dinge, die ich in zwei Ebenen unterteilen würde - menschlich und organisatorisch. Mit ersterem meine ich dabei, wie intelligent und technisch versiert die Leute waren - es kam mir so vor, als würde dort jeder mit einem Doktortitel durch die Gegend rennen! Auch schienen mir die Forschungsthemen, an denen gearbeitet wird, nicht so marktfern, wie es oft in der Forschung der Fall ist, sondern sehr an praktischem Nutzen orientiert. Dies spiegelte sich speziell in den innovativen High- tech-Ideen wieder, die vorgestellt wurden und von denen viele eben aus jener Forschung zu stammen. Besonders beeindruckt haben mich darüber hinaus die Leitung der Inkubatoren und der Uni Luxembourg. Hier wird echtes Management vorgelebt und nicht nur „Innovation Theater“ gespielt, womit ich auch schon zu meinem zweiten Punkt kommen würde.

Was hältst Du vom Inkubator der Uni?

Bell Man merkt, dass der neue Inkubator der Uni durchdacht aufgesetzt wird. Zudem ist der Technoport schon 20 Jahre alt und äußerst erfolgreich. Die Unternehmen beider Inkubatoren stammen aus hoch komplexen high-tech Bereichen und die Gründer erhalten die bestmögliche Unterstützung, indem sie mit Experten zusammengebracht werden. Die Leute waren sehr international und weltoffen, was für mich zeigt, dass Luxemburgs Bemühungen, proaktiv die besten Talente der Welt anzulocken, erfolgreich sind. Zu alledem investiert der FNR stark in public-private Partnerschaften, was weiter dazu beitragen sollte, Luxemburg zu einem starken Tech-Cluster zu verhelfen, welches staatliche, akademische und privatwirtschaftliche Player vereinigt. Kurz gesagt - nicht ohne Grund ist Luxemburg eines der innovativsten Länder der Welt. Ich lese fast jeden Tag über eine neue, große Initiative in Luxemburg, die Startups fördert!