LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Your very own double crisis club“: Ohne Mergenthaler, keine Nosbusch

Keine Bühnenkulissen. Keine Requisiten. Nur schwarze Wände und in greller Leuchtschrift über einer Tür das Wort „Paradise“. Etwas künstlicher Nebel wird über die Bühnenbretter gehaucht, auf die schließlich die beiden schwarz gekleideten Protagonisten treten. Er (André Mergenthaler) setzt sich links auf einen Stuhl und platziert das Cello zwischen seine Beine.

Sie (Désirée Nosbusch), mit breitrandigem Hut, stellt sich, einen Apfel kauend, weiter hinten in die andere Ecke. Erwartungsvolle Stille in den Publikumsrängen des Kasemattentheater. Schmatzendes Apfelkauen auf der Bühne, die an diesem Abend für „Your very own double crisis club“ von Sivan Ben Yishai in einer Inszenierung von Max Claessen reserviert ist. Laut Programmheft geht es um zwei Krisen, die aufeinander treffen, um ein Wir und ein Ihr - ein Wir mit Fluchtgeschichte und das eingesessene Ihr einer demokratischen Gesellschaft.

Schmerzhaftes Klagelied

„Es ist nicht schwer, zu beschreiben, was ich sah“, beginnt sie schließlich ihr schmerzhaftes Klagelied, spricht von der winzigen Stadt, die in Flammen steht, von den Menschen, die herausströmen, vom Feuer, das ihnen den Rücken verbrennt.

Die Stadt liegt, wie es scheint, inmitten eines Kriegsgebiets. Sie, diese Stadt, wird „gegangbangt - und wir schauen zu. Inzwischen ist sie tot“. Rhythmisches Zupfen an den Cellosaiten. Bald darauf wird die Melodie, die er aus seinem Instrument streichelt, dramatischer. Derweil schleift sie einen toten Hirsch am Geweih gepackt auf die Bühne. Wahrscheinlich ein Symbol für Tod und Zerstörung...

„Und Ihr, liebe Zuschauer, wischt die Tränen weg, weint nicht um uns, steckt die Hände in die Unterwäsche. Spürt die Wärme“, fordert sie ihr Publikum auf. Der Aufforderung kommt natürlich niemand nach, etwas verdutzte Blicke bleiben nicht aus, verhaltenes Kichern, immerhin hat man noch nicht so recht verstanden, was dieses Stück eigentlich will oder worum es geht. Das soll sich im weiteren Verlauf auch nur bedingt ändern. Ständig wird zwischen zwei Ebenen gewechselt, zwischen Erinnerung und Neubeginn, zwischen dem Erzählenden und dem Zuhörenden, zwischen diesem Wir (Darsteller) und diesem Ihr (Zuschauer).

Mal mehr, mal weniger wirkungsvolle Passagen

Die Rede geht bildstark von Zerstörung, Gewalt, Unterdrückung, Flucht und Exil, in manchmal mehr, manchmal weniger wirkungsvollen Textpassagen. Zu letzteren gehört ein überlanger Schwanz-Monolog, dem es eindeutig an sprachlicher Kraft fehlt. Andere Szenen, in denen das Sterben, die Angriffe und Vergewaltigung thematisiert werden, sind da schon um einiges eindringlicher beschrieben. Dennoch fällt der Durchblick nicht leicht. Zu selten sind noch dazu die Momente, in denen man sich wirklich berührt fühlt. Der dramatische Bogen stimmt indes, das Geschehen nimmt schnell an Fahrt auf und endet in einem szenisch starken, ruhigeren Schluss, beziehungsweise wieder am Anfang. Passend zur Temposteigerung auf der Textebene und im Spiel, beschleunigt auch Mergenthaler seinen Bogen und sprengt, wie man es von ihm kennt, die Grenzen seines Instruments durch den Einsatz von Live-Electronic. Seinen musikalischen Einlagen ist es zu verdanken, dass „Your very own double crisis club“ stellenweise ein richtiger Genuss ist. Dem berühmten Funken fällt es dennoch schwer, an diesem Abend überzuspringen. Die unglaubliche Leidenschaft, mit der Mergenthaler sein Instrument - mal einfühlsamer, mal fordernder - bearbeitet, vermisst man gelegentlich etwas in Désirée Nosbuschs Spiel. Ihre schauspielerische Leistung - eine solche ist ein Monolog zweifelsohne - kann dennoch gewiss nicht als schlecht bewertet werden.

Weitere Vorstellungen von „Your very own double crisis club“ in einer deutschen Übersetzung von Henning Bochert am 12., 14., 15. und 16. Juni um 20.00 im Kasemattentheater.