LUXEMBURG
SVEN WOHL

Die Wirkung von gewalthaltigen Videospielen auf Kinder und Jugendliche ist bei weitem nicht so groß, wie oft befürchtet

Welchen Einfluss können gewalthaltige Videospiele auf Kinder und Jugendliche haben? Was können Eltern hier tun? Zu diesen Fragen haben wir ein kurzes Gespräch mit Prof. André Melzer geführt, Hauptdozent an der Universität Luxemburg, der zum Thema „Interaktive Medien“ forscht:

 

Grand Theft Auto V (GTA V) ist nicht nur ein brutales Videospiel, sondern bei viele Schülern sehr beliebt, obwohl es erst ab 18 freigegeben ist. Sollte uns so etwas Sorgen machen?

Prof. André Melzer Was prinzipiell in der Forschung zu kurz kommt, aber für mich durchaus interessant ist, ist die Frage der Motivation: Warum spielen Kinder und Jugendliche ein bestimmtes Spiel oder nutzen gewisse Medien. Bei GTA V ist das relativ schnell erklärt: Das fängt schon damit an, dass ein großer „Ab 18“-Sticker auf der Packung klebt. Das wirkt wie ein Magnet, was nicht neu ist. Vor allem Jugendliche werden von etwas angezogen, was Erwachsene verbieten. Dann kommen die Inhalte hinzu: Diese vielen Möglichkeiten, die man hat, Dinge zu tun, die man in dem Alter nicht tun kann oder klar unmoralisch sind und normalerweise sanktioniert werden. Das fällt hier alles weg, denn in einem Videospiel gibt es keine realen Konsequenzen. Das ist für Jugendliche teilweise besonders attraktiv.

Inwiefern Kinder und Jugendliche zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können ist hier eine Kernfrage. Die allermeisten können das. Es wird kein seriöser Forscher behaupten, dass das Spielen von GTA der alleinige Grund für ein eventuelles aggressives Verhalten bei einem Jugendlichen oder Erwachsenen ist.

 

Welche Rolle spielt da die Peer-Group und welchen Einfluss haben Eltern?

Prof. Melzer Den Druck der Peer-Group gab es schon immer und beschränkt sich nicht auf Videospiele oder neue Medien. Das gab es schon beim Rubiks Cube! Da hatte nicht jeder Lust zu, aber jeder hat mitgemacht. Ein soziales Ansteckungsphänomen gibt es in allen Bereichen. Kinder und Jugendliche passen auf, wo sie in ihrer Gruppe stehen. Ein Spiel wie GTA zu besitzen, ist dann eben auch ein Statusobjekt.

Eltern sollten sich dafür interessieren, was ihre Kinder tun und Fragen stellen. Warum machst du das? Welche Bedeutung hat das für dich? Aber auch klar hinweisen: Die Inhalte sind Fiktion, nicht Realität.

Ich bin da auch für eine klare Kante: Eltern sollen ihren jungen, kleinen Kindern erklären, dass ein Spiel nicht altersgerecht ist und nicht zu Hause gespielt werden darf. Dabei ist klar, das kennen wir aus der eigenen Kindheit, dass, wenn es zu Hause verboten ist, es möglicherweise andere Wege gibt, etwa über den Freundeskreis, um das Verbot zu umgehen. Das sollte die Eltern nicht daran hindern, sich dafür zu interessieren und klare Grenzen zu setzen. Durch solche Grenzen lernen Kinder, dass es Regeln für das Verhalten im Umgang mit Medien gibt.

 

Worin liegen die Gefahren, wenn die Eltern sich nicht dafür interessieren, was ihre Kinder tun?

Prof. Melzer Medien sind ein Einflussfaktor auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – und noch lange nicht der Wichtigste! Das ist meine Einschätzung, die ich mit zahlreichen anderen Forschern teile. Sicherheit im Elternhaus,  das gegenseitige Vertrauen zwischen Eltern und Kindern, ein gutes gesellschaftliches Klima, finanzielle Sicherheit – alles das spielt eine größere Rolle. Das Modell, das viele andere Forscher und ich favorisieren sieht viele Faktoren, die bei der Entwicklung von Kindern eine Rolle spielen. Es gibt Faktoren, die einen vor negativen Folgen schützen, worunter nicht nur die genannten Elemente fallen. Es gibt aber auch eine Menge Risikofaktoren: psychische Gesundheit, die Persönlichkeit, etwa eine höhere Aggressivität, oder ein sozial schwieriges Umfeld. Medien können auf die eine oder andere Weise als Faktoren wirksam sein.

In welchem Verhältnis diese Elemente zueinander stehen, kann die Psychologie pauschal aber gar nicht beantworten. Das ist die Schwierigkeit, dass im individuellen Fall so viele Faktoren zusammenkommen. Forschung hilft aber, zumindest die einzelnen Faktoren besser zu verstehen, auch wenn unser Wissen ohnehin nie komplett sein wird.