LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Aus Empörung über rechte Ideen: Maxime Weber bloggt und gewinnt damit einen Preis

Kino, Literatur, Philosophie, Musik und Politik: Maxime Weber hat viele Interessen. Und allen geht er nach, aber nicht nur passiv, sondern indem er sich selbst darin ausprobiert. Der 24-jährige Philosophiestudent dreht Kurzfilme, schreibt Geschichten und betreibt einen Blog. Für Letzteres hat er eine besondere Anerkennung erhalten: Für seinen politischen Blog (www.maximeweberblog.com), auf dem er kritisch über die rechte Szene in Luxemburg schreibt, hat er den „Prix René Oppenheimer“ gewonnen. Wenn er nicht bloggt oder an seinem ersten Roman schreibt, plant er, was er mit seiner Band „Todesnot“ an seinem Studienort Berlin anstellen kann. Manchmal muss er sich einfach ablenken, weil die Kritik, welche die rechte Szene auch an ihm persönlich übt, nicht ganz ohne ist.

Du schreibst auf Deinem Blog über die rechte Szene - warum gerade dieses Thema?

MAXIME WEBER Ich habe 2011 damit angefangen, weil mir damals aufgefallen ist, dass in den sozialen Netzwerken immer mehr solcher Gruppen auftauchen. Das war auch die Zeit, zu der ich anfing, mich politisch zu interessieren. Angesichts des Tatsache, dass mein Großvater im Krieg zwangsrekrutiert wurde und fliehen musste, war ich schockiert, dass es heute Leute gibt, die solche Positionen vertreten. Das kam zu meiner grundsätzlichen Empörung noch dazu.

Wie recherchierst Du für Deine Blogartikel?

MAXIME Auch wenn der Blog unter meinem Namen auftritt, es ist eine Gemeinschaftsarbeit. Ich stehe in Kontakt mit anderen Leuten, die auch über rechte Szene recherchieren, tausche mich mit ihnen aus, mache Screenshots, verfolge die gängigen Adressen und bekomme auch Informationen von Lesern und meinen Kontakten aus dem Team zugeschickt. Ich recherchiere über einen längeren Zeitraum und stricke dann am Narrativen, normalerweise sitze ich an einem Artikel wochenlang, auch weil es neue Entwicklungen gibt. Es ist ein fortlaufender Prozess.

Auf welche Gruppen fokussierst Du Dich?

MAXIME Im Moment auf die Wee2050/ADR, weil sie leider den meisten Erfolg mit ihren fragwürdigen Positionen haben. Auch auf „déi Konservativ“ und auf private Accounts von diversen Akteuren der rechten Szene. Diese sind ja öffentlich zugänglich. Wenn sie beispielsweise geschmacklose Witze über Flüchtlinge machen, kann das jeder nachlesen, nur sie scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein.

Nochmal zu den anderen Leuten, die auch die rechte Szene beobachten: Wieviele sind das und wie kam der Kontakt zustande?

MAXIME Das ist eine Handvoll Leute, teilweise haben sich die Kontakte erst durch die Arbeit ergeben, weil man über die gleiche Problematik schreibt.

Wie sind eigentlich die Reaktionen: Wirst Du angefeindet?

MAXIME Der Vorwurf ist meistens, dass ich diffamieren würde, obwohl ich ja gerade versuche, mit Argumenten zu belegen. Ich setze keine Lügen in die Welt, ich versuche faktenbasiert zu schreiben und ziehe wissenschaftliche Studien heran. Aber das wird untergraben, da heißt es dann, dass ich zu jung wäre und dass ich als Student ohne Abschluss vorsichtig zu sein sollte, mit dem was ich schreibe. Als Gegenargument meistens mein Alter anzuführen, ist keine gute Vorgehensweise. Manchmal gab es auch persönliche Anfeindungen, jemand von der ADR hat mich mit dem Herausgeber des Stürmer (Anmerk. d. Red. antisemitische Wochenzeitung, die zwischen 1923 und 1945 in Nürnberg erschien) verglichen. Aber ich weiß, worauf ich mich einlasse. Nur manchmal ist es an der Grenze: Die Person hinter „Ech hunn mäin Lëtzebuerg gären“, über die ich regelmäßig kritisch berichtet habe, hat zum Beispiel mal Fotos von meiner Schwester gepostet. Es waren keine abfälligen Bemerkungen oder so dabei, aber er hat sie damit in etwas reingezogen, mit dem sie gar nichts zu tun hatte, und das hat mich aufgeregt.

Konntest Du das entschärfen?

MAXIME Meistens mache ich mich darüber lustig. Humor hilft mir. Aber das mit meiner Schwester hat mich aufgeregt, aber meine Schwester hat das eher lustig gefunden und ihn selbst angeschrieben, damit er aufhört. Mittlerweile gehe ich nicht mehr auf solche Sachen ein. Ich will nicht in der Opferrolle sein, das ist ja das, was ich den Rechten vorwerfe. Meistens stehe ich über dem Ganzen.

Du hast vor jüngst den Prix René Oppenheimer gewonnen - wie fühlst Du dich damit?

MAXIME Das bedeutet mir sehr, sehr viel. Ich war der jüngste Preisträger und habe den Preis mit Renée Wagener gewonnen, einer etablierten Forscherin. Das fand ich toll und es ehrt mich sehr, dass eine Stiftung, die an einen jüdischen Jungen, der von den Nazis ermordet wurde, erinnert, mich für meine Arbeit auszeichnet. Es ist sehr würdigend und zeigt mir Selbstwirksamkeit. Ich bekomme zwar sonst auch viel Feedback, aber das gibt mir den Eindruck, dass es richtig und wichtig ist, was ich mache.

Neben dem Blog machst Du ja noch viele andere Dinge. Hast etwa 2016 den Prix Laurence für eine Kurzgeschichte gewonnen. Woran schreibst Du im Moment?

MAXIME Im Moment schreibe ich an einem Science-Fiction-Roman, die größten Inspirationen sind Camus, Proust und H. P. Lovecraft. Es geht um eine junge Frau, die nach dem Studium zurück in ihr Heimatdorf in Luxemburg zieht, als gerade überall auf der Welt ein mysteriöses Phänomen auftaucht, das jegliches organisches Leben mit Verwesung bedroht. Der Roman beschreibt, wie die Protagonistin und ihr Umfeld mit der Katastrophe klarkommen.

Es geht also gar nicht darum, klassisch die Welt zu retten?

MAXIME Nein, es geht darum, die Schönheit im Alltag zu erleben. Die Welt geht unter und sie müssen mit den psychologischen und philosophischen Folgen klarkommen. Es geht um die Kraft der Erinnerung und um die zwei Seiten der Zeit: Zeit sorgt für Vergänglichkeit unserer Existenz, was etwas Unerhörtes ist, und sie liefert uns die Erinnerung, was etwas Existenzbejahendes ist und uns weitermachen lässt trotz der Widrigkeiten.


Weitere Infos unter www.maximeweberblog.com