LUXEMBURG
MARCUS STÖLB

Florian Illies liefert mit 1913 ein virtuoses Panorama jenes Jahres

Ob sie sich je begegneten, damals, als beide für ein paar Wochen zeitgleich in Wien weilten und sich regelmäßig im Park von Schönbrunn die Beine vertraten? Vielleicht grüßten sie sich, lupften ihre Hüte. Wir werden es nie erfahren, auch Florian Illies weiß nicht, ob Adolf Hitler und Josef Stalin, die späteren Menschheitsverbrecher, in jenen Tagen aufeinandertrafen. Doch der Autor lässt diese Möglichkeit aufblitzen, und auch wenn es für den verheerenden Verlauf der
Geschichte wohl keinen Unterschied gemacht hätte - die Vorstellung einer Begegnung hat ihren Reiz.

Die Urkatastrophe

Wir schreiben das Jahr 1913 - das Jahr vor der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als den Historiker den Ersten Weltkrieg bezeichnen; der Vorabend des „Grande Guerre“, wie die Franzosen bis heute sagen, obschon doch ein noch größerer Krieg folgen sollte. 2014, wenn sich der Ausbruch der Tragödie zum 100. Mal jährt, werden die Büchertische voll sein von Abhandlungen über den ersten der beiden Weltkriege. Florian Illies ist allen zuvorgekommen mit „1913 - Der Sommer des Jahrhunderts“, und natürlich beginnt sein Buch nicht erst in den warmen Monaten jenes Jahres.

Illies lässt sie alle wieder auferstehen, die Großen jener Zeit und auch manchen, dessen Bedeutung erst in der Nachbetrachtung deutlich wird; und auch die bedeutenden Schauplätze des politischen und kulturellen Lebens - Berlin, Wien oder Paris - erwachen zu neuem Leben. Es sind Augenblicke, ja Flashs, die der Autor zu einem Ganzen verwebt. Bis man sich zurückversetzt fühlt in jenes Jahr, in dem Thomas Mann sich über Monate über eine vernichtende Kritik Alfred Kerrs grämte und Franz Kafke sich um Felice Bauer bemühte; Picasso taucht auf, Gottfried Benn wird wieder lebendig, Rilke, und natürlich darf ein Sigmund Freud ebenso wenig fehlen wie die bedeutenden Künstergruppen „Der blaue Reiter“ und die „Brücke“.

Grandioser Appetizer

Es ist ein einziges großes Arrangement, ein Parforceritt, aus dem Illies ein Panorama des Jahres formt, das doch immer im Schatten des dann folgenden stehen wird. Illies, der „empfindsame Diagnostiker des Zeitgeistes“ (Gustav Seibt) und Autor des Bestsellers „Generation Golf“ liefert wenig, was nicht schon anderswo geschrieben stand. Sein Buch ist denn auch mehr ein grandioser Appetizer, der den Leser verführt, sich mit der Zeit und einigen ihrer Protagonisten auseinanderzusetzen.
Florian Illies, 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts, 320 Seiten, gebunden, 2012, 19,99 Euro