LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Molekularbiologin Maria Pires Pacheco erforscht Krebszellen mit dem Computer

Es war eine Bauchentscheidung, die Maria Pires Pacheco nicht bereut hat: Bei der Studienwahl schrieb sie sich kurzerhand für Biologie statt für Physik ein und forscht seitdem über den Stoffwechsel von Krebszellen. Doch leicht ist das Leben als junge Wissenschaftlerin trotz Leidenschaft und Förderprogrammen nicht. Warum sie sich aber trotzdem wieder für die Molekularbiologie entscheiden würde.

Die Molekularbiologie hat es Dir angetan - wie kam das?

MARIA PIRES PACHECO Ich wusste nicht, ob ich Biologie oder Physik studieren sollte und habe mich in letzter Sekunde gegen Physik entscheiden, weil mein Bruder das schon studierte und mir Physik zu abstrakt war. Es war eine Bauchentscheidung und ich bin glücklich mit der Biologie, die eine Schnittstelle zwischen allen Wissenschaften ist. Biologie findet mehr Anwendung und ich wollte auch nützlich sein.

Ist Biologie für Dich nur ein Studium gewesen oder eine Lebenseinstellung?

MARIA Es ist mehr als ein Job, ich mache das wirklich sehr gerne. Ich habe mich mehr auf Computerbiologie konzentriert, weil ich es nicht so mag im Labor zu arbeiten.

Was genau erforschst Du mittels Computerbiologie?

MARIA Wir untersuchen große Datenmengen, die man nicht ohne Computer analysieren kann. Dann simuliere ich mit Computertools eine Zelle und kann an ihr Experimente durchführen und untersuchen, welchen Einfluss ein bestimmtes Medikament etwa auf eine Krebszelle hat, welche Medikamente diese Krebszellen ohne oder nur mit minimalen Nebenwirkungen abtöten. Im Labor würde das mit echten Patientenzellen Jahre dauern, wenn man alle Kombinationen testen will.

Aber sind diese Experimente an nicht echten Zellen zuverlässig?

MARIA Es ist immer eine vereinfachte Version der Realität, nicht alles ist richtig, aber das Meiste schon: Zuerst werden am Computer alle Kombinationen an Medikamenten an Zellmodellen getestet und so wird alles eliminiert, was keine Wirkung hat. Dann werden die Medikamente, die bei den PC-Tests eine Wirkung gezeigt haben, trotzdem im Labor getestet. Der PC ist ein Filter, der Zeit und Geld spart, und uns hilft, das richtige Medikament zu finden, denn es gibt tausende von Krebsmedikamenten.

Seit wann werden diese Tests per PC gemacht?

MARIA Das erste Paper, das ich dazu gelesen hatte, stammte von 2010. Aber damals waren die Methoden noch nicht gut genug, die Tools, um Modelle für die Zelle zu bauen, werden immer besser. Ich baue diese Tools und programmiere auch viel. Ohne Programmieren wird es in der Biologie in Zukunft nicht mehr gehen, aber man muss dafür kein Mathegenie sein, ich habe das auch erst vor Kurzem gelernt.
Wie bist Du zur Krebsforschung gekommen?

MARIA Krebs hat mich immer interessiert, außerdem wollte ich etwas Hilfreiches und Praktisches machen. Ich kenne viele Leute, die Krebs hatten oder haben, es hat einen größeren Einfluss auf mich als andere Krankheiten. Krebs ist eine der Krankheiten, die mit meisten Menschen tötet, aber was ich mache, könnte auch im Kampf gegen andere Krankheiten genutzt werden.

Wolltest Du schon als Kind Wissenschaftler werden oder kam die Begeisterung später?

MARIA Ich wollte schon früh Wissenschaftler sein. Vorbilder hatte ich nicht wirklich, aber als kleine Kinder hatten mein Bruder und ich Science-Fiction gerne: Antworten auf Fragen zu finden, das hat uns fasziniert.


Du wurdest vom „Fonds National de la Recherche“ gefördert, wie lief das ab?

MARIA Ich hatte vom FNR ein AFR PhD von 2012 bis 2016, habe 2016 meinen Doktortitel von der Uni Luxemburg bekommen und danach einen Postdoc gemacht. Für die Förderung muss man sein Projekt für die Doktorarbeit beschreiben. Dann wird das Projekt von drei Experten auf Machbarkeit und Sinn beurteilt. Am Ende bekommen 20 Prozent der Kandidaten für drei Jahre eine finanzielle Unterstützung, im vierten Jahr kann ein zusätzlicher Antrag gestellt werden, dann muss der Nutzen aber für Luxemburg interessant sein.

Wie sieht es derzeit bei Dir aus?

MARIA Ich bin auf Stellensuche und würde gern hier in Luxemburg bleiben, aber nur die Uni oder das LIH („Luxembourg Institute of Health“, Anmerk. d. Red.) könnten mich anstellen, das ist schon alles. Aber man muss ein Drittel der Zeit, die man vorher an der Uni gearbeitet hat, warten, bis man wieder angestellt werden kann. Das wären bei mir 20 Monate, daher suche ich auch im Ausland, aber aus familiären Gründen würde ich lieber hier bleiben.

Sollten Schüler, die sich für Biologie interessieren, es durchziehen und das studieren?

MARIA Naja, es ist immer das gleiche, wenn eine feste Stelle mit 40 Wochenstunden will, dann sollte man es nicht machen. Viele klagen über den arbeitsintensiven Doktor, aber für mich war es eine Freude und ich hatte eine sehr gute Zeit. Die problematischen Fragen sind: Warum können wir Wissenschaftler keine feste Stelle haben, warum gelten keine normalen Regeln, wir arbeiten mehr und bekommen weniger Geld. Fünf Jahre arbeiten und 20 Monate arbeitslos und immer so weiter, das ist kein Leben. Wenn man aber Luxemburg verlassen, überall hin reisen und alle zwei Jahre eine neue Stelle will, soll man das machen. Man muss wissen, was man will. Für mich ist Wissenschaft keine Arbeit, es ist Spaß und daher würde ich noch einmal so entscheiden, auch wenn ich weg muss. Ich würde mein Leben nicht ändern.


Weitere Informationen unter www.fnr.lu