LUXEMBURG
MARCO MENG

Die Klimaveränderung hat Auswirkungen nicht nur auf unser Wirtschaften

Er ist nicht mehr abzuleugnen, die wissenschaftlichen Daten sprechen für sich: das Klima ändert sich. Alle Versicherungen auf der Welt versuchen derzeit, die Kosten des Klimawandels zu beziffern, um mit dessen vielfältigen Folgen zu kalkulieren.

Die Handelskammer Luxemburg beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit intensiv mit der Thematik, erklärt Jérôme Merker, Ökonom der Chambre de Commerce Luxembourg. Denn unter dem Begriff „Umwelt- und Ressourcenökonomie“ setzen sich die Wirtschaftswissenschaftler der Handelskammer mit den negativen Auswirkungen auseinander, die beispielsweise von der Industrie oder auch den Haushalten generiert werden; so wird zu erfassen versucht, welche Umweltbelastung das Müllaufkommen verursacht. „Ökonomen versuchen, die Auswirkungen mit einem Preis zu beziffern“, sagt Merker. „Das geht auch relativ einfach für Sektoren, die einen Markt haben. Nehmen wir Agrarkultur und Erderwärmung. Da lässt sich ausrechnen, wie viel an Ernte verlorengeht, und das kann man dann mit einem Preis bewerten, weil die Ernte ja auf dem Markt verkauft wird.“ Lassen sich hier anhand der „market based tools“ ziemlich einfach Kosten evaluieren, sei das für Bewertungen von Dingen, die nicht auf einem Markt ausgetauscht werden, ungleich schwerer. Merker: „Wie kann man einen Verlust an Fauna oder an Tierarten preislich bewerten, also die Kosten dessen ermitteln? Wie viel geht verloren, wenn es keine Eisbären mehr gibt? Das ist sehr schwer, und Ökonomen können hier nur Schätzwerte veranschlagen.“ Die Wirtschaftswissenschaft tut sich hier also schwer damit, klare Zahlen zu liefern, denn insgesamt ist es schwerlich möglich, die Folgen des Klimawandels mit einem Preis zu beziffern.

Konsequenzen weit über Wirtschaft hinaus

Beim Klimawandel generell müsse man sich veranschaulichen, sagt Merker, dass nicht nur einzelnen Wirtschaftsbereiche betroffen sind, sondern es darüber hinaus sozioökonomische Konsequenzen hat, für die Gesamtwirtschaft, für die Unternehmen, für die Gesellschaften, für die Natur in globalem Ausmaß bis hin zu stärkeren Migrationsbewegungen. „Hierfür Kosten zu ermitteln sorgt in der Wirtschaftswissenschaft für viel Diskussionsstoff.“

Versicherungen spielen Szenarien durch, um Risiken zu kalkulieren, zum Beispiel wo durch den Klimawandel Hochwasser droht, wo mit mehr Sturmschäden zu rechnen ist und so weiter. Merker weist darauf hin, dass auch die Ratingagenturen inzwischen mehr und mehr den Klimawandel in ihre Kreditwürdigkeitsbewertungen mit einbeziehen. Das spürte unlängst Honda: unter anderem wegen Fabriken, die in hochwassergefährdeten Gebieten stehen, zeigen verschiedene Ratings nach unten. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft, gleichfalls wird sich die Industrie in Zukunft auch solche Kriterien berücksichtigen, wenn sie Fabriken baut.

Hinzu kommt: Auch der Kampf gegen den Klimawandel respektive das Bemühen, seine negativen Folgen zu minimieren kostet Geld, ja bremst mitunter das kurzfristige Wirtschaftswachstum. Klassisches Beispiel ist hier der CO2-Zertifikatshandel für Industrie. „Leider deckt das auch nur einen kleinen Prozentsatz der gesamten CO2-Emissionen ab“, bemerkt Merker, der sich aber glücklich zeigt, dass auch China bei den Bemühungen, die Erderwärmung zu stoppen, mitmacht und sich am System des CO2-Zertifikatshandels, der den Ausstoß von Kohlendioxyd verteuert, beteiligen möchte. „Das geht in die richtige Richtung. Aber wir sind noch ganz weit davon entfernt, dass der CO2-Ausstoß weltweit einen einheitlichen Preis hätte.“

Was kostet der Klimawandel Luxemburg?

Was der Klimawandel Luxemburg kostet, steht bislang nicht fest, zumal die Bewertung auch hier nur vage sein kann. „Die Länder, die vor allem die Auswirkungen des Klimawandels spüren, sind solche, deren Wirtschaft sehr klimasensitiv ist“, sagt der Ökonom Jérôme Merker. Entwicklungsländer, denen es ohnehin schon schwer geht und deren Wirtschaftsleistung zu großen Teilen aus der Landwirtschaft kommt, spüren den Klimawandel direkt. „Fällt dort einmal die Ernte aus, fallen 20 oder 30 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes weg“, veranschaulicht Merker. In Luxemburg kommen lediglich 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus der Landwirtschaft. Direkt wären die Folgen also gering – allerdings braucht auch Luxemburg Nahrungsmittel, indirekt ist demzufolge auch Luxemburg von Ernteausfällen durch den Klimawandel betroffen. Auch mehr Wetterextreme können Luxemburg zu schaffen machen. Umgekehrt bietet der Kampf gegen den Klimawandel neue Chancen: Darum möchte Luxemburg aktiv die Dritte Industrielle Revolution inklusive erneuerbarer Energiegewinnung umsetzen und auch die Kreislaufwirtschaft fördern; das sorgt für neues Wachstum und neue Geschäftsmodelle. Als kürzlich eine Delegation von den Capverden die Handelskammer besuchte, waren dort auch viele luxemburgische „Green Tech“-Unternehmen, die sich vorstellten und auf den Capverden ihre Dienstleistungen anbieten wollen.