LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Kreislaufwirtschaft erfahren, nicht nur für Kinder - Zu Besuch im „Centre Formida“

Ausräumen macht definitiv Spaß. Der etwa fünfjährige Junge klemmt sich die Kartonrolle, die fast so groß ist wie er, unter den Arm und legt sie zu anderen, sternenförmig auf den Boden. Nicht ohne im Vorbeigehen den fotografierenden Journalisten mit bestimmenden Ton darauf aufmerksam zu machen, dass sein Arrangement „nach net fäerdeg ass“. Am Tisch nebenan formt ein Mädchen aus Plastiklöffeln, Stoffen, Knöpfen und anderen Teilen eine Figur, die an einen Roboter erinnert. Im Lichtatelier setzen sich die Schüler auf spielerische Art und Weise damit auseinander, wie eine Lichtprojektion die Merkmale von Objekten in der Projektion verändert. Materialien unterschiedlicher Formen, Farben und Eigenschaften zu entdecken und sie auf spielerische Art und Weise zu kombinieren, das ist an diesem Donnerstagmorgen im „Centre Formida“ Sinn und Zweck eines Workshops. „Die Kinder sollen das Material an sich und seine Qualitäten entdecken“, erklärt Marc Dormal, der an diesem Morgen etwa zwei Stunden lang viel Geduld für die „Spillschouls“-Klasse aufbringen muss, die sich angemeldet hat. Das Besondere am „Centre Formida“: Bei allen hier gesammelten Materialien handelt es sich um Produktionsreste, Testmuster, Restbestände oder fehlerhafte Waren aus Industrie und Handel, die im „Formida“ kreativ und pädagogisch eingesetzt werden - und zu diesem Zweck auch von Lehrkräften oder Erziehern ausgeliehen werden können. Dormal sagt deshalb: „Meine Zielgruppe sind sowohl Kinder wie auch Erwachsene“.

Ende September wurde das Projekt des gemeinnützigen Vereins arcus, mit Unterstützung der „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ und des Bildungsministeriums, offiziell eingeweiht. Seit Sommer sind bislang zwölf Schulklassen passiert, um mit dem Thema Kreislaufwirtschaft in Berührung zu kommen. Was bei den Vorschulkindern noch stärker mit Sammel- und Spielaktivitäten verbunden ist, kann bei älteren Kindern eine Gelegenheit sein, Themen wie die Papierherstellung, Recycling oder Konsumgewohnheiten anzusprechen. Das „Centre Formida“, inspiriert am kreativen Recylingcenter Remida im italienischen Reggio Emilia, ist dabei gewissermaßen selbst ein Produkt der Kreislaufwirtschaft. Das „Centre Formida“ befindet sich nämlich im ersten Stockwerk eines ehemaligen Gebäudes der Stahlindustrie, in der „Hiehl“, südlich von Esch/Alzette in der Flanke des „Gaalgebierg“. Auf knapp 1.000m2 breiten sich Kiosk, eine Ludobibliothek, Ateliers, Werkstatt und weitere Räume aus.

Auch eine Tagesstruktur für junge Erwachsene

Auf der anderen Seite des Gebäudes ist das „Formida“ gleichzeitig eine Tagesstruktur. Fünf junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 26 Jahren waren Mitte Oktober auf Eigeninitiative hier. Die Atmosphäre ist entspannt, man unterhält sich, es wird gelacht. Vier Projektteilnehmer schleifen an diesem Donnerstag eifrig Holzklötze, auch die Erzieher packen mit an. An die 100 Stück sind für die Ludobibliothek nebenan geplant. Auf diese Weise greifen beide Säulen des Projekts ineinander: Die Älteren helfen dabei, den Kiosk, in dem die Jüngeren sich dem Thema Kreislaufwirtschaft annähern, aufzubauen und zu unterhalten.

Marco* ist einer der Jugendlichen im „Formida“. Der 17-Jährige ist zumindest halbwegs freiwillig hier. Da er in einem Foyer lebt, müsse er „in Bewegung“, also aktiv bleiben, sagt er. Allerdings habe er auch von sich aus, so lange, wie er Arbeit sucht, weiter dazu lernen wollen. Erfahrungen im Umgang mit Holz und Metall hat er schon früher gesammelt. Im „Formida“ könne er diese vertiefen. Wie das für ihn ist, jeden Morgen aufzustehen und etwa sechs Stunden zu arbeiten, ohne Bezahlung? „Es macht Spaß, jeden Tag hierhinzukommen“, meint Marco, der zum Zeitpunkt des Interviews seit drei Wochen dabei ist. Positiv hebt er etwa das Arbeitsklima im Team hervor oder die Abschlussgruppe am Ende eines jeden Tages, um eine Art Tagesfazit zu ziehen. Das sei auch eine Gelegenheit, um mögliche Probleme anzusprechen.

Im „Formida“ können die Projektteilnehmer auch eigene Projekte vorschlagen und verwirklichen, so wie etwa eine derzeit im Bau befindliche Chill-Ecke. Wie auch bei Auftragsarbeiten, beispielsweise ein Regal für Prospekte für eine Familienstruktur, erfordert das eine Projektplanung, Problemlösekompetenzen wie auch Know-How bei der Umsetzung. Marc, von Beruf Schlosser, erklärt, dass die Projektteilnehmer die Grundbegriffe der Metall- und Holzverarbeitung lernen oder auch den richtigen Umgang mit Bohrern und Fräsen.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im „Formida“ sind auch dafür zuständig, Restbestände und Materialien aus Firmen abzuholen, zu reinigen und aufzubereiten. Nebenbei gewöhnen sie sich durch die Arbeit an einen Tagesrhythmus, lernen hinzu und haben so bessere Chancen auf ihrem weiteren Weg. Natürlich spielt auch hier der Kreislaufgedanke eine zentrale Rolle. Auf den Einsatz von Klebern wird im „Formida“ zum allergrößten Teil verzichtet und stattdessen gesteckt und verschraubt, sodass die Projekte oder Auftragsarbeiten - wie auch die Bastelarbeiten der Kinder - später wieder mühelos auseinandergenommen werden können.

*Name geändert