MERSCH
NICO PLEIMLING

Régis Thill leitet seit über 27 Jahren das Kinderdorf in Mersch

Vorgestern hat er seinen 66. Geburtstag gefeiert. Ans Aufhören denkt Régis Thill, Direktor der „Fondation Lëtzebuerger Kannerduerf“ aber nicht und hat deswegen drei weitere Jahre als aktives Mitglied unserer Gesellschaft angefragt. Seine Arbeit im Sozialbereich macht ihm Spaß, er fühlt sich dort voll und ganz in seinem Element. Dabei wurde ihm erst mit rund 30 Jahren bewusst, dass dies seine wahre Berufung ist.

Jugend im Internat

Régis Thill hat das Licht der Welt am 19. Dezember 1946 in Petingen erblickt und blieb bis zum Abschluss der Primärschule in seinem Heimatdorf. Während seiner Schulzeit im Echternacher Lyzeum wohnte er in Internat. „Mein Großvater war aus der Gegend, ich bin wohl deshalb in Echternach gelandet. Um nicht jeden Tag mit dem Zug rauf und runter fahren zu müssen, kam ich in die ‚Boulette‘. Es gab dort eine spezielle Atmosphäre, die alten Gemäuer haben auf mich gewirkt. Dass wir praktisch keinen Ausgang hatten, war für mich nicht so tragisch.“

Den konnte Régis Thill während seiner Studienzeit nachholen, denn es verschlug ihn damals für einige Jahre nach Caen und auch nach Nancy. In der Hauptstadt der Basse-Normandie studierten insgesamt drei Luxemburger und somit war es möglich, andere Erfahrungen zu machen, wie die vielen Landsleute, die es für die Studienjahre praktisch in Rudelform nach Brüssel oder Straßburg zieht.

„Ich habe Neuphilologie studiert und danach das Examen gemacht, um hier im Land zu unterrichten. „Eine zusätzliche Weiterbildung habe ich an der Uni Tübingen gemacht und war neben meiner Arbeit als Lehrer im damals noch ganz jungen schulpsychologischen Dienst SPOS aktiv. Demnach war ich zu jener Zeit schon ganz nah an einer sozialen Aktivität dran.“

Der Wechsel

Weil er in seiner damaligen Aktivität zu viele „Bremsen“ sah, entschied Régis Thill 1985, sich nach einer anderen Beschäftigung umzusehen. Und er hatte Glück, denn zufällig suchte das Kinderdorf in Mersch einen neuen Verantwortlichen. „Das Kinderdorf existiert seit 1968 und basiert auf der Idee des Österreichers Hermann Gmeiner, der das erste SOS-Kinderdorf 1949 im Tirol gründete. Die ‚Fondation Lëtzebuerger Kannerduerf‘ entstand 1973 und war in den Anfangsjahren zu 100% von Spenden abhängig. Mitte der 70er Jahre kam es dann zu einer Konvention mit dem Staat, der ab 1985 60% übernahm und heute 80% unseres Haushalts trägt. Seit der Gründung des Kinderdorfs ist die Zahl der Mitarbeiter von 16 auf 100 gewachsen.“

Die neue Herausforderung war anfangs nicht ganz einfach für Régis Thill, weil sein Vorgänger sechs Monate vorher gekündigt hatte. „Es war nicht einfach, ohne richtige Anhaltspunkte zu arbeiten. Gleichzeitig war es aber eine Chance.“, unterstreicht der 66-Jährige, der im selben Atemzug klarmacht, dass die Grundidee der Familie im Kinderdorf sehr wichtig ist. „Man muss aber unterstreichen, dass die Definition von Familie heute anders und vielschichtiger ist, als noch vor 30 Jahren, und das Kinderdorf musste sich den Veränderungen innerhalb der Gesellschaft anpassen“.

Viele Kinder sind traumatisiert

In Mersch sind es heutzutage demnach auch kaum noch Waisenkinder, die ein neues Zuhause finden, da es in unseren Gefilden keine Kriege oder Epidemien gibt. Die Kinder, die dorthin kommen, sind häufig stark traumatisiert und daher ist die Arbeit mit ihnen anders. „Zeit ist ein wichtiger Faktor. Es ist immer schwierig, wenn die Kinder von ihren leiblichen Eltern fortmüssen. Das Leiden, das sie in sich tragen, behalten sie bis ans Ende ihres Lebens. Sie müssen lernen, damit umzugehen, und unser Team versucht ihnen dabei zu helfen.“

Weil die Fälle sich sehr voneinander unterscheiden, ist eine individuelle psychologische Betreuung unumgänglich. „Ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses der Kinder ist, dass sie merken, dass man sie liebt. Wir tun unser Bestes, damit sie sich bei uns wohlfühlen und ihre Traumata weitestgehend überwinden können. Ich habe persönlich in den letzten 27 Jahren ein paar schmerzhafte Erkenntnisse gemacht und lernen müssen, dass es Grenzen gibt, von dem, was möglich ist.“ In den meisten Fällen waren Régis Thill und seine Mitarbeiter aber erfolgreich und konnten vielen jungen Menschen eine positive Einstellung für ihr weiteres Leben vermitteln. Ende 2014 wird sein Abenteuer im Merscher Kinderdorf endgültig vorbei sein. Die anstehende Trennung wird bestimmt nicht einfach sein. „Ich bin hier mit vielen Leuten einen weiten Weg gegangen. Nach meiner Pensionierung werde ich mich dann wohl intensiver mit meinen Hobbies befassen und weiter für RTL über Handball-Spiele sowie vorrangig klassische Konzerte berichten.“