LUXEMBURG
DANIEL OLY

Eine Lanze für Tiere brechen ist ein hartes Stück Arbeit, sagt Tierschützer Stéphane Decker

Das neue Tierschutzgesetz hält erstmals die Würde des Tieres als schützenswert fest - das ist Neuland für Luxemburg und auch außerhalb der Landesgrenzen für die meisten Länder ein absolutes Novum. Doch was bedeutet dieser neue „Würde“-Aspekt konkret, auch im Blick auf die Tierhaltung bei der Landwirtschaft? Eine nachhaltige, würdevolle Tierhaltung muss im Vordergrund stehen, meinen dazu Tierrechtsorganisationen. Die setzen sich seit geraumer Zeit für einen besseren Umgang, auch mit Nutztieren, ein.

Stéphane Decker nahm am 28. Oktober auch an der Konferenz „Dignitéit am Déireschutzgesetz“ der grünen Stiftung teil, bei dem Tierschützer einer Arbeitgruppe der Grünen mit Bauernverbänden und den Regierungsvertretern in Dialog treten konnten.

Die Konferenz drehte sich um die „Dignitéit im Tierschutzgesetz“ - was war der Auslöser?

Zur Person

Ein tierisch guter Anwalt

Stéphane Decker ist Anwalt in der Kanzlei MOLITOR, Avocats à la Cour und befasst sich beruflich eigentlich mit Handels-, Zivil- und Strafprozessrecht. Seine Nebenbeschäftigung als aktiver Tierschützer begann er im Jahr 2015, als der amtierende Landwirtschaftsminister einen Vorentwurf des neuen Tierschutzgesetzes zur Kommentierung herausgab. Seither widmet Stéphane Decker seine Fachkenntnisse den Tieren und berät auch mehrere Tierschutzorganisationen wie GIVE US A VOICE Lëtzebuerg . Er ist Besitzer eines adoptierten Hundes und seiner Haltung gegenüber Tieren entsprechend ernährt er sich ausschließlich vegetarisch. Von der Gesellschaft wünscht er sich einen vernünftigeren und bewussteren Umgang mit Tieren und Mitmenschen.

Stéphane Decker Das neue Gesetz zur Würde des Tieres sieht vor, die Würde des Lebewesens „Tier“ neben der des Menschen mit anzuerkennen. Das ist ein großer Schritt, und daher auch mehr als begrüßenswert - diese Maßnahme ergriff nämlich bislang außer Luxemburg nur die Schweiz. Einen solchen sehr wichtigen Schritt vorwärts zu unternehmen, ist also, global gesehen, mehr als löblich. Die Konferenz spiegelte diesen wichtigen Schritt wider und zeigte, dass die Überlegungen bei allen Beteiligten - Regierung, Bauernverbände und so weiter - angekommen sind, und dass das Thema ernst genommen wird. Daher muss man allen Beteiligten Dank aussprechen, denn das ist schon ein guter Schritt vorwärts, auch wenn es verbesserungswürdig ist und auch seine Schattenseiten hat.

Es ist also nicht alles rosig?

Decker Nicht ganz. Trotz der guten Absichten sehe ich immer noch einige Problemzonen: Ein Tier ist unter dem neuen Gesetz als „être vivant non humain“, also als „nichtmenschliches Lebewesen“ definiert. Das allein ist eigentlich schon makaber, wenn man sich vor Augen führt dass das im Umkehrschluss bedeutet hat, dass ein Tier zuvor nur den Status eines beweglichen Objektes einnehmen durfte und nicht einmal als Lebewesen anerkannt war. Natürlich war und wird das in der realen Welt so nicht gelebt - im Gegenteil, die meisten Bauern respektieren ihr „Vieh“ und achten besonders gut auf ihr Wohlsein - aber vom Gesetzes-Standpunkt her war das sehr fragwürdig - wenn auch juristisch gesehen eine fachpraktische Notwendigkeit (Eigentümerschaft und Handel mit Tieren).

Sie sind demnach nicht direkt von konkreten Veränderungen überzeugt. Welche tatsächlichen Auswirkungen erwarten Sie sich von der neuen Regelung?

Decker Real scheint sich jetzt abzuzeichnen, dass das neue Gesetz für eine Art „Zweiklassengesellschaft“ in der Tierwelt sorgen wird: Haustiere, die ohnehin längst respektiert und geschützt werden, dürften viel eher mit Würde behandelt werden als Nutztiere, die letzten Endes nur zum Sterben geboren werden. Haben Hündchen und Kätzchen denn wirklich mehr Würde als Kuh und Sau?

Bei Haustieren fällt es uns leicht, Schritte zur Wahrung und dem Schutz der Würde zu unternehmen. Trotzdem ist es gut, dass auch in dem Bereich endlich für mehr Klarheit gesorgt wird. Ein gutes Beispiel: Das „Beschneiden“ von Hunden ist in Luxemburg strafbar und gilt jetzt auch für Hunde, die aus dem Ausland nach Luxemburg kommen sollen. Das stopft eine Lücke, die es Hundebesitzern bisher ermöglichte die unerlaubte Praktik einfach zu „importieren“.

Letztlich erkennt das Gesetz die Würde von Nutztieren zwar auch an, verramscht sie aber zu viel zu tiefen Bedingungen. Wenn das Endresultat der Anerkennung sein sollte, dass bei der Fleischverpackung nachher „viande digne“ draufsteht, ist zwar schon eine Maßnahme zur Sensibilisierung genommen - aber zynisch wäre es als einziges Resultat dennoch. Letztlich entstünde dann nur eine weitere Art „Qualitätslabel“, um dessen Vorgaben sich auch irgendwie hrrumgedrückt werden kann. Das kann nicht Sinne des Tieres sein und schon gar nicht der Zweck der Anerkennung ihrer Würde.

Das klingt stark danach, dass noch einiger Nachholbedarf besteht

Decker Es besteht Nachholbedarf, aber nicht ausschließlich auf der Gesetzesebene. Vorab will ich außerdem eine Lanze für die Landwirte brechen: Es muss ausdrücklich gesagt sein, dass der Landwirt nicht alleine verantwortlich ist und sich in die Ecke gedrängt fühlen sollte, denn letzten Endes erfüllt er nur eine Nachfrage einer konsumgierigen und gleichzeitig geizigen Gesellschaft. Es gibt keine klar zu verortende Schuld bei einem einzelnen Beteiligten der Entwürdigung der Nutztiere - vielmehr trägt jedes Glied in der Konsumkette einen Teil der Verantwortung. Denn: Wir haben bislang kaum Respekt vor den Tieren - vor allem als Konsument. Wir sind mit dem tierischem Endprodukt so weit von dessen Lebensursprung entfernt, dass manche die Verbindung gar nicht mehr sehen (wollen) - diese Verbindung zwischen Produkt und lebender Herkunft muss wieder hergestellt werden, das Verständnis, dass dieses Produkt aus einem fühlenden Lebewesen hergestellt wird. Wenn dieses Bewusstsein unsere blinde Konsumgier überwiegt und wir uns wieder erinnern, dass lokale Produktion und reduzierter Fleischkonsum besser, gesünder und dem Planeten zuträglicher sind, wäre bereits ein bedeutender Schritt zur Vernunft getan.

Vor uns als Gesellschaft liegt somit noch ein weiter Weg: Wir leben in einer totalen Konsumhölle, in der übermäßiger Fleischkonsum zum günstigsten Geld (aber höchsten Preis, für den Planeten und seine Bewohner) wichtiger ist, als sich zu informieren und bewusster zu ernähren. Das Essen ist zur Nebensache geworden, Hauptsache etwas zwischen die Kiemen - und möglichst billig, damit man in den Genuss der angeblich erstrangigen Konsumgüter wie Elektronikgeräte kommen kann. Hat man früher noch die Hälfte des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, sind es heute weniger als zehn Prozent, Tendenz sinkend. Kann also wirklich von Fortschritt die Rede sein, wenn wir fundamentale Tatsachen anerkennen wie „Tiere sind keine Dinge“? Letztlich: Ja, denn selbst der kleinste Schritt in die richtige Richtung ist mehr als begrüßenswert. Denn wer weiß - wenn wir das Gesetz nicht wertschätzen, wird es vielleicht sogar als wertlos abgetan und nicht in Kraft treten, weil es den ganzen Ärger nicht wert sei. Die Anerkennung der Würde der Tiere scheint keinesfalls ein Allheilmittel, um unter anderem eine Vernunftgesellschaft ohne Nutztiere zu erzwingen - es ist jedoch ein Mittel, um die Menschen für die Umstände und Folgen der immer weiter verbreiteten Massenproduktion zu sensibilisieren. Somit würde ein neuer Ausgangspunkt geschaffen für weitere Verbesserungen des Tierschutzes, denn es kann nur dann klappen, wenn auch ein Umdenken im Konsumverhalten stattfindet.