WIEN PATRICK VERSALL

Der Architekt und Buchautor Martin Hablesreiter im Gespräch

Wir fragen uns, wieso ein Sportflitzer nur zwei Türen hat und ein T-Shirt keinen Reißverschluss. Warum Fischstäbchen rechteckig sind, eine Pizza allerdings rund ist, darüber machen sich die wenigsten Konsumenten Gedanken.

Der österreichische Architekt, Buchautor und Filmemacher Martin Hablesreiter hat vor einigen Jahren gemeinsam mit seiner Frau Sonja Stummerer ein sehr erfolgreiches Buch publiziert, in dem auch diese Fragen behandelt werden. Morgen Abend referieren die beiden auf Einladung der Design Friends Luxembourg ab 18.30 über „Food Design“ im Mudam. Martin Hablesreiter stand uns im Vorfeld seines Luxemburg-Trips Rede und Antwort.

Wie würden Sie einem Laien den Begriff „Food Design“ erklären?

Martin Hablesreiter So einfach ist das nicht. Das wichtigste ist, dass wir wahrscheinlich seit Beginn der Menschheit Nahrungsmittel gestalten: Der Mensch gestaltet, was er isst. Vor ungefähr 6.000 Jahren hat er einmal damit begonnen, Brot zu backen; wir verändern, was wir finden aus verschiedenen Gründen, d.h. wir designen unser Essen - und das jeden Tag. Wir tun dies, um das Essen zu konservieren, es schmackhafter zu machen, es transportieren zu können, oder um es einfacher herstellen zu können. Es gibt hunderte Gründe, um Essen zu verändern.

Wenn es dazu kommt, dass ein Produkt immer in einer sehr ähnlichen Form wieder und wieder hergestellt wird, dann betrachten wir das als Design. Ob das jetzt industrialisiert ist wie es bei Cornflakes oder Schokoriegel der Fall ist oder ob einfach unzählige Bäcker einer kulturellen Gruppe immer wieder dasselbe verkaufen - ein Baguette oder einen Gugelhupf bzw. ein Croissant - ist im Prinzip dann gleichgültig. Es ist ein designtes Produkt, das als solches wiedererkannt wird.

Seit wann ist der Terminus „Food Design“ in der Kunst präsent?

Hablesreiter Das ist irrsinnig schwer zu sagen. Vor 20 Jahren gab es einen ersten Katalog „Food Design and Culture“, dann tauchten Leute wie z.B. Maria Vogelsang aus Amsterdam auf, die zeitgleich mit uns begonnen haben, das Design von Essen zu analysieren und darauf auch Projekte zu gestalten. Es ist faszinierend, wenn man bedenkt, dass das Design, das eigentlich wichtigste Produkt, was wir haben - das Essen - bisher ausgespart hat.

Wir haben vor 15 Jahren das erste Buch dazu geschrieben und wurden beide am Anfang auch verlacht, mittlerweile glaube ich, dass sich eine kleine Szene entwickelt hat. Es ist an und für sich total schockierend, dass eine große künstlerische Szene dieses Thema bislang vollständig ignoriert hat.

Es gibt auf der Welt 7 Milliarden Menschen, die jeden Tag essen. Selbst die Ärmsten versuchen, ihr Essen irgendwie in ein Ritual zu bringen, ihr Essen zu gestalten.

Interessanterweise ist es aber so, dass eine recht
große Designszene die Gestaltung von Nahrung den verschlossenen „Research and Development Departments“ von ein paar Industriebetrieben überlässt.

Es ist vollkommen unverständlich, dass wir diesen Gestaltungsprozess nicht in einen „Open Design“- Prozess verwandeln können und sagen ‚Wir wollen da mitreden als Konsumenten und kritische Gestalter‘. Ich hoffe sehr, dass sich da etwas entwickelt, aber die Szene ist nach wie vor sehr klein.

Wie wurde ihr Interesse für das Food-Design geweckt?

Hablesreiter (lacht) Zufällig. Wir sind keine Gourmets oder passionierten Hobbyköche und sind nicht übers Essen dahin gekommen. Es gibt in Österreich ein Brötchen, das nennt sich Kaiser-Semmel, ein 50-Gramm-Weizenbrötchen, das einen eingepressten Stern hat. Wir haben uns vor 20 Jahren die Frage gestellt, wieso eine Semmel fünf Teile hat und wieso es ein Brötchen gibt, das man nicht in zwei Hälften teilen kann.

Wir versuchten dann, Literatur zu finden und fanden heraus, dass es weltweit keine einzige ernsthafte Publikation zu diesem Thema gab, sodass wir dann entschieden haben, selber ein Buch zu schreiben.

War das Buch ein Erfolg, weil es das erste seiner Art war oder weil sich der Konsument heute vermutlich intensiver mit dem auseinander setzt, was er auf dem Teller hat?

Hablesreiter Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich keine Ahnung habe. Es ist schon eine Zeitgeistfrage, dass Essen mehr eine Rolle spielt. Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir sozusagen die Ordnungsprinzipien des Essens durcheinander gewirbelt haben, es war jedoch keine bewusste Provokation, es ist so passiert.

Hat der Fernsehsender Arte Sie kontaktiert, um den gleichnamigen Film zu drehen?

Hablesreiter Auch das war ein Zufall. Mein Bruder hat zur damaligen Zeit in Wien Filmproduktion studiert und war dieser Idee verfallen, dass wir „Food Design“ verfilmen sollten. Durch einen sehr klugen Schachzug hat er die Firma Geyrhalter Film und das ORF dazu gebracht, diesen Film zu produzieren. Ich gab ihnen die Rechte an dem Buch unter der Bedingung, dass ich selbst Regie führen dürfte, weil ich das einfach wollte. Arte sagte dann schnell, dass sie den Film haben wollten.


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