LUXEMBURG
MONIQUE MATHIEU

„Cercle Artistique“, Politik, Wirtschaft und mehr: Marc Hostert im Interview

Auf seinen Namen stößt man in verschiedenen Bereichen: Stand er in diesen Tagen vor allem als Präsident des „Cercle artistique de Luxembourg“ (CAL) in der Öffentlichkeit, so ist Marc Hostert ebenfalls durch Sendungen beim luxemburgischen RTL-Fernseh- und Radiosender bekannt. Als Wirtschaftswissenschaftler konzentriert er sich dabei vor allem auf die Entwicklung unseres Landes in diesem Bereich. Wir sprachen mit Marc Hostert über sein Engagement sowohl beim CAL, für die Kunst und die Künstler allgemein, als auch über die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung und seine Projekte in diesem Bereich.

Der „Cercle artistique de Luxembourg“ begeht in diesem Herbst sein 125. Jubiläum. Vereinigungen, die auf eine solch lange Vergangenheit zurückblicken können, sind relativ rar in unserem Land. Was, glauben Sie, hat dazu geführt, dass der CAL, trotz mancher kleiner und größerer Sturmtiefen, sein Fortbestehen bis heute sichern konnte?

Marc HOSTERT Der CAL hat den Auftrag, die Kunst zu fördern und die Kunstschaffenden zu repräsentieren. Es gab tatsächlich manchmal schwierige Zeiten, so nach dem 1. Weltkrieg, als der CAL sich teilte, oder in rezenterer Vergangenheit, als es zur Abspaltung einiger Künstler kam, die den LAC gründeten. Der CAL hat einen starken Bezug zur Aktualität, er spiegelt über die Kunst unsere Gesellschaft wider. Deshalb ist nur normal, dass es manchmal kriselt. Aber das macht den CAL auch stark. Und immerhin: Rund 1.400 Künstler stellten in den 125 Jahren beim Salon des CAL aus.

Mir ist ebenfalls wichtig, die große Nähe und Bindung an den Luxemburger Hof hervorzuheben. Großherzogin Adelaïde-Marie war selber Künstlerin und rief den „Prix Grand-Duc Adolphe“ ins Leben, den der CAL heute noch vergibt. Es ist denn auch immer die amtierende Großherzogin, die die Schirmherrschaft über die Vereinigung ausübt.

Sie selber sind kein Künstler. Ist es da nicht manchmal schwierig sich unter all den Kreativen Gehör zu verschaffen?

HOSTERT Der Präsident des CAL darf, gemäß den Statuten und aus verständlichen Gründen, nicht selber Künstler sein. Mein Vorgänger Jean Petit hat mir seine Nachfolge angetragen. Vier Monate habe ich es mir durch den Kopf gehen lassen, ob ich der Richtige für dieses Ehrenamt wäre, bis ich mich dazu bereit erklärt habe und von der Mitgliederversammlung gewählt wurde. Aber es stimmt schon: Im CAL wird gerne viel diskutiert. Doch sind wir uns einig, in welche Richtung unserer Engagement gehen soll.

Was steht in naher Zukunft beim CAL im Rahmen des Geburtstages – außer der akademischen Sitzung, die vor kurzem stattfand, und der Veröffentlichung des Buches „125“ - noch an?

HOSTERT Die akademische Sitzung war dahingehend wenig „akademisch“, als dass sie im Großen und Ganzen nicht aus Reden, sondern aus Beiträgen der Künstler bestand, ging es doch darum, diese in den Mittelpunkt zu stellen. Ich habe anlässlich des Empfangs jedoch die drei Forderungen unserer Vereinigung genannt: die Schaffung eines Künstlerlexikons oder -repertoires, in dem die Kunstschaffenden hierzulande, ob sie nun Luxemburger sind oder hierlebende Künstler mit ausländischem Pass, aufgelistet werden; einen permanenten Ausstellungsraum für hiesige Schaffende, der den Austausch und künstlerischen Dialog erlaubt, sowie eine Strukturierung der Künstlernachlässe.

Überschneiden sich diese Forderungen nicht zum Teil mit dem Vorschlag von Premier Bettel, ein nationales Kunstmuseum in den jetzigen Räumlichkeiten der Nationalbibliothek zu schaffen, also direkt im Herzen der Stadt?

HOSTERT Was den Vorschlag von Xavier Bettel angeht, so ist zurzeit nicht bekannt, nach welchem Konzept die zu schaffende Institution funktionieren soll. Den Bedürfnissen der Kunstschaffenden muss Rechnung getragen werden, vor allem ist es wichtig, eine „Mémoire collective“ zu schaffen. Was passiert heute, wenn ein Künstler stirbt? Er wird vergessen, vor allem aber sein Werk findet kaum noch Beachtung.

Der vorgeschlagene Standort eignet sich indes ideal für ein offenes Museum mit einem Skulpturenpark, der unter Einbindung des Denkmals zur Erinnerung an die Holocaustopfer und der „Gëlle Fra“ bis ins Petrusstal reichen könnte…

Und wie sieht die etwas fernere Zukunft der Vereinigung aus – welchen Herausforderungen werden Sie sich stellen müssen?

HOSTERT Kurzfristig wird das CAL am 9. November seinen traditionellen „Salon“ eröffnen, dieses Jahr wiederum im „Tramsschapp“ auf Limpertsberg. Hier können wir auf das hohe Niveau von 125 Jahren zurückblicken. Mittelfristig, also für 2020, streben wir an,im Rahmen des Salons jungen Künstlern eine Teil-Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen. Überhaupt wollen wir uns der Jugend öffnen, und haben uns dieses Jahr darum bemüht, dass Lyzeumsklassen, oder zumindest Klassen der Kunstsektionen, den Salon besuchen dürfen. Ich hoffe sehr, dass dies klappt, denn hier bietet sich einfach die beste Gelegenheit, Kunst und Kreation in Luxemburg zu erleben.

Allgemein lautet die Herausforderung, dass wir die in Luxemburg geschaffene Kunst zeigen müssen, damit sie gemocht und geschätzt, und schließlich gesammelt wird. Nicht zeigen bedeutet, ihr keinen Wert beimessen. Dies sollten wir nicht länger zulassen.

Sie waren – in Ihrer Funktion als CAL-Präsident – auch an den „Assises culturelles“ und demnach indirekt an dem von Jo Kox ausgearbeiteten „KEP“ (Kulturentwicklungsplan) beteiligt. Was haben Sie vor allem aus diesen Diskussionen zurückbehalten, was hat Sie markiert und wo würden Sie im kulturellen Bereich in Luxemburg zuallererst ansetzen, wenn es etwas zu ändern gibt?

HOSTERT Dank dieser „Assises“ konnten sich die Kunstschaffenden der verschiedenen Sparten gegenseitig „befruchten“, es kam zu einem regen Austausch, der anders nicht möglich gewesen wäre. Jo Kox hat hier eine Superarbeit geleistet. Das Dokument an sich, das hieraus entstand, ist für einen Beamten (wie mich) leicht lesbar, Künstler wird es kaum begeistern. Es ist ein Instrument, eine Wegbeschreibung… Mir fehlt die Präambel, in der man zum Beispiel Sätze lesen könnte, wie „die Kunst ist frei“, die jedoch ergänzt würden mit „und der Staat unterstützt das Kunstschaffen, ohne eine Staatskunst begünstigen zu wollen“. Auch sollte aufgezeigt werden, in welche Richtung es im Kulturbereich in Luxemburg gehen soll.

In punkto Kultur wäre wichtig, eine Institution ähnlich der wie „Luxembourg for Finance“ zu bilden, und unser Kulturschaffen auf ausländischen Märkten und Messen zu zeigen, um ein „Marché de l’art“ mit Kunst aus Luxemburg wach zu rufen. Malerei, genau wie Musik und Gesang, sind nicht sprachgebunden, es kann überall mit ihnen geworben werden. Natürlich muss der Staat sich dies etwas kosten lassen. Andererseits muss sich die Kunstszene in Luxemburg emanzipieren, und ihre Forderungen klar und strukturiert formulieren.

Sie haben bereits die eine oder andere Fernsehserie für RTL konzipiert oder waren freier Mitarbeiter, das Erstere bei – „Success Story“ und und das Zweite bei „Kapital“ zum Beispiel – in denen Sie als Jurymitglied beziehungsweise Interviewer aufgetreten sind. Wie kommen solche Sendungen beim Publikum an? Hatten Sie viel Feedback?

HOSTERT Insbesondere „Success Story“ war ganz klar für ein Luxemburger Publikum konzipiert. Die Sendung sollte Lust aufs „Unternehmertum“ machen, den Unternehmergeist wecken,– ich habe für dieses Konzept u.a. mit Wirtschaftsstudenten zusammengearbeitet. Sie sollte auch einen Mentalitätswandel ankurbeln – aber der lag wohl in der Luft. Denn immerhin streben, einer rezenten Umfrage nach – die jungen Menschen nicht mehr einen Job im Büro an, sondern wollen mehrheitlich ihre eigene Startup gründen.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass unsere Gesellschaft teilweise falsche Lohnsignale setzt. Wenn ein Bäcker seinen Beruf aufgibt, um beim Staat oder einer Bank im Büro zu arbeiten, weil er dort das Doppelte verdient, dann ist dies legitim, aber gesellschaftlich nicht stimmig.

Steht eine neue Staffel von „Success Story“ an, und wenn ja, wann geht’s los? Oder ist ein neues Format in Planung?

HOSTERT Die Frage kann ich leider nicht beantworten, da ich die diesbezüglichen Pläne von RTL nicht kenne. Für mich war „Success Story“ jedenfalls eine interessante Erfahrung.

Sie sind Mitglied des wissenschaftlichen Rates der „Idea-Stiftung“. Können Sie kurz umreißen, welchen Auftrag sich diese Vereinigung gegeben hat?

HOSTERT Die Vereinigung agiert im Rahmen der Handelskammer, ist aber in ihrer Arbeit komplett frei. Idea ist ein sogenannter „Think Tank“ – wobei wir in Luxemburg diese Tradition noch nicht haben – und entwickelt Lösungskonzepte zu aktuellen gesellschaftlichen Problematiken. Der wissenschaftliche Rat, unter Leitung von Rolf Tarrach, überprüft, ob die Ansätze und die Methodik tragbar sind. Jedenfalls hat idea eine große Dynamik entwickelt, und dies kann nur gut sein.

Haben die Stellungnahmen von „Idea“ in irgendeiner Weise einen Niederschlag in den Wahlprogrammen der Parteien gefunden?

HOSTERT „Idea“ hat seine „Ideen“ bei den Parteien vorgestellt. Ich habe jetzt keine großen Textvergleiche angestellt, dies ist nicht meine Aufgabe. Ich gehe aber davon aus, dass die eine oder andere Idee aufgegriffen wurde.

Eines der Hauptthemen im Wahlkampf war der – angebliche – Wohnungsnotstand in unserem Land. Nun habe ich – anders als in deutschen Großstädten zum Beispiel – bei uns noch keine langen Menschenschlangen vor Haustüren gesehen, die hofften, endlich eine Wohnung zu ergattern. Auch gibt es, meines Wissens nach, keine Erhebung darüber, wie lange man in Luxemburg auf Wohnungssuche ist, bevor man das erwünschte beziehungsweise ein erschwingliches Objekt findet. Wie sehen Sie, als intensiver Beobachter der Luxemburger Gesellschaft, die Problematik?

HOSTERT Die Wohnungsnot gibt es schon. Es zieht die Menschen in die Ballungszentren, und Luxemburg ist attraktiv, es hat ein gewisses Großstadtfeeling. Wenn es nun keine langen Schlangen gibt, dann, weil die Agenturen die Nachfrage kanalisieren. Was mich allerdings ärgert ist, wenn es heißt, „die Luxemburger müssen im Ausland – also im nahen Grenzgebiet – wohnen“. Tatsache ist doch, dass wir schon lange zwei Nationalitäten haben, die luxemburgische und die europäische. Rein faktisch gesehen sind unsere Landesgrenzen nicht weit vom Zentrum entfernt, da ist man schnell „im Ausland“.

Trotzdem denke ich, dass wir unser Produktionspotenzial im Bereich Wohnungsbau steigern müssen, uns aber sehr gut überlegen müssen, wie wir vorgehen, um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen. Andererseits müsste es ein staatliches Lokativsystem geben, das den Mietern die Möglichkeit gibt, die Wohnung in der sie leben auch erwerben zu können. Jedenfalls müssten die Klauseln, die den Erwerb von sozialem Mietwohnraum regeln, genau so klar sein wie jene, die verlangen, dass man diesen Wohnraum aufgibt.

Die Parteien positionierten sich auch mehr oder weniger klar in der Frage nach der Notwendigkeit eines permanenten und hohen Wirtschaftswachstums. Kaschiert diese Frage nicht eigentlich die, auf welche Gesellschaft wir hinarbeiten wollen - eine sozial gerechtere, oder eine, bei der die einen in Kauf nehmen, dass andere an der Armutsgrenze leben?

HOSTERT Wenn wir von Wirtschaftswachstum sprechen, sehen wir zurzeit eher die negativen Konsequenzen, wie Stau und Wohnungsmangel, selten denken wir daran, dass wir so unseren Sozialstaat, unsere Renten finanzieren. Unser Land braucht zurzeit ein 4prozentiges Wirtschaftswachstum, und aus diesem „Hamsterrad“ müssten wir hinausfinden. Es sollte keine legalen Verpflichtungen mehr geben, die nach einem solch hohen Wirtschaftswachstum verlangen, es müsste zu einer Entkoppelung kommen. Dies würde dann auch Gestaltungsräume schaffen.

Besonders in Boom-Zeiten wie diesen sollte bei der Auswahl größerer Industrien und Betriebe, die sich im Land niederlassen, selektiver gehandelt werden, und das Augenmerk auf jene gerichtet werden, die den größten Mehrwert bringen, und die mit den Menschen, die hier leben und den hiesigen Unternehmen zusammenarbeiten. Wachstum muss zur sozialen Kohäsion beitragen, doch wenn zurzeit der Kuchen insgesamt größer wird, so wird längst nicht mehr eines Jeden Stück größer. Vielleicht müsste man auch die Art und Weise überprüfen, wie unser Wirtschaftswachstum gemessen wird.

Was nicht sein darf, ist, dass die Staatsschuld steigt. Luxemburg kann sich, anders als größere Länder, keine hohen Staatsschulden leisten. Seine Schulden, finde ich, sollte man nicht weitervererben. Es stellt sich auch die Frage: Wenn es uns nicht gelingt, die Staatsschulden bei unserem heutigen hohen Wachstum und den niedrigen Zinsen überproportional abzutragen, wann dann?

Sie sind eifriger „Carte-blanche“-Verfasser bei RTL. Welche Themen werden Sie in Ihren nächsten Beiträgen anschneiden?

HOSTERT Oh, das weiß ich noch nicht. Die Themen entstehen im Bauch, werden im Kopf verarbeitet und im Herzen getragen. Wenn sie spruchreif sind, gehe ich zur Aufnahme. Ich finde es gut, dass RTL Menschen aus den verschiedensten Interessengebieten ein Forum bietet, und somit die öffentliche Debatte unterstützt, bzw. ankurbelt. Ich konzentriere mich in diesem Rahmen eher auf Wirtschaftsthemen.

Angesichts Ihrer vielen Interessen- und Einsatzbereiche könnte man Sie als „Tausendsassa“ bezeichnen. Oder sind Sie vielleicht der Prototyp des Menschen des 21. Jahrhunderts, der dank Vernetzung in vielen Domänen zu Hause ist?

HOSTERT Ich bin eher der Auffassung, dass der Spezialist zurzeit bessere Karten hat, und mehr dem Typus des 21. Jahrhunderts entspricht. Die Frage ist, ob er überlebensfähig ist… Allgemein denke ich, dass das dritte Jahrtausend eher den Frauen gehören wird.

Nun, was Ihre Bemerkung vom Tausendsassa anbelangt, so bin da wohl familiär vorbelastet, meine Eltern waren vielseitig engagierte Menschen. Ich gehe davon aus, dass man der Gesellschaft etwas zurückgeben sollte, wenn es einem gutgeht. Deshalb setze ich mich auch im Rahmen von FUSE, der „Fondation des universitaires en sciences économiques“, für die Vergabe von Mikrokrediten ein. Dieses Engagement bei „FUSE-Esprit d’entreprise“ liegt mir sehr am Herzen. Die Mikrokredite bis zu 5.000 Euro gehen an Kleinunternehmen hierzulande, die keine Unterstützung bei den Banken finden. Solche Mikrokredite erlauben es aber dem Friseur einen Salon zu eröffnen, oder dem Gastronom einen Betrieb. Neben der finanziellen Zuwendung erhalten die Kreditnehmer Beratung, unter anderem bei der Aufstellung eines Businessplans. Zurzeit laufen ca. 30 solcher Mikrokredite.

Bleibt Zeit für die Familie?

HOSTERT Mein kulturelles Engagement teilt meine Familie mit mir. Ausstellungen sehen wir uns zum Beispiel gemeinsam an. Meine Frau leitet ihrerseits ein Unternehmen – eine Apotheke mit 15 Mitarbeitern. Wir haben zwei Kinder – 18 und 15 – und nehmen uns die Zeit, die ein gutes Familienleben einfordert.

Ihr Tipp was den Wahlausgang – und die anschließende Koalitionsbildung – angeht?

HOSTERT Ich wünsche mir eine Regierung, die in der jetzigen Boom-Zeit die fundamentalen Probleme des Landes in Angriff nimmt, beziehungsweise löst, als da wären soziale Kohäsion inklusive der Wohnungsfrage, Ausstieg aus den Wachstumsverpflichtungen, Integration und das Bildungssystem.

Einen Tipp wollen Sie nicht abgeben?

HOSTERT Nein – dazu können Sie mich jetzt nicht verleiten.