LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Ist der Mensch noch Natur?

Biologen werden der These zustimmen, dass der Mensch ein natürlicher Organismus ist, der wie alle Lebewesen geboren wird, sich entwickelt und irgendwann stirbt. Daher war die Natur schon immer unser selbstverständlicher Lebensraum, doch heute scheinen wir uns mehr und mehr von ihr zu entfernen. Ob das für uns gut gehen kann, steht in den Sternen. Verfechter der technologischen Avantgarde freuen sich auf eine Zukunft, wie sie in den schönsten Science Fiction Szenarien beschrieben wird: Roboter, Eroberung des Alls, und so weiter. Ein Aufschrei ertönt - der Mensch ist Teil der Natur, kein Glied der Technokratie - heißt es aus der anderen Ecke. Die Frage um das Verhältnis von Natur und Mensch ist der Geschichte inhärent, und scheint bezüglich des immer akuter werdenden Klimawandelphänomens mittlerweile häufiger gestellt werden.

Der als philosophisches Wunderkind bezeichnete deutsche Philosoph und Vertreter des Deutschen Idealismus Friedrich Schelling (1775-1854) veröffentlichte 1797 seine „Ideen zu einer Philosophie der Natur“. In besagtem Werk fragt er nach dem Werden und Wirken der Natur und auch danach, wie der Mensch mitsamt seiner geistigen Begabung in ihr zu verorten ist. Erst wenn wir die Natur begreifen können, können wir auch uns selbst begreifen, lautet in etwa die Leitidee seiner Naturphilosophie. Vor der Frage, wie eine Welt außer uns möglich sei, „hatten die Menschen im philosophischen Naturzustand gelebt. Damals war der Mensch noch einig mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt“, erklärt Schelling. Er sieht die Natur als lebendige, produktive Wirklichkeit an, die aus sich selbst heraus wirkend wird. So ist die Natur selbst in ihren Produkten enthalten, als ihr eigenes Objekt, wird aber auch als Produktivität verstanden, nach der diese Produkte erst entstehen können. In letzterem Fall ist sie also aktiv und Subjekt. Alles in der Natur drückt sich durch diesen dialektischen Prozess der Entwicklung aus, indem alles wird und sich steigert. Doch auch das Prinzip der Polarität gehört zur Grundstruktur der Natur, erläutert Schelling. Das Gegensatzpaar ist demnach auch immer aufzufinden: hell - dunkel, warm - kalt, Mann - Frau, Natur - und Technik?

Letzteres hat Schelling noch nicht diskutiert, ihn beschäftigte eher das Gegensatzpaar Natur und Geist und somit auch die Frage nach dem Beginn dieses Gegenpols: dem Geist, als Beginn der Geschichte des Menschen. Wie voriges Zitat belegte, lebte der Mensch, bevor er anfing zu reflektieren, in harmonischer Einheit mit der Natur. Auch heute noch empfinden wir dies manchmal, meint Schelling, nämlich dann, wenn wir dieses Gefühl des Einklangs mit der Welt und Natur verspüren. Dieser Zustand wird jedoch durch ein „in Widerspruch Setzen“ aufgehoben. Es kommt zu einer Entzweiung mit der Natur, deren Folge die verlorene Identität mit der Natur ist. Aus diesem Akt entsteht die Philosophie, als Reflexion des Bewusstseins und „Geisteskrankheit des Menschen“. Dadurch, dass wir über die Natur nachdenken und uns als Denkende ihr gegenüber stellen, führen wir eine Trennung aus. Die Rolle der Philosophie ist es nun, durch Erkennen und Begreifen zum Urzustand zurückzuführen - und sich damit selbst überflüssig zu machen. Schelling meint also, wenn wir die Natur verstehen können, werden wir uns wieder bewusst, dass wir eigentlich aus ihr hervorgehen und Teil von ihr sind. So zum Beispiel wenn wir begreifen, dass unser Organismus, noch lange bevor wir das Denken anwenden konnten, eine natürliche und unbewusste Vorform unser vernünftigen Subjektivität ist. Unser anfängliches Stadium ist nicht die Person oder das Individuum, sondern ein entstehender und sich entwickelnder Organismus. Die Entwicklung bis hin zum aufkeimenden Selbstbewusstsein kann jedoch im Nachhinein von der Wissenschaft nachvollzogen werden, so wie die meisten dynamischen Vorgänge unserer Welt. Wir können die Welt mit all ihren Entwicklungsprozessen als Naturgeschichte verstehen, und mit ihr auch die Geschichte unseres Geistes: von der organischen Vorform zum reflektierenden Selbst.

Die Philosophie bedingt somit eine Erweiterung des subjektiven Bewusstseins und bringt durch Reflexion das Bewusstsein des Urzustandes wieder zurück. Die Naturphilosophie Schellings gilt demnach auch als Identitätsphilosophie oder Realidealismus: Die Natur erkennt sich im Geist selbst.

Und wo stehen wir heute? Wir aufgeklärte, hyperszientifische Wesen? Laut Schelling sollte unsere Fähigkeit zur Reflexion uns unsere Einheit mit der Natur offenbaren. Dass wir als Lebewesen der Natur entstammen, wird wohl tatsächlich von den meisten nicht geleugnet werden. Wie es aber zu rechtfertigen ist, dass wir uns stetig weiter von ihr verfremden, uns künstliche Lebensräume schaffen und uns der Technokratie beugen, wodurch wir uns meilenweit von dem, was uns eigentlich inne ist, entfernen, erschließt sich nur schwer. Das angeborene Gefühl des Einklangs mit der Natur wird heute von dem des Widerspruchs mit ihr abgelöst. Anstelle, dass wir zum Bewusstsein der Einheit zurückkommen, entfernen wir uns davon meilenweit, ja, schaffen die Natur sogar ab - und mit ihr uns selbst.