LUXEMBURG
JAN SÖFJER

In Redingen soll ein autarkes und nachhaltiges „Earthship“-Haus entstehen

Einen fünfwöchigen Amerikaurlaub würden sich die meisten vermutlich anders vorstellen. Spätestens wenn sie stundenlang mit einem großen Hammer in alte Reifen gefüllte Erde festschlagen müssten - unter der Wüstensonne New Mexikos. Als wäre es nicht schon mühsam genug, mit bloßen Händen ein Haus zu bauen. Aber genau deshalb waren Katy Fox (36) und Rodrigo Vergara (39) im vergangenen September in die USA gereist. Zuerst nach Albuquerque, von dort aus mit dem Mietwagen ins Wüstenkaff Taos und dann noch mal eine halbe Stunde ins Hochland zu einer Aussteiger-Siedlung auf einem Plateau. Viele der Häuser dort sind sogenannte „Erdschiffe“, weitgehend oder komplett autarke Häuser. Ihren Strom gewinnen sie durch Solarzellen auf dem Dach oder Windturbinen. Das Regenwasser wird auf dem Dach gesammelt und umfassend genutzt. Zuerst als Trinkwasser oder zum Duschen, danach um Nutzpflanzen zu bewässern und zum Schluss für die Toilettenspülung. Geheizt wird mit der Sonnenenergie.

Die Südfassade der Häuser ist komplett verglast, um die Wärme aufzufangen. Vor allem im Winter, wenn die Sonne tief steht. Die Rückseite und die Seiten der Häuser bestehen zumeist aus alten Autoreifen, die mit komprimierter Erde gefüllt und wie Ziegel zu Wänden gestapelt sind. Die Innenwände bestehen aus Lehm oder Holzvertäfelungen. In den 70er Jahren hat der US-Architekt Michael Reynolds diesen Öko-Haustyp entworfen. Mittlerweile gibt es überall auf der Welt solche Häuser, tausende sollen es sein, und eines bald auch in Luxemburg.

Typisch sind die Deckenholzbalken. Foto: earthship.org - Lëtzebuerger Journal
Typisch sind die Deckenholzbalken. Foto: earthship.org

Vor zwei Jahren begann alles mit einer Bewerbung beim „Leader“-Projekt der Europäischen Union, um solch ein Haus in Luxemburg zu bauen. „Leader“ steht für „Liaison entre actions de développement de l’économie rurale“. Unterdessen haben Fox und Vergara weitere Fördergelder gesammelt - darunter vom Ministerium für nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur. Die Nachwuchsarchitektin Johanna Jacob hat die Baupläne angefertigt und ein Grundstück gibt es ebenfalls. Hinter dem „Atert-Lycée“ Redingen soll das „Erdschiff“ entstehen. Die Schule beziehungsweise der Staat hat das Land zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug soll dann die Schule das Gebäude für Projektarbeit nutzen können.

Vorbereitung auf die postfossile Zeit

Fox und Vergara machen das Ganze - unterstützt von Léo Groult im Rahmen eines EU-Freiwilligenprogramms - nicht im luftleeren Raum. 2010 gründete Fox das „Centre for Ecological Learning Luxembourg“ (CELL), eine „non profit“-Organisation, der es besonders um Nachhaltigkeit geht. „Weil wir in einer Konsumgesellschaft leben, haben wir viele Dinge verlernt“, sagt Katy Fox. Die Anthropologin begreift CELL daher auch als soziale Bewegung, die Menschen zusammen bringt und Wissen verbreitet. Nicht nur, um ökologischer und umweltfreundlicher leben zu können, sondern auch um Vorarbeit zu leisten „für eine postfossile Zeit“ ohne Öl, Kohle und Erdgas. Mehr als ein Dutzend Menschen arbeiten beziehungsweise engagieren sich bei CELL.

Vergara (links) und Fox in New Mexiko. Foto: privat - Lëtzebuerger Journal
Vergara (links) und Fox in New Mexiko. Foto: privat

In New Mexico haben die beiden das Handwerk gelernt, um ihr eigenes „Erdschiff“ zu bauen. Theorie und Praxis, sechs Tage die Woche, fünf Wochen lang. Darunter auch Klempner-Grundwissen oder wie man Photovoltaik-Anlagen anschließt. 5000 Euro pro Person kostete das. Trotzdem waren Menschen aus aller Welt dort, um das Handwerk zu lernen.

Im Sommer wollen sie mit dem Bau beginnen. Die Raumaufteilung wird klassisch. Konferenzraum, Schlafzimmer, Küche, Bad. „Vieles haben wir schon bekommen“, sagt Vergara, Fenster zum Beispiel, anderes wie Holzbalken oder Solarzellen brauchen sie noch. Ein Lagerraum in der Nähe von Redingen wäre auch gut.

Das Projekt lebt von Spenden und dem Engagement Freiwilliger. Besonders wenn die körperliche Arbeit ansteht. „Es wäre gut, wenn wir dann 25 bis 30 Helfer pro Tag hätten“, sagen Fox und Vergara. Es gebe viele Enthusiasten, die bei so etwas mitmachen würden. Das Wort „Teambuilding“ fällt. Der Bau soll ein Event werden - immerhin nicht unter der Wüstensonne.

www.aerdscheff.cell.lu