COLETTE MART

Anlässlich der Eröffnung einer Session des Europäischen Jugendparlamentes vorige Woche in der Neumünsterabtei erinnerte Vize-Premierminister Etienne Schneider daran, dass Luxemburg in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein armes Agrarland gewesen ist, und dass sich die Bergwerke und die Stahlindustrie nur entwickeln konnten, weil die damalige Regierung die Grenzen für ausländisches Kapital, Arbeiter und Ingenieure geöffnet hatte. Schneiders Aussage war wichtig in einer Zeit, in der sich alsbald eine neue Regierung bilden soll, und in der es darum gehen muss, Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit als politische Strategie beizubehalten, und das Land nicht rückständigen Strömungen zu überlassen.

Der deutschen und französischen Sprache wurde auch im 19. Jahrhundert bereits einen Platz in unserer Verwaltung und unserem Alltagsleben eingeräumt, weil die führende Politik verstanden hatte, dass die Luxemburger mit dem Ausland kommunizieren müssen, dass die Vielsprachigkeit den Einwohnern einen Vorsprung auf dem Arbeitsmarkt überall in der Welt verschaffen würde, und weil wir als luxemburgisch sprechende Insel im europäischen Kontext nicht hätten bestehen können.

Mit all dem ging die Luxemburger Sprache nie verloren, eine Luxemburger Dichtung und Literatur entwickelte sich. In unserer heutigen Zeit sind LuxemburgischKurse voll belegt und viele Menschen aus aller Welt nehmen die Luxemburger Nationalität an. Allerdings gibt es Bestrebungen, die unser Land in eine völlig falsche Richtung lenken könnten, und die die Realitäten unserer historischen Entwicklung überhaupt nicht berücksichtigen. Wenn es seit jeher in unserer Sprache französische und deutsche Wörter gegeben hat, so ist das durch preußische und französische Besatzungszeiten zu erklären, die ein Teil auch unserer Sozialgeschichte sind, und die man hier und jetzt, in einem Europa der offenen Grenzen, nicht mehr rückgängig machen kann.

Wenn also demgemäß, wie der ADR in seinem Wahlprogramm hervorhebt, eine Betreuungsstruktur für Kinder in unserem Alltag „Maison Relais“ heißt, dann ist uns Luxemburgern damit noch gar nichts passiert, dies umso mehr, da in vielen Gemeinden über die Hälfte der Kinder andere Nationalitäten haben.

Wörter aus anderen Sprachen als „fremd“ zu bezeichnen, demnach dem Ausländischen (und auch dem Ausländer?) diesen Stempel aufzudrücken, führt uns unweigerlich in eine Aufteilung von Menschen in Luxemburger und Fremde. Genau dieses Gedankengut ist erschreckend. Es ist bedenklich, wenn wir uns auf einem solchen Weg in die Zukunft begeben, aber es wäre noch viel bedenklicher, wenn die Bevölkerung auf diesen Diskurs ansprechen würde, ohne die Konsequenzen auf unser alltägliches Leben richtig zu berechnen.

In einer globalisierten Weltwirtschaft kann Luxemburg keine Insel der Provinzialität und der Rückständigkeit werden, in dem sich Ausländer nicht mehr wohlfühlen und zurechtfinden können. Unsere Sprache sollte, genauso wie die deutsche, die französische und die englische, der Kommunikation mit allen Menschen in der Welt dienen, und die Weltoffenheit ist und bleibt der allereinzige richtige Weg für die Zukunft unseres Landes.