LONDON
JEFF KARIER

„Vampyr“ punktet mit atmosphärischer Story, ist aber nicht frei von Schwächen

London im Jahr 1918. Der Erste Weltkrieg ist überstanden, dessen Auswirkungen auf die Hauptstadt des britischen Empire sind aber deutlich zu erkennen. Hinzu kommt, dass die spanische Grippe in den Straßen der Stadt grassiert und es zu Angriffen und Toten kommt, die sich aber nicht allein durch diese Krankheit erklären lassen. Jonathan Reid, der als Feldarzt in Frankreich diente, erwacht nach seiner Rückkehr in einem Massengrab. Er verspürt eine unbändige Gier nach Blut, die seine Sinne betäubt und ihn zu seinem ersten Opfer treibt. Reid ist zum Vampir geworden. Zunächst begreift Reid nicht, was mit ihm passiert ist und wird wie eine Bestie durch die Gassen Londons gejagt. Zuflucht findet er in einem Krankenhaus und begibt sich auf die Suche nach Antworten.

Sinnvolles Dilemma

So beginnt „Vampyr“, das neue Spiel des französischen Entwicklerstudios „Dontnod“, die besonders für „Life is Strange“ bekannt sind. Dabei hält es einige Kniffe bereit. So ist Reid als Arzt, der zum Vampir wurde, ständig zwischen Blutdurst und dem hippokratischen Eid hin- und hergerissen. Dieses Dilemma ist aber auch spielerisch gut umgesetzt. Denn das Aussaugen der Bewohner Londons gibt einem einen großen Bonus an Erfahrungspunkten, was einem das Spiel erleichtert. Es ist also verführerisch, sich an einigen ihnen zu laben. Tut man das, hat es jedoch großen Einfluss auf die Stadt. Denn London ist dynamisch und reagiert auf unser Handeln. Übertreiben wir es mit dem Aussaugen, kann ein ganzer Stadtteil ins Chaos stürzen. Somit stellt einen das Spiel vor moralische Entscheidungen, die man in dieser Konsequenz selten gesehen hat. Ein überstürzter Blutsauger verursacht schnell mal ein paar Weisen oder macht eine alte Frau obdachlos, da man den Sohn, der die Rente zahlt, um die Ecke gebracht hat.

Auch ungemütliche Themen

Die Charaktere, auf die man im Spiel trifft, sind dabei zum großen Teil interessant geschrieben, bieten einige Geheimnisse, die es in den zahlreichen Dialogen und beim Durchsuchen der Gegend zu entdecken gilt. Viele der Bewohner Londons sind tiefgründiger, als es zunächst den Eindruck macht. „Dontnod“ ist bei deren Gestaltung sehr progressiv gewesen und behandelt auch mal ungemütliche Themen wie Sexismus, Rassismus, Homophobie und Flucht vor Kriegen.

Dabei lohnt es sich auch, sich näher mit den Charakteren zu beschäftigen. Denn je mehr Geheimnisse man erfährt, desto mehr Erfahrungspunkte geben die Bewohner beim Aussagen. Auch sollte man diese bei Gesundheit halten, dann geben sie nämlich ebenfalls mehr Erfahrung ab. Hierfür kann man im Crafting-Menu Medizin zubereiten. Die Erfahrung wird später für Fähigkeiten wie Sprungattacke, Blutspeer oder Selbstheilung eingetauscht.

Kampfsystem mit Schwächen

Im Craft-Menu kann man außerdem seine Waffen verbessern sowie Seren für sich selbst herstellen, die einem im Kampf helfen. Das Kampfsystem ist dann auch einer der Schwachpunkt des Spiels. Es wirkt nicht ganz rund, ist besonders in kleineren Räumen immer wieder frustrierend und die Kamera ist manchmal mehr Feind als Freund. Nach einigen Stunden hat man sich jedoch daran gewöhnt. Durch Ausdauer- und Blutleiste hat das Kampfsystem sogar eine leichte taktische Tiefe und die verschiedenen Skills und Waffen geben einem auch etwas Freiheit beim Kämpfen.

Ebenfalls etwas ernüchternd sind die Animationen, besonders die der Gesichter. Diese wirken oft sehr steif. Dabei ist die Synchronisation sehr gut gelungen. Auch der Soundtrack, der an den richtigen Stellen für Spannung sorgt, überzeugt. Kleinere Abstriche gibt es aber bei den Straßen und Gassen von London. Dass diese recht leer sind, erklärt sich zwar durch die spanische Grippe. Trotzdem wären etwas mehr Details, mehr begehbare Häuser und einige weitere NPCs wünschenswert, um eine noch besser inszenierte Stadt zu erschaffen. Das ist aber vermutlich auch auf das im Verhältnis zu anderen Spielen eher kleinere Budget zurückzuführen. Immerhin bezeichnen die Entwickler „Vampyr“ selbst als „AA“-Spiel, also eine Stufe unter „AAA“-Spielen wie „Witcher“ oder „Assasins Creed“. Eine gute Designentscheidung war es allerdings, auf ein Schnellreisesystem zu verzichten. So muss man durch die Stadt laufen, was sich gelegentlich etwas ziehen kann, aber der Atmosphäre zuträglich ist.

Unterm Strich ist „Vampyr“ ein ambitioniertes Spiel mit vielen guten Ideen, die auch gelungen umgesetzt wurden. Bis auf das Kampfsystem und die Animationen gibt es nicht viel zu bemäkeln. „Dontnod“ haben das Maximum aus ihren Möglichkeiten gemacht und ein tolles, Story-getriebenes Spiel geschaffen. Klare Kaufempfehlung.