HENRI JUDA

Mehr als sechs Millionen Juden kamen im Zweiten Weltkrieg in der unerbittlichen Nazi-Tötungsmaschinerie um, für deren Grausamkeit vor allem der Name eines Konzentrationslagers steht: Auschwitz. 2005 haben die Vereinten Nationen den Tag der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust erhoben. In Luxemburg ist die 2013 gegründete MemoShoah eine der Vereinigungen, die aktiv Erinnerungsarbeit leisten. Wir haben ihren Vorsitzenden Henri Juda über die Erinnerungskultur im Großherzogtum befragt.

„Wir haben in Luxemburg mehr als 380 Monumente und Denkmäler, davon sogar ein einziges für die Luxemburger Shoah-Opfer in Fünfbrunnen, an dem Ort, wo 300 bis 400 auf ihren Abtransport in den Tod warteten und werden jetzt endlich, nach 70 Jahren, bald auch ein Nationales Shoah-Denkmal bekommen.

Nicht zuletzt dank des Einsatzes von Xavier Bettel. Trotz dieser vielen Steine und Gedenktage dürfte es allerdings schwierig werden, eine einheitliche und nachhaltige Erinnerungskultur in Luxemburg zu gestalten und zu erhalten. Die Jugend wird sich kaum dauerhaft dafür gewinnen lassen, vor Monumenten Kränze nach vergangenen Ritualen nieder zu legen: Es muss schon richtig daran gearbeitet und ernsthaft nach neuen und nachhaltigeren Formen gesucht werden. Unabdingbare Voraussetzung scheint mir aber Ehrlichkeit und dazu gehört, dass die Forschung ungehindert das ganze Kapitel Zweiter Weltkrieg noch detaillierter aufarbeitet.

Wenn man die Jugend gewinnen will, sollte man aufhören zu verurteilen oder mit dem Finger zu zeigen, beginnen, konsequent alte Mythen und Legenden zu hinterfragen, die Verhaltensmuster einer Gesellschaft gegenüber Minoritäten zu entlarven, um so die Lehren aus der Geschichte für heute zu ziehen!

Jedes Jahr wird um den 10. Oktober herum der Nationale Kommemorationstag begangen, bei der die Personenstandsaufnahme von 1941 im Vordergrund steht und die Luxemburger, die von den Nazis in den Wehrdienst gezwungen wurden. Total vergessen aber war bis vor kurzem, dass am 16. Oktober 1941, also zur absolut gleichen Zeit, der erste und größte Deportationszug mit 323 Luxemburger Juden Luxemburg verließ, wobei das Gros der Bevölkerung sowie der kirchlichen und weltlichen Autoritäten wegsahen.

Die so hoch gefeierte nationale Solidarität umfasste damals eben nicht die Juden und auch nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sie kaum Erwähnung in den Geschichtsbüchern und noch weniger in der nationalen Gedenkkultur. Es bedurfte schon einer beherzten Regierungsentscheidung, dass erst ab 2016 die ermordeten Juden, genau wie Resistenzler und Zwangsrekrutierte, als Opfergruppe anerkannt worden sind. Somit tue ich mich schwer, dann in einem gemeinsamen „Gedenkcomité“ zu entscheiden, an welchem Tag dieser Solidaritätstag begangen werden soll, ohne vorab die Frage des Warums zu erläutern.

Der Artuso-Bericht hat ein Fenster aufgestoßen, das endlich frische Luft in die Geschichtsanalyse unseres Landes brachte. Es darf nun nicht wieder geschlossen werden, indem etwa die Forschung an dem Thema erlahmt und die Erinnerung an die Shoah in einer von oben verordneten allgemeinen Erinnerungszeremonie nach altem Legendenmuster unter geht. Aber vielleicht urteile ich zu voreilig und sollte dem „Comité“ eine faire Chance einräumen, mich vom Gegenteil zu überzeugen“.

www.memoshoah.lu