LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

„Eschsiders“-Prozess: Regelrechter Bandenkrieg samt Verfolgungsjagd

Zwölf Männer stehen seit Mittwoch wegen einer schweren Bandenschlägerei, die sich im Februar 2012 in Esch/Alzette ereignete, vor der Kriminalkammer Luxemburg. Die Polizei in Esch/Alzette hatte von März bis Juni 2012 für ihre Verhaftung gesorgt. Die jungen Männer hatten sich wahrscheinlich aus Gründen der verletzten Ehre geprügelt.

Mit der Anhörung eines Polizeibeamten, der die Angeklagten vernommen hatte, hat die Kriminalkammer am Donnerstag den Prozess fortgesetzt. Es ging unter anderem auch um die Frage, wem welche Rolle in der Schlägerei zugeordnet werden konnte.

Weil die Affäre recht kompliziert ist, wurde im Gerichtssaal ein vergrößerter Laptop-Bildschirm mit den Fotografien aller Angeklagten aufgestellt. Auch wurde eine Vielzahl von Spuren vom zuständigen Ermittler offengelegt. Eine Handyauswertung wurde dafür verwendet, Bewegungsprofile zu erstellen. So wurden zu den angeklagten Taten weitere Details bekannt. Die Staatsanwaltschaft, die seit der Festnahme der Männer auch in den Besitz von Waffen (Machete, Elektroschocker, Messer, Kabel) gekommen war, konnte so einen umfangreichen Katalog von Vorwürfen zusammentragen.

Handschlag verweigert

Bei der Gruppe, die in Luxemburg wohnt, handelt es sich um eine ausgesprochen schwierige Klientel: um die sogenannten „Eschsiders“, Personen mit Migrationshintergrund (Kapverdier) und luxemburgischer Staatsbürgerschaft. Die meisten von ihnen sind bereits seit ihrer Geburt in Luxemburg und gingen hier zur Schule. Durch ihre extrem enge Verbundenheit innerhalb der Gruppe haben die „Eschsiders“ ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Außenwelt erzeugt. Ihre Aussage: Sie wollen keine Fremde auf ihrem Gebiet.

Am 7. Februar 2012 verweigerte ein Mitglied des „Eschsider-Clan“ einer Person der zweiten beteiligten „Ausländer-Gruppe“ den Handschlag - mit weitreichenden Folgen.

Am 10. Februar kommt es zu der ersten nächtlichen Auseinandersetzung in einer Gaststätte in der Nähe des Escher Bahnhofs, dem Treffpunkt der „Eschsider.“ Sie hatten im Lokal gefeiert, weil ein Mitglied der Gruppe der „Eschsider“ vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden war. Drei Mitglieder der anderen Gruppe tauchten gegen Mitternacht im Lokal auf, bewaffnet mit einer Eisenstange, Baseballschläger und Steinen. Aus bisher nicht geklärten Gründen kam es zu ersten Beleidigungen und Beschimpfungen. Warum dann kurz nach Mitternacht ein „Eschsider“ mit einer abgebrochenen Bierflasche in den Rücken gestochen wurde, ist unbekannt. Auch soll ein Messer im Spiel gewesen sein. Die Tatsachen wurden von den Beteiligten abgestritten. Als die alarmierte Polizei anrückt, löste sich alles schnell auf - die Beteiligten verschwanden.

Filmreif

Einer der Mitglieder der zweiten Ausländer-Gruppe meldet den Vorfall seinem Freund. Der trommelte im Bahnhofsviertel Luxemburg eine Truppe zusammen. Acht Personen fuhren später mit zwei Autos nach Esch und suchten nach den „Eschsiders“. Unter den zwei verfeindeten Banden bricht eine Verfolgungsjagd aus: Über den Boulevard J.F. Kennedy, Rue des Boeurs, Rue Dicks, Rue de l’Industrie, Quartier Brill, Rue Zénon Bernard, Rue du Brill und Rue Prince Henri (Kreuzung). Vier Wagen sollen an der „filmreifen“ Verfolgungsjagd beteiligt gewesen sein…

Der Prozess wird fortgesetzt.