LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

„Rumpelstilzchen“ erweckt Begeisterung für Theater

Es blitzt und donnert im „Groussen Theater“! Rumpelstilzchen, der in der imposanten Gestalt, nicht eines zwergenhaften Männchens, sondern eines Hexers auftritt, schindet mit der Beherrschung über die Naturgewalten gehörig Eindruck. Er platzt mitten in ein königliches Festmahl, um einzufordern, was ihm versprochen wurde: den erstgeborenen Sohn der Königin.

Ausgespieltes Potenzial

So packend, so dynamisch ging es am 15., 16. und 17. Dezember bei der Aufführung der Rumpelstilzchen-Inszenierung zu. Zahlreiche Spezialeffekte, eine Vielzahl an Nebenfiguren und Statisten, ein detailliert ausgearbeitetes Bühnendekor, atmosphärische Leinwand-Projektionen, geschmackvoll gestaltete Kostüme und nicht zuletzt passende Musik sowie Sound-Effekte sorgten dafür, dass die traditionelle Märchenstimmung gewährleistet und das wilde Treiben auf der Bühne zu einem pausenlos unterhaltsamen Spektakel wurde. Es wurden alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft, die das zeitgenössische Theater zu bieten hat.

Die Schwierigkeit der Transposition

Im Vorfeld war das Zweigespann, Autor Ian De Toffoli und Regisseurin Myriam Muller, mit einer großen Herausforderung, man muss gar von einer eigentlich unlösbaren Aufgabe sprechen, konfrontiert. Sie sollten die berühmte Grimms-Vorlage für die Bühne transponieren, ihr aktualitätsgebundene Züge verleihen und einzelne Aspekte vertiefen, gleichzeitig aber auch die Charakteristiken respektieren, die ein Märchen ausmachen, nämlich klare Handlungsstränge, eindimensionale Figuren und räumliche und zeitliche Unbestimmtheit. De Toffoli hat es sich nicht leichtgemacht und insgesamt zwei Jahre am Text der Adaptation gearbeitet - mit Erfolg. Die eigentlich widersprüchlichen Forderungen wurden in der finalen Fassung kompromisslos miteinander vereinbart.

Er hat den Fokus besonders auf die Geldgier des Königs und dessen Ursachen gelegt und sie mit politischen Themen unserer Zeit verknüpft. So steht der König erheblichen Staatsschulden gegenüber, die er nicht begleichen kann. Dass er sparen müsse, wird ihm von seinen Beratern ans Herz gelegt - ein Satz, den man so doch irgendwie schon mal von den regierenden Politikern unserer Zeit gehört hat. Er solle dabei vor allem das Budget der Bildungs- und Kunsteinrichtungen kürzen - ein Vorschlag, der als ironischer Seitenhieb des Autors gemeint ist, der neben seiner Tätigkeit als Autor und Verleger auch als Dozent an der Universität in Luxemburg arbeitet.

Sicher hätte man mit dem Originaltext noch kreativer umgehen und ihn komplett umschreiben können, hätte damit aber riskiert, Besucher zu enttäuschen, die erwarten, dass, wo „Rumpelstilzchen“ draufsteht, auch „Rumpelstilzchen“ drin ist.

Auf Konkretisierung und Visualisierung einlassen

Obschon die Erwartungen des Publikums erfüllt wurden, bleibt festzuhalten, dass es nicht unproblematisch ist, ein Märchen auf die Bühne zu bringen. Neben den bereits genannten Gründen ist es so, dass jeder seine persönlichen Bilder und Vorstellungen mit den Handlungen und Figuren verknüpft. Sie sind es, die die nostalgischen Erinnerungen an die eigene Kindheit und unbeschwerte Naivität ausmachen. Die Visualisierung des Märchens muss sich nun nicht mit diesen decken und dem Zuschauer wird die freie Entfaltung seiner Imagination ein Stück weit genommen.

Zudem muss er genau das Gegenteil tun von dem, was ein Theaterbesuch ihm üblicherweise abverlangt. Anstatt dass er das Geschehen zum Anlass nehmen kann, zu reflektieren und sich Fragen zu stellen, muss er diesem Drang hier widerstehen und sich zurücklehnen. Denn: Ein Märchen funktioniert nicht mehr, sobald die innere Logik hinterfragt wird. So mancher Zuschauer wird wohl etwas Zeit gebraucht haben, um sich auf diese ungewohnten Bedingungen einzustellen und sich treiben zu lassen. Besonders das stark abgeänderte, nicht ganz geschlossene Ende könnte ihn dabei, vielleicht mit Absicht, auf die Probe gestellt haben.

Familienerlebnis statt elitärer Kunst

Der ebengenannte Punkt ist keineswegs kritikwürdig und ein Schwachpunkt der Inszenierung. Vielmehr mündet er in der Feststellung, dass das hiesige Theater vielfältig ist. Es ist wichtig, dass die Literaturlandschaft eben nicht nur von Dramen durchzogen ist, die einen hohen intellektuellen Anspruch aufweisen, sondern dass es auch Stücke wie „Rumpelstilzchen“ gibt, die ein breites Publikum und vor allem auch jüngere Zuschauer ins Theater locken. Nach der Premiere waren Begeisterungsrufe zu hören und viele blieben, um das Erlebnis mit einem Drink ausklingen zu lassen. Im Foyer konnte man Sätze aufschnappen wie „Es ist schön, dass uns diese Form des Theaters erhalten ist“.

Nicht zuletzt hat wohl auch die Übertragung ins Luxemburgische zu dem Erfrischenden am Stück beigetragen. De Toffoli ist es gelungen, so an der Sprache zu feilen, dass das Märchenhaft-Einfache durchscheint und zusätzlich die geforderte Modernisierung gegeben ist. Es ist wieder einmal ein Beweis dafür, dass auch unsere Sprache für ästhetisch-künstlerische Zwecke geeignet ist und dass sie auf neutrale Weise valorisiert werden kann.


Wer den „Rumpelstilzchen“ verpasst hat oder keine Angst davor hat, ihm erneut gegenüber zu treten, hat am 5. Januar im „Théâtre d’Esch“ sowie am 13. und 14. Januar 2018 im „CAPE“ noch einmal die Gelegenheit dazu