LUXEMBURG
LAUREEN L./LJ/NATASCHA EWERT

Hashtag #metoo reicht nicht: Zwei Erfahrungsberichte

Die Problematik um sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung hat jüngst wieder mehr Aufmerksamkeit erregt und viele Debatten angestoßen. Unsere beiden jungen Autorinnen mussten ebenfalls unangenehme Erfahrungen machen und wollen ihre Geschichte und ihre Meinung zu dem gesellschaftlichen Problem mitteilen.

Laureen L.*

Ich wohnte früher in einer kleinen Stadt. Eine Stadt, in der jeder jeden kennt und jeder getratscht hat. Weil jeder jeden kannte, habe auch ich den Auswärtigen kennengelernt, der neu ins Dorf gezogen war.

Am Anfang war er nett, sehr schüchtern und humorvoll. Meine Mitbewohnerin war sehr offen und freundlich und hatte deshalb ein Einladung zu der Einweihungsfeier seiner Wohnung. Da ich damals alles mit ihr gemacht habe, bin ich mitgegangen. Auf der Party kannte ich schon ein paar andere Gäste und fühlte mich viel sicherer. Ich habe ein bisschen getrunken, aber, da ich am nächsten Tag arbeiten musste, war ich vorsichtig. Ich war immer bei Bewusstsein, doch irgendwie ist alles schief gegangen. Plötzlich fand ich mich in einem dunklen Zimmer. Ab und zu verlor ich das Bewusstsein. Es hat eine Weile gedauert, bis ich bemerkt habe, dass ich nicht alleine war. Ich lag auf ein Bett in meiner Unterwäsche und der Mann neben mir. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich mich ausgezogen hatte oder ins Zimmer gekommen war. Diese Angst, als ich seine Hand auf meinen Brüsten spürte, hat mich ganz wach gemacht. Ich habe sie weggestoßen, aber seine andere Hand war schon in meiner Unterwäsche. Er war groß und kräftig und ich aber hatte keine Kraft, es war wie ein Alptraum. Ich konnte gar nicht klar denken und obwohl ich mehrere Male „Nein“ gesagt habe, versuchte er immer wieder mich anzugreifen. Ich war machtlos. Am Anfang hatte ich gedacht, dass ich zu leise war. Ich habe „Stop!“ und „Nein“ lauter und lauter gesagt, aber er sagte einfach „Komm' jetzt, ist alles Ordnung“, und machte weiter.

Schweigen aus Scham

Dann kam jemand an der Tür vorbei, ich erkannte meine Mitbewohnerin und rief nach ihr. Der Mann stieß die Tür zu, zum Glück versuchte meine Freundin mehrere Male sie aufzumachen. Während er mit der Tür beschäftigt war, konnte ich mein Handy suchen. Ich habe Nachrichten an einen guten Freund geschrieben, aber die waren komplett unverständlich, da der Mann mein Handy immer wieder weggenommen hat. Mein Bekannter kam und ich konnte mich rasch wieder anziehen und so schnell wie möglich aus Zimmer rauslaufen. Meine Mitbewohnerin, mein Freund und ich sind nach Hause gegangen, ich habe nichts gesagt, bis ich draußen war. Wenn mein Kumpel gewusst hätte, was der Mann getan hatte, hätte er ihn geschlagen. Aber ich wollte meine Flucht nicht riskieren. Nachher habe ich ihm alles gesagt und er war wütend, aber ich wollte den Vorfall offiziell machen.

Soweit ich mich erinnere, fand keine Penetration statt, aber ich habe nie nachgefragt. Finger waren aber drin, es hängt letzten Endes davon ab, wie man Sex definiert. Ich weiß jetzt, dass ich mich damals hätte melden und zur Polizei gehen sollen, aber ich war so unsicher. Vielen haben gemeint, dass ich schuld war. Ich hätte zu viel geflirtet, hätte wissen müssen, Alkohol Männer manchmal scharf und aggressiv mache. Jemand hat dann gewitzelt, dass in meinem Getränk Drogen gewesen wären, weil ich ja auch einen Blackout hatte. Ich jedenfalls habe mich geschämt und gedacht: „Es war nicht so schlimm, ich wurde ja nicht geschlagen“.

Er wohnt nicht mehr in meinen Dorf, es gibt also kein Risiko für mich mehr. Die Leute, die ihn kannten, meinen immer noch, dass er ein „ sanfter Riese“ ist.


*Diese Erlebnisse schildert Laureen L., die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Laureen war zum Zeitpunkt des Vorfalls 20 Jahre alt.

Natascha Ewert

Es geschieht im Bus, in einer Menschenmenge oder wenn man allein ist. Plötzlich fasst jemand zu. Aber nicht auf die Art, auf die man berührt werden will. Man erstarrt und fragt sich, ob das gerade wirklich passiert. Vielleicht macht diese Person weiter oder ihr wehrt euch oder wisst nicht, wie ihr aus dieser Situation rauskommt.

Fast vor einem Jahr erlebte ich eine solche Situation in meinem Studentenheim in Wien. Als ich kochen wollte, saß in der Gemeinschaftsküche ein Typ, den ich noch nie gesehen hatte. Er trank eine Flasche Bier als er mich von oben bis unten inspizierte. Schon die Art und Weise, wie er mich anschaute, war ein Hinweis darauf, was er in mir sah. Unschuldiges Mädchen, das ein bisschen Spaß vertragen wird. Den ersten Satz: „Sexy Beine!“, nahm ich nicht als Kompliment, sondern als dummen Anmachspruch. Er kam näher, er sah ein wenig betrunken aus. Er fragte mich, ob er meine Strumpfhose berühren kann. Die Situation wurde unangenehm, er kam immer näher. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte und ein ängstliches „Ja“ kam aus meinem Mund. Er bückte sich und fasste meine Waden an. Ich erstarrte vor Schock und ergriff die Flucht. Als er fragte, ob ich zurückkommen würde, sagte ich: „Ich weiß es nicht.“ Ich ging in mein Zimmer und musste zuerst Gedanken in Ordnung bringen. Ich war ziemlich wütend, traute mich aber nicht zurück in die Küche und wartete eine Stunde.

Als ich zurückkehrte, war er nicht mehr da. Nachdem ich gegessen hatte, weinte ich auf meinem Zimmer. Es war schwierig meine Tränen fließen zu lassen, weil ich mich schämte. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich das ich „Ja“ gesagt habe, obwohl ich „Nein“ gemeint habe.

Keine schlechte Initiative

Seit Oktober sehe ich, wie viele Menschen den Hashtag #metoo auf ihrem Facebook Profil gepostet haben. Ich zögerte, weil ich eine andere Auffassung dazu habe. Es genügt nicht auf sozialen Medien #metoo zu setzen, obwohl die Idee dahinter nicht schlecht ist. Doch es geht hier nicht um Macht. Es geht um Zivilcourage und Menschlichkeit. Sexuelle Belästigung gibt es in verschiedenen Formen und entsteht in verschiedenen sozialen Kontexten. Ich könnte noch andere Geschichten erzählen, zum Beispiel wie ein Junge mich im Gymnasium als „Hure“ beschimpft hat. Das Problem steckt sehr tief und um dieses Problem zu lösen, müssen Menschen miteinander reden und handeln. Das sind die Themen, die in einem Philosophie- oder Ethikunterricht behandelt werden sollen, auch wenn es ein Tabuthema ist. Jeder scheint informiert, doch die meisten schauen weg und handeln nicht. Wir hören es ständig. Aber ich wiederhole es noch einmal: Es reicht, wegschauen gilt nicht mehr! Wenn Du Zeuge bist, sprich es an. Das ist der erste Schritt zur Veränderung.


Hilfe bei sexueller Belästigung oder sexueller Gewalt: bei der Polizei im Kommissariat oder unter 113. Auch Zeugen sexueller Gewalt können sich dort melden.