KÖLN/MÜNCHEN
RALF E. KRÜGER (DPA)

Zum 100. Geburtstag kommt Mandelas zweite Biografie auf den Markt

Südafrikas erster schwarzer Präsident Nelson Mandela galt politisch wie moralisch als Lichtgestalt, als eine Art Sonderfall der Geschichte. Am 18. Juli wäre der Mann 100 Jahre alt geworden, dessen Name weltweit auch fünf Jahre nach seinem Tod noch immer für Ausgleich und Versöhnung, unbeugsamen Willen und Charakterstärke steht. Aus Anlass des 100. Geburtstags werden dem weltweit respektierten Freiheits-Idol gerade Veranstaltungen und Ausstellungen gewidmet. Auch der Büchermarkt würdigt das runde Jubiläum Mandelas, dessen Vision angesichts aufbrechender Risse im Politgefüge des Kap-Staates vielen heute als gefährdet gilt.

Teilweise aus eigener Feder

Die Bücher würdigen unterschiedliche Facetten des Mannes, der nach jahrzehntelanger Haft in Apartheidgefängnissen seinem Land den friedlichen Übergang aus der institutionalisierten Rassentrennung in eine moderne Demokratie geebnet hatte. Die autorisierte Mandela-Biografie „Dare not linger - Wage nicht, zu zögern“ stammt zum Teil aus Mandelas eigener Feder. Nach seiner Autobiografie über die Jahre vor seiner Präsidentschaft („Long walk to freedom“) hatte er eine Fortsetzung begonnen, die die schwierigen Jahren des Aufbaus eines demokratischen Südafrikas beleuchten sollte. Er kam aber nicht mehr dazu, sie fertigzustellen. Seine Witwe Graça Machel, seine Stiftung sowie Ko-Autor Mandla Langa vollendeten das Werk.

Mit geschickt in den Kontext eingebauten Passagen aus Mandelas eigenen Notizen bieten sie Einblicke in dessen bemerkenswerte Führungsstärke. Er selbst schreibt etwa, wie er damals am Widerstand der eigenen ANC-Partei scheiterte, als er den heutigen Präsidenten Cyril Ramaphosa zu seinem direkten Nachfolger bestimmen wollte. „Er ist eine imposante, äußerst gewandte Persönlichkeit mit scharfem Verstand und hoher Überzeugungskraft“, notierte Mandela und nannte Ramaphosa einen der „wichtigsten Architekten des neuen Südafrikas“.

Das Buch räumt auch mit dem Mythos auf, Mandela sei von westlichen, kapitalistischen Kreisen von seinen Verstaatlichungsplänen abgebracht worden. Glaubt man seiner autorisierten Biografie, so hat ihn 1992 auf dem Weltwirtschaftstreffen in Davos der damalige chinesische Premierminister Li Peng eindringlich davor gewarnt. Die in China gemachten Erfahrungen deuteten darauf hin, dass Verstaatlichung ein Fehler sei. „Der Premierminister Vietnams, der ebenfalls in Davos zugegen war, vermittelte eine ähnliche Botschaft“, heißt es weiter.

Einblicke in die Probleme des Hoffnungsträgers

Die Biografie bietet Einblicke in die Probleme des Hoffnungsträgers, der gegen vielfältige Widerstände und Rückschläge unter den aufmerksamen Blicken einer faszinierten Weltöffentlichkeit den politischen Wandel einleitete. In den vier Jahren nach seiner Amtszeit brachte Mandela zehn Kapitel zu Papier - „mit Füller oder Kugelschreiber“, wie seine Witwe im Vorwort notiert.

Sie schreibt: „Doch die Anforderungen, die die Welt an ihn stellte, Ablenkungen ganz verschiedener Art sowie das fortschreitende Alter erschwerten Madiba die Arbeit an diesem Buch zunehmend; er verlor den Schwung und schließlich lag das Manuskript auf Eis.“ Machel erläutert auch den Buchtitel - er stammt aus dem letzten Absatz von Mandelas erster Biografie, in der er davon spricht, wie er beim Erreichen eines Gipfels vor der Fortsetzung des Weges eine kurze Rast einlegt.

Das Bild nutzt auch Mandelas Enkel Ndaba (37), dessen Buch auf Deutsch zwar „Mut zur Vergebung“ - im englischen Originaltitel aber „Going to the mountain“ (etwa: Zum Berg gehen) heißt. Ndaba Mandela hofft, mit seinem sehr persönlichen Buch nicht nur eine Sammlung von Anekdoten, sondern auch Mandelas Vision einer gerechten Welt der heutigen Generation nahezubringen. „Ich glaube, dass die Worte meines Großvaters die Kraft haben, die Welt zu verändern, und damit meine ich nicht nur die äußere Welt sondern auch die innere Welt, das unentdeckte Universum unserer persönlichen Möglichkeiten“, meint er.

Entschlossenheit und unerschütterliche Lebensfreude

Den Großvater - den er „Madiba“ nennt - bewundert er wegen seiner Ideale, Entschlossenheit und unerschütterlichen Lebensfreude. „Madiba war kein Heiliger, der jeden liebte und keiner Fliege etwas zuleide tat. Er war ein kluger Führer, der wusste, welche Macht darin liegt, das Richtige zu tun, bis es das Falsche überwindet.“

Ndaba hatte es als Tunichtgut und mittelmäßiger Schüler nicht leicht beim berühmten Großvater mit den hehren Prinzipien: „Es ärgerte ihn maßlos, wenn er mitbekam, wie jemand sein Potenzial nicht nutzte“, schreibt Ndaba: „Im Großen gesehen war für den alten Mann Bildung ein Teil des andauernden Kampfes für die Befreiung der Schwarzen, ihr einziger Weg zu wirtschaftlicher und sozialer Gleichheit. Im Kleinen sah er mich.“ Der Enkel beschreibt, wieso sich Nelson Mandela in den letzten Jahren seines Lebens dem Kampf gegen Aids verpflichtet sah: „Der (Aids-)Tod meines Vaters befeuerte den Wunsch meines Großvaters, HIV und Aids zum letzten Kampf seines Lebens zu machen.“

Mit seiner langjährigen Frau Winnie war er oft unterschiedlicher Meinung. Dennoch meint Ndaba: „Aber es war völlig klar, dass ihre Liebe und ihr Respekt voreinander nie nachließen.“ Heute ärgert ihn das Bild Afrikas in der Welt. Mit dem Großvater als Ehrenmitglied des Kuratoriums schuf er daher die Stiftung Africa Rising. Sie soll mit den falschen Vorstellungen aufräumen, die die Welt über Afrika hat.

Eine weitere Neuerscheinung veröffentlicht erstmals Briefe und Karten, die der berühmte Apartheid-Häftling in seinen 27 Haftjahren in der Gefangenschaft schrieb. Er konnte damals nur noch durch Briefe Kontakt zur Außenwelt halten - sie sind somit eindrückliche Zeitzeugnisse. Das vierte Buch stammt vom Regensburger Professor Stephan Bierling. Er würdigt ebenfalls in seinem Buch „Nelson Mandela - Rebell, Häftling, Präsident“ den Menschen und Politiker Mandela.