IOWA CITY
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Landesweit setzen US-Politiker wie auch Präsident Trump den Begriff als Waffe ein

Eine Abgeordnete im US-Staat Idaho ruft ihre Wähler auf, Beiträge für einen „Fake-News-Preis“ einzureichen. Der Gouverneur von Kentucky twittert „#FAKENEWS“, um Fragen über einen umstrittenen Immobilienkauf abzublocken. Der Berater eines ranghohen Beamten in Texas verwendet den Ausdruck, um Korruptionsvorwürfe gegen seinen Chef zu dementieren.

Die Kampagne von US-Präsident Donald Trump zur Diskreditierung der Nachrichtenmedien hat sich auf sämtliche Regierungsebenen ausgeweitet. Politiker verwenden den Begriff „Fake News“, um sich gegen unliebsame Geschichten zu wehren. Er ist allgegenwärtig geworden als Signal an die Anhänger eines Politikers, eine berechtigte Berichterstattung zu ignorieren. Ebenso steht er für Angriffe gegen die unter Druck stehende, schrumpfende Lokalpresse und für das Vorgehen Konservativer gegen ihrer Darstellung nach verzerrte Berichte.

„Als Trump angekündigt hat, einen Fake-News-Award vergeben zu wollen, dachte sich eine Gruppe von uns konservativen Abgeordneten: ,Das müssen wir auch machen‘“, sagt die Parlamentarierin Priscilla Giddings aus Idaho. Sie rief ihre Anhänger auf, Beispiele für „einseitige, irreführende und falsche Nachrichten“ einzusenden. „Wir müssen den Menschen die Tatsache bewusst machen, dass nicht alles, was auf der Titelseite der Zeitung von Boise steht, zu 100 Prozent wahr sein muss“, erklärt Giddings.

Den Träger des Negativpreises will sie am 18. März bekanntgeben. Just an diesem Tag endet auch die sogenannte Sunshine Week, eine jährliche Aktionswoche der US-Nachrichtenmedien für Pressefreiheit und Transparenz der Regierungsarbeit.

Rhonda Prast, Chefredakteurin der Zeitung „Idaho Statesman“ aus Boise, verwahrt sich gegen die Vorwürfe. Die Behauptung, das Blatt veröffentliche bewusst falsche Berichte, sei lächerlich, sagt sie. „Der „Statesman“ hat seit langem den Ruf einer angesehenen Zeitung - der 154 Jahre zurückreicht - und unsere Standards für Genauigkeit und Fairness haben sich nie geändert“, erklärt Prast. „Die Anschuldigungen von ,Fake News‘ sind ungerechte Angriffe auf eine freie Presse.“

Langfristige Schäden möglich

Medienwissenschaftler befürchten langfristige Schäden, indem der Journalistenberuf in Verruf gebracht und die Rolle der Medien als Wächter über die Regierung und über Politiker untergraben werde. Schon heute habe sich unter Konservativen der Verlust an Vertrauen in die Medien verschärft. Zudem hätten die „Fake-News“-Vorwürfe zu einer Feindseligkeit beigetragen, die immer wieder in Gewalt umschlage.

Im vergangenen Jahr gingen der Datenbank U.S. Press Freedom Tracker zufolge mindestens drei Politiker gewaltsam gegen Reporter vor, die ihnen Fragen stellten. In Dutzenden weiterer Fälle seien Journalisten von Demonstranten angegriffen worden.

Der Experte Brendan Nyan vom Dartmouth College im US-Staat New Hampshire äußert sich besorgt über „die anhaltenden Attacken auf die Rechtmäßigkeit der Medien durch Präsident Trump und einige seiner Unterstützer“. „Die Presse ist natürlich nicht perfekt, aber sie ist ein wichtiger Rechenschaftsmechanismus für die Mächtigen“, erklärt der Professor für Regierungslehre. „Diese Art von Rhetorik kann das Vertrauen in die Medien und die Bereitschaft der Menschen zersetzen, kritische Informationen über Politiker zu akzeptieren, die sie unterstützen.“

Nyhan gehört zu den Autoren einer kürzlich erschienenen Studie des Poynter-Instituts in Florida über die Einstellung zu Medien. Demnach vertrauen Demokraten der Presse mehr als Republikaner. Anhänger der republikanischen Partei seien „eher bereit, extremen Behauptungen über falsche Medienberichterstattung zuzustimmen, Journalisten als Feinde der Bevölkerung zu bezeichnen und Beschränkungen der Pressefreiheit zu unterstützen“, heißt es in der Erhebung.

Eigene Realität schaffen

Die ständige Bezeichnung von sachlicher Berichterstattung als „Fake News“ fällt mit dem Trend zusammen, dass sich im Internet tatsächlich zunehmend Unwahrheiten verbreiten. Der Medienwissenschaftler Craig Silverman hatte 2014 den Begriff mit etabliert. Er verwendete ihn ursprünglich für komplett erfundene Berichte, die zum Zwecke der Gewinnerzielung geschrieben und veröffentlicht werden.

Heute zuckt er nach eigenen Worten jedes Mal zusammen, wenn er den Ausdruck hört. Dieser sei nach Trumps Wahlsieg 2016 zu einer parteiischen Waffe geworden, sagt Silverman, der heute als Journalist bei der Website „BuzzFeed“ arbeitet. Politiker manipulierten die sozialen Medien, um „Tatsachen buchstäblich als Fake zu brandmarken“, schreibt er. Sie erschüfen eine eigene Realität für ihre Follower.

Der Gouverneur von Maine, ein Kandidat für die Kongresswahl aus New Mexico, der Vizechef von Trumps früherer Kommission zur Untersuchung von Wahlbetrug und ein Staatsminister aus Georgia sind einige der Politiker, die den Begriff in den vergangenen Monaten als Reaktion auf Medienberichte verwendeten.

Journalisten geraten dadurch oft in eine Zwickmühle, wie Rebecca Baker sagt, die Präsidentin des Journalistenverbands Society of Professional Journalists. Einerseits wollten sie ihre Berichte etwa durch mehr Transparenz verteidigen, andererseits aber den Vorwürfen nicht zu viel Beachtung schenken.

„Unsere Mitglieder, von denen viele für kleine Medienunternehmen arbeiten, tragen die Hauptlast dieser unberechtigten Angriffe, und das ist völlig unfair“, erklärt sie. „Das sind Menschen, die der Gesellschaft dienen. Manche ignorieren es einfach, und andere setzen sich zur Wehr.“