PATRICK WELTER

„Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu geh’n. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn‘n.“ Diese Liedzeile von Reinhard May ist so alt, dass sie nur die Generation 50plus kennt. Dazu gehören auch Zeitgenossen wie Frau Merkel oder der umtriebige Horst Seehofer. Der Horst hat es immerhin zur Hälfte verstanden und geht schon mal als Ministerpräsident.

Schon größere Geister als die beiden haben den Zeitpunkt des gepflegten Rückzugs verpasst. Die Annahme „Ohne mich geht die Welt unter“ ist unter alten Chefs und Chefinnen, egal ob von Ländern oder Firmen - vom Handwerksbetrieb um die Ecke bis zu Weltkonzernen - weit verbreitet. Und absolut falsch, bis jetzt ist die Welt nicht untergegangen - nicht mal in Simbabwe ohne Mugabe.

Im letzten Jahr wurde in Speyer jemand pompös zu Grabe getragen, der das Musterbeispiel dafür geliefert hat, wie man das eigene Denkmal ruiniert. Helmut Kohl verließ das Kanzleramt - damals noch in Bonn - erst, als ihn das Volk satt hatte. In völliger Verkennung der Lage hielt er sich für unersetzlich und seine Wiederwahl 1998 für eine klare Sache. Pech gehabt, auch für ihn galt der alte Spruch „Die Friedhöfe sind voll mit Leuten, die sich für unersetzlich gehalten haben.“ Kein Abgang in Ehren.

Sein sozialdemokratischer Nachfolger Schröder war wenigstens so tollkühn, seine Partei 2005 bei miserabelsten Aussichten in Neuwahlen zu führen. Den persönlichen Machterhalt als Kanzler hat er nur um drei Sitze verfehlt und seiner Partei vier weitere Jahre Regierungsbeteiligung gesichert. Seitdem regiert die stets freundliche Miss Merkel, eine Art Jane Marple der Politik. Lange gefeiert als die Frau mit der ruhigen Hand und der kühlen Übersicht. Nun wächst jenseits der Mosel langsam der Überdruss an dieser Nichtpolitik.

„Ich wüsste nicht, was ich anders machen sollte“ ist als Aussage ebenso hilflos wie arrogant. Merkel hat zwei Talente, sie kann Koalitionspartner auf die ganz sanfte Tour auspressen wie eine Zitrone und dann dumm aussehen lassen. Das Spiel hat sie zweimal mit der SPD gespielt und die FDP hat sie fast ruiniert. Nach dem Jamaika-Aus war die FDP zunächst der böse Bube, doch es stellt sich immer mehr heraus, dass Europas angeblich mächtigste Frau mit ihrem Kirchenlatein am Ende ist. Plan A, ein schwarz-grünes Bündnis, ist am Wähler gescheitert. Plan B, die nahtlose Fortsetzung der einstmals großen Koalition nach einem denkwürdigen Wahldebakel, war schon am Wahlabend Makulatur. Zu Plan C, „Jamaika“ à la Merkel, soll heißen schwarz-grüne Politik mit liberalem Kopfnicken, hat die FDP - zum Glück - „Nein“ gesagt. Plan D? Einfach zurück zu Plan B - was für ein Armutszeugnis!

Anstatt die alte Tante SPD über Monate weich zu labern, sollte Merkel sich aufs Altenteil zurückziehen und den Weg für jemanden anders frei machen. Für einen Mann oder eine Frau - was wahrscheinlicher wäre - die eine Minderheitsregierung als eine Chance begreifen würden, Politik wieder aktiv und vor allem konkret zu gestalten.

Statt ewiger Miss-Marple-Betulichkeit, wollen die Leute mehr Action!