SIMON

So langsam hat sich die Übelkeit wieder gelegt, die ich spürte, als ich vom neuesten Schulmassaker in den USA erfuhr. An den toten Amokläufer von Newtown möchte man die Frage richten: „Warum wehrlose 6-Jährige?“ Gibt es ein widerwärtigeres Verbrechen, als Kinder als Opfer von Schandtaten und Gewaltakten auszusuchen? Nein. Doch mit dem 20-jährigen Täter wird niemand mehr reden können, am Ende seiner feigen Mordorgie, bei der er tatsächlich weinenden Kindern ins Gesicht gestarrt haben muss, eher er sie Sekunden darauf hinrichtete, hat er sich, nicht überraschend, selbst das Leben genommen.

Auch wenn das Waffengesetz in vielen amerikanischen Bundesstaaten einfach nur grotesk liberal ist, darf nicht vergessen werden, dass solche gestörte und gehänselte Einzelgänger auch in Europa existieren. Tim K. in Deutschland und Kim de Gelder in Belgien waren nicht weniger frustriert und von ihren Mitmenschen desillusioniert als ihre gleichgesinnten Amokläufer in den USA, als diese zu ihren Mordmärschen aufbrachen. Die Tatsache, dass in Amerika großkalibrige Maschinenpistolen ohne weiteres im Laden erhältlich sind, erhöht nur das Gefahrenpotential von tristen Gestalten. Kurz nach der Tat machte auf Facebook ein Post die Runden, auf dem sämtliche Waffen zu sehen waren, die in den USA legal in Läden angeboten werden, daneben waren Käsesorten aus Frankreich abgebildet, die wegen ihres Rohmilchgehalts im gleichen Land verboten sind. Ja, unter anderem Camembert, Comté und Morbier sind in den Vereinigten Staaten illegal. Lächerlich. In seiner Rede, unmittelbar nach dem Amoklauf, kämpfte ein sichtlich betroffener US-Präsident mit den Tränen. Amerika sei schon zu oft durch solche Tragödien gegangen, sagte Barack Obama, selbst Vater zweier Töchter. Wann wird dieses Land endlich lernen, dass Waffen eine zu akute Gefahr darstellen, wenn mental instabile oder gewaltbereite Menschen ganz einfach Zugriff darauf haben? Leider neigt man hier eher zu Pessimismus. Was lernte das Land aus dem Amoklauf 1999 in Columbine? Nichts. Was wird es aus dem Massaker in Newtown lernen.

Wahrscheinlich auch nichts. Weltweit wird sich jetzt wieder über „die Amerikaner“ aufgeregt, weil „die“ solch ein liberales Waffengesetz dulden. Die Hauptschuld liegt aber nicht beim normalen Bürger, sondern eindeutig bei den Politikern, die nicht den Mut aufbringen können, sich mit der mächtigen National Rifle Association (NRA) anzulegen. Laut meines Verständnisses von Demokratie werden Politiker unter anderem an die Macht gewählt, um die Bürger des Landes mit sinnvollen Gesetzen bestmöglich zu beschützen. Das erreicht man aber nicht mit einem Verbot von Tomme-de-Savoie oder ultrastrengen Nichtrauchergesetzen, sondern an erster Stelle mit einem Verbot von Gewehren, Revolvern und Pistolen.

Die USA können jetzt wieder so viel weinen und beten wie sie wollen, es ändert nichts daran, dass irgendwo in dem riesigen Land schon der nächste gestörte Killer in den Startblöcken steht. Die Frage ist nur, wird er sich mit einem Messer oder mit einem Sturmgewehr auf den Weg machen?