LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Unterwegs im „Bentley Flying Spur W12 S“ - dem 200 Meilen-Auto

Irgendwo im Saarland fährt jetzt ein völlig konsternierter BMW 3er-Fahrer herum. Irgendein dickes Ding hat ihn in Sekundenbruchteilen ganz, ganz alt aussehen lassen…

Eine alltägliche Szene auf der Autobahn von Merzig Richtung luxemburgische Grenze. Im Baustellenbereich ist mal 100, mal 80 die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Rechts schleichen ein paar Autos hinter Lastzügen her. Wir sind folglich mit unserem Testwagen auf der linken Spur unterwegs, versuchen uns aber an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Im Tunnel am Pellinger Berg sind 80 km/h erlaubt, nach dem Tunnel darf man dann hundert Kilometer schnell fahren. Kurz vor der Einfahrt taucht ein „BMW-Dreier“ auf und setzt sich mit Blinker links dicht hinter uns. Der „Dreier“ kommt immer näher, mittlerweile ist sein Nummernschild nicht mehr im Rückspiegel zu sehen, so dicht hängt er auf unserer Stoßstange. Der unbekannte Engländer nervt ihn sichtlich. Endlich kommt die Aufhebung der Geschwindigkeitsbegrenzung. Der Drängler hofft auf seine Chance… Genau auf Höhe des Freigabe-Schilds, trete ich beim Testwagen das Gaspedal voll durch - und für den Drängler im Dreier geht eine Welt unter. Das dicke Ding vor ihm hebt ein bisschen die Schnauze, es brüllt aus der mehrflutigen Auspuffanlage und aus der gemütlichen Fahrt wird ein Ritt mit dem Spaceshuttle. In Sekundenbruchteilen verschwindet der kleine Bayer hinter uns, und das Asphaltband der Autobahn schießt unter unserem Wagen hindurch. Der Wagen ist ob dieser Beschleunigungsorgie im Stil eines startenden Jets kein bisschen kein bisschen nervös - nicht mal der brüllende Motor ist im Innenraum übermäßig stark zu hören. Man muss jetzt einfach zum Klischee greifen: „My car is my castle“. Schließlich fahren wir einen Briten, sogar eine britische Ikone, deren Herz zwar im Kern aus dem VW-Regal stammt, aber in der britischen Form ungeahnte Qualitäten entwickelt. Bei - legalen - 210, 220 Stundenkilometern beenden wir die Beschleunigungsorgie. Damit haben wir nur zwei Drittel (!) der möglichen Höchstgeschwindigkeit erreicht und lassen es gut sein. Die Vmax dieses Modell liegt bei 200 mph, in metrische Maße übersetz bei etwa 325 km/h!

Um das Geheimnis zu lüften: Bei unserem Testwagen handelt es sich um einen „Bentley Flying Spur W 12 S“, keine platte Sportwagenflunder, sondern eine veritable viertürige zwei Tonnen-Limousine mit einer Motorhaube, auf der auch ein Rettungshelikopter landen könnte. Dieser „Flying Spur“ ist der erste Serien-Bentley, der die 200-Meilen-Marke knackt. Der „fliegende Sporn“ ist übrigens eine Reminiszenz an den legendären Karosseriebauer Mulliner.

Ein Fahrer-Auto

Der „Bentley Flying Spur W 12 S“ ist im Gegensatz zu seinem Markenbruder „Mulsanne“ ein Auto für Selbstfahrer, nicht für den hochherrschaftlichen Chauffeur. Obwohl der Flying Spur im Fonds über eine Einzelsitzanlage verfügt, die es erlaubt jeden Sitz ganz individuell einzustellen und die gekühlte Bar nicht fehlen darf. Andererseits sorgen bratpfannengroße Keramikbremsscheiben (Aufpreis 11.000 Euro) dafür, dass der Fahrer durchaus einen verschärften Fahrstil pflegen kann. Im Gegensatz zu den Spitzenmodellen der süddeutschen Konkurrenten, die bei entsprechender Motorisierung und Ausstattung auch in die Preisregion des Bentley vorstoßen, ist in diesem Auto wenig vom elektronischen Overkill zu spüren ist. Es gibt auch keine hässlichen Bildschirmen anstelle von schön gearbeiteten Instrumenten, die den Fahrer deprimieren würden. Der „Bentley Flying Spur W 12 S“ ist im besten Sinne konservativ - und das ist gut so!

Die Bezeichnung W 12 zeigt, dass die zwölf Zylinder nicht auf zwei (V12), sondern auf drei Zylinderbänke aufgeteilt sind. Die obligatorische Frage nach dem Verbrauch sollte sich eigentlich in dieser Preiskategorie nicht mehr stellen. Dennoch: Während des „Journal“-Test lag der Durchschnittsverbrauch deutlich unter 20 Litern, kein schlechter Wert bei 635 PS. Bei Übernahme des Fahrzeugs zeigten die Angaben des Durchschnittsverbrauchs von plus 40 (!) Litern, dass der Journalistenkollege, der den Wagen zuvor hatte, offensichtlich nur eine Gangart kannte: „Pedal to the metal!“