LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Die Kraft der Townships im „Grand Théâtre“: Musiktheater „A Man of Good Hope“ reißt mit

Wellblech, jede Menge Marimbas und 25 Tänzer und Sänger: Mit „A Man of Good Hope“ bringt das „Grand Théâtre“ von heute bis Samstag ein kraftvolles und schon viel bejubeltes Stück auf seine Bühne. Eingeladen ist das „Isango Ensemble“ aus dem südafrikanischen Kapstadt. „Wir kommen alle aus den Townships“, sagt Mandisi Dyantyis, stellvertretender Direktor und Co-Musikdirektor, über das Ensemble, dem er seit 2006 angehört. „Für uns ist das ein Vorteil, weil es uns Resilienz und eine andere Herangehensweise gegeben hat.“

Und das wird auf der Bühne eine besondere Rolle spielen, denn erzählt wird in dem Musiktheaterstück die Geschichte von Asad Abdullahi: Mit acht Jahren muss er im somalischen Mogadischu die Ermordung seiner Mutter durch Milizen mitansehen und flüchtet über Kenia und Äthiopien nach Südafrika. Unterwegs lebt er bei einigen Verwandten, wird von anderen in der Wüste ausgesetzt, schließt sich einem Lkw-Fahrer und dann Studenten an, landet dann in einem südafrikanischen Township, wo er sich als Gauner, Dealer und Ladenbesitzer durchschlägt und schließlich heiratet. Die Townships, jene Massenhüttenviertel, die während der Apartheid als Wohnsiedlungen für schwarze, farbige und indische Einwohner angelegt wurden, waren lange aufgrund von Armut, Kriminalität und schlechten Infrastrukturen verrufen. Heute gilt der Township-Zusammenschluss Soweto in Johannesburg als größtes Township - mit geschätzt 3,5 Millionen Menschen auf 130 km². Hier lebt man äußerst beengt, zum Vergleich: Luxemburg-Stadt hat nur rund 116.000 Einwohner bei einer Fläche von 51 km².

Township-Ensemble peppt Klassiker auf

Das preisgekrönte „Isango Ensemble“ hat sich anfangs zunächst mit Neuinterpretationen von Klassikern vor allem des europäischen Bühnenrepertoires, sei es Oper, sei es Theater, einen Namen gemacht. Seit der Gründung 2000 führte es unter anderem „Die Zauberflöte“, „U-Carmen“ oder A Christmas Carol“ auf, stets in der Moderne Südafrikas oder gar der Townships angesiedelt. „Wir haben die Zauberflöte modernisiert, weil wir dachten, es ist wichtig, ihre Raffinesse in einer frischen Erzählweise zu zeigen.“ Anders verhält es sich mit „A Man of good Hope“. Kein europäisches Stück, keine berühmte Musik eines österreichischen oder französischen Komponisten, keine Vorlage eines britischen Dichters. „Wir mussten nichts ändern, die Geschichte war uns nah am Herzen und sprach direkt zu uns“, erläutert Dyantyis.

„A Man of Good Hope“ basiert auf dem Sachbuch des preisgekrönten südafrikanischen Journalisten und Buchautors Jonny Steinberg, der mit dem Buch 2015 einen Tatsachenbericht über die Flucht von Asad Abdullahi vorlegte. Der britische „Guardian“ schrieb 2015 in seiner sehr positiven Rezension über den Autor: „Vielleicht versteht er nie die ganze Komplexität von Asads gequälter Seele und seiner haltlosen Natur. Aber er hat in dieser Geschichte eines Flüchtlings, der von Ehrgeiz, Stolz und Träumen angetrieben wird, einen starken Einblick in die Leben derer gegeben, die von Konflikt und Gewalt hin- und hergeworfen werden.“ Das Buch gibt Einblicke in das somalische Clan-System, Unterdrückung in Äthiopien und tödlichen Rassismus in südafrikanischen Townships. Eine hundertprozentige afrikanische Geschichte, so scheint es zumindest formal. Doch am Ende geht es um etwas ganz anderes.

Perfektes Timing für den Erfolg

Mit seiner Bühnenversion stieß das „Isango Ensemble“ in Südafrika auf großes Interesse. „Wir hatten viele Möglichkeiten, es zu spielen, die Leute fragten auch, wann wir es wieder aufführen.“ Jeder, egal ob Schwarz oder Weiß, habe es sehen wollen. „Jonny Steinberg ist berühmt hier, wann immer er etwas schreibt, wird es schnell publik.“ Das Buch Steinbergs, der inzwischen „African Studies“ an der Oxford Universität lehrt, sei 2015 genau zur rechten Zeit erschienen: Zum einen, so erklärt es Dyantyis, seien die Leute in Südafrika gerade dabei gewesen, die Zeit der Fremdenfeindlichkeit zu vergessen, zum anderen sei diese gerade dabei gewesen, in einer zweiten Welle wieder aufzuflammen. „Das Timing war perfekt.“ In Südafrika erfolgten in der Zeit der Apartheid, der staatlich festgelegten und organisierten Trennung der Bevölkerungsgruppen auch durch die Townships, zwischen 1948 und 1993 zahlreiche Diskriminierungen und Menschenrechtsverstöße.

Das Stück wurde unter anderem bereits in London gezeigt, wo es laut Dyantyis für Überraschung im Publikum sorgte: „Die Leute waren gekommen, um wegen der Migration eine afrikanische Geschichte zu sehen, sie erkannten aber, dass sie überall in der Welt geschehen kann.“ Dem Publikum wird eine Lebensgeschichte als eine Flucht vom Regen in die Traufe erzählt. Ein guter Grund, warum sich die Leute in Luxemburg das Stück anschauen sollten, meint Dyantyis: „Es ist eine Geschichte vom Nichtaufgeben und von Familienwerten, darüber, dass man alles für sie tun würde, eine mitreißende Geschichte, gefüllt mit Wahrheit, die davon erzählt, dass man sein Leben nicht allein leben kann.“ Letzten Endes ginge es um Resilienz und Relativierung: „Wir denken alle, dass wir mehr kämpfen müssen als andere, aber wir sollten dankbar für unser Leben sein.“

Nächste Woche geht es für Dyantyis und das Ensemble übrigens direkt weiter: Ihr Stück läuft bei den renommierten Ruhrfestspielen Recklinghausen.


„A Man of Good Hope“ wird heute, morgen und am

Samstag, je um 20.00, im „Grand Théâtre“ aufgeführt,

ab 19.30 gibt es eine Einführung in das Stück.

Weitere Informationen unter www.theatres.lu