LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Wissenschaftlerin und Bollywoodschauspielerin: Niharica Raizada kann beides

Herzkrankheiten erforschen und in Bollywoodfilmen mitspielen: Niharica Raizada geht zwei sehr unterschiedlichen Leidenschaften nach. Die 28-Jährige hat schon einiges von der Welt gesehen: Sie stammt aus Luxemburg und lebt seit einigen Jahren in Indien, ihr Medizinstudium führte sie nach London, später setzte sie ihre Ausbildung für Kardiologie an der John Hopkins Universität in Baltimore fort. Dafür hatte sie ein Stipendium im Rahmen des Fulbright-Programms bekommen. Zwischendurch gewann sie 2010 noch die Wahl zur „Miss UK India“. Überdies spricht sie sechs Sprachen und hat das musikalische Talent ihres Großvaters, des indischen Filmmusikkomponisten Omkar Prasad Nayyar geerbt. Im Dezember läuft „Total Dhamaal“, der zehnte Bollywoodfilm, in dem sie mitspielt, in Indien in 5.000 Kinos an. In der Zwischenzeit hofft sie, bald einen Film in Europa zu drehen und schreibt zudem an einem eigenen Drehbuch für einen indischen Film. Denn das Kino aus Bollywood soll besser werden.

In Indien kommt diesen Winter der Film „Total Dhamaal“ ins Kino - welche Rolle spielst Du?

NIHARICA RAIZADA Es ist eine Filmserie, zuvor liefen schon „Dhamaal“ und „Double Dhamaal“. Ich spiele nicht die Hauptrolle, aber eine der weiblichen Rollen. In Indien ist der Film wirklich ein großes Ding, denn der Cast ist sehr, sehr berühmt, mit Anil Kapoor und Madhuri Dixit spielen Schauspieler, die seit 30 Jahren Teil der Filmszene sind, das ist für mich ganz große Möglichkeit.

Mit so erfahrenen Kollegen kann man bestimmt viel lernen?

NIHARICA Ja, ich bin die Jüngste und es ist mein erster Film mit so vielem berühmten Schauspielern. Es ist eine Komödie, was für mich schwieriger ist als ein Drama oder ein Liebesfilm. Eine Komödie braucht mehr Timing und darin ist die Truppe sehr erfahren.

Wie bist Du eigentlich zum Film gekommen?

NIHARICA Mein Opa war ein sehr berühmter Filmmusiker, aber das hat mir nicht viel geholfen. 2003 habe ich die „Miss India“-Wahl gewonnen und dann viel Theater und viel Musik- und Tanztheater gespielt, in Luxemburg habe ich Ballett und Jazz am „Conservatoire“ studiert. In Indien habe ich 2.000 Castings für alles Mögliche gemacht, es ist wirklich schwer reinzukommen, Bollywood wird von einigen Familien dominiert.

Und diese arbeiten seit Jahrzehnten in Bollywood?

NIHARICA Es sind so 20 Familien hier, die stark dominieren und welche die meisten Schauspieler stellen. Als ich hergekommen bin, war es wirklich schwer für mich, aber ich habe immer gekämpft.

Was war der Antrieb oder die Faszination, um immer weiter zu machen?

NIHARICA Musik und Tanzen, das fasziniert mich sehr. Jetzt will ich auch Filme machen, deren Geschichten revolutionärer sind, so wie Kate Winslet oder Jennifer Lawrence. Ich mag psychologische, technologische und philosophische Inhalte, aber dafür brauchen wir gute Drehbuchautoren und gute Regisseure, um das umzusetzen. Ich habe auch schon selbst ein Drehbuch angefangen zu schreiben, es ist eine Komödie über die indischen Verkehrsprobleme, ohne Tanz, aber weil es in meiner Familie viele Musiker gibt, will ich Wert auf Hintergrundmusik legen.

Wie läuft das ab in der Bollywood Industrie? Es werden ja sehr viele Filme pro Jahr produziert, wird da schnell abgedreht oder trotzdem auf Qualität geachtet?

NIHARICA „Total Dhamaal“ haben wir am 9. Januar angefangen und am 6. Juli beendet, ungefähr sechs Monate gedreht also, das ist lang. Aber es stimmt schon, die Qualität könnte noch besser sein, es gibt meist nur fünf oder sechs Filme pro Jahr, die sehr gut sind.

Wieso ist die Qualität meist nicht so gut?

NIHARICA Wir brauchen mehr richtig gute Autoren und Schriftsteller, Leute, die das studiert haben. Wir haben gute Technologien, gute Kameramänner, schöne Drehorte und gute Tanz- und Musikszenen, aber jetzt muss man wirklich am Inhalt und auch an den Dialogen arbeiten. Das kommt aber jetzt auch, weil alles globalisiert ist und auch weil die Zuschauer international auch Bollywood kennen. Ich möchte dabei helfen, Bollywood besser zu machen, damit es noch mehr Leute mögen.

Du hast mal gesagt, Du würdest gerne mal mit dem Regisseur Sanjay Leela Bhansali arbeiten - weil er mehr auf Qualität setzt?

NIHARICA Sanjay Leela Bhansali macht tolle Historienfilme, wie „Devdas“ und „Padmaavat“. Indien hat ein sehr großes historisches Reservoir an Geschichten und er setzt das packend um. Ich würde auch gerne mal mit Jean Pierre Jeunet und Hans-Christian Schmid arbeiten.

Neben dem Filmen arbeitest Du ja auch in der Kardiologie. Wie vereinbarst Du das?

NIHARICA Ich arbeite nicht als Ärztin, ich betreibe Kardiologieforschung über Herzkrankheiten hier an einem Kardiologiezentrum in Mumbai. Ich muss immer etwas lernen und studieren, für mich ist die Arbeit in der Forschung auch kreative Arbeit. Vormittags beschäftige ich mich mit Filmen und lerne Texte, ab zwei Uhr nachmittags widme ich mich meiner Forschungsarbeit. Nächstes Jahr will ich mich für ein Ph.D. bewerben, ich habe zwar jetzt eine Filmrolle bekommen, aber ich weiß nicht, wann ich den nächsten drehen kann, außerdem fasziniert mich die Herzforschung.

Wie oft bist Du noch in Luxemburg?

NIHARICA Ich komme zweimal oder dreimal pro Jahr nach Luxemburg, meine Familie lebt in Strassen. Ich versuche, nächstes Jahr mit dem INCCI (Anmerk.d.Red., dem Staatlichen Institut für Herzchirurgie und interventionelle Kardiologie) ein Projekt zu machen, bei dem es um einen Vergleich zwischen luxemburgischer und indischer Chirurgietechnik geht.

Dein Motto bei Instagram lautet „India taught me patience. Luxembourg taught me diversity.“ Braucht man beides im Leben?

NIHARICA Geduld ist ganz wichtig, auch wenn man mit den Leuten hier in Indien arbeitet, in Luxemburg habe ich meine Sprachen gelernt und auch so viel von den Belgiern, Deutschen und Spaniern und von der Europaschule gelernt.