LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Lebt das Finanzsystem vom Dogma?

„Man befürchtet momentan nichts mehr, als den totalen Bankrott dem wie es scheint ganz Europa entgegengeht. Und vergisst darüber, die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht.“

Diese Zeilen hat der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855) im Jahre 1836 verfasst, zu einer Zeit in der ganz Europa eine Wirtschaftskrise befürchtete. Gut 182 Jahre her, doch könnten sie aktueller nicht sein. Als ich die Zeilen jüngst las, überkam mich ein leichter Schauder. Ich denke, dass man mit Kierkegaards Aussage weitaus mehr beschreiben kann, vieles, das über den Zeitgeist der damaligen Epoche hinausgeht. Kierkegaard hat mit diesen Zeilen eigentlich auf die geistige Lethargie in Bezug auf kirchliche und gesellschaftliche Dogmen hinweisen wollen. Ich wage zu behaupten, dass die eigentliche Krux mit dem modernen Finanzsystem in genau dem von Kierkegaard beschriebenen Umstand liegt und auch die zentralen Thematiken des Philosophen von Freiheit, Überwindung und Eigenverantwortung mit einbegreift.

Der junge Däne war im frommen Dänemark als Rebell verpönt. Aufmüpfig und stets eifrig debattierend trat er der christlichen Gesellschaft gegenüber. Was ihn so störte, war das Phlegma seiner Mitmenschen, das Aufgeben ihrer Eigenständigkeit und der Verzicht auf individuelle Entwicklung. Jeder Einzelne ist nämlich frei, beflügelt durch die Fantasie, lautet seine These. Diese ermöglicht es, dass wir Entscheidungen bezüglich unserer Lebensform und unseres Wollens treffen können. Wenn der Wohlstand ausgebrochen ist, „sich die Hände behaglich über dem Magen falten“, begnügen wir uns mit den stets gepredigten gesellschaftlichen Dogmen, geben ihnen führende Macht und verwechseln das allgemeine Denken und Fühlen mit dem Eigenen. Wo sind unsere Ideen? Wo ist unser Drang nach Handlung? Danach, Missstände aufzudecken und zu beseitigen? Haben wir nicht dank der eigenen Freiheit auch eine Verantwortung gegenüber uns selbst? Angst und Bequemlichkeit, die Übel der Gesellschaft seit Ewigkeiten. Wer sich vor dem eigenen Mut scheut und das Wagnis des Neuen mit Bedenken betrachtet, der wird sich auch in fragwürdigen Warnungen der Oberen wiederfinden und aus Angst dem individuellen Schritt in die eigene (Denk-)Richtung entsagen. Doch warum an einem Glauben festhalten, dem „die Zähne gezogen wurden“? Der aus Phrasen und Theorien besteht und längst in der Wirklichkeit nicht mehr den Inhalt hat, der gepredigt wird? Offenkundig kümmert Kierkegaard vor allem das Paradox zwischen Möglichkeit der Eigenverwirklichung und deren konstatierbarer Resignation in der Gesellschaft. Sie fragen sich nun, was dies mit der Finanzwelt und etwaigen Wirtschaftskrisen zu tun hat? Es geht um die Parallelen eines lähmenden Glaubens: die geistige Zahlungsunfähigkeit, hier eventuell weitaus wörtlicher als angedacht.

Die Europäische Zentralbank pumpt seit geraumer Zeit eine unbeschreiblich hohe Summe von Geld in den Markt. Das Geld hat an sich einen intrinsischen Nullwert, es wird willkürlich gedruckt und wird lediglich vom Glauben an einen festgelegten Geldwert genährt. Es gibt keinen materiellen Gegenwert, durch den sich die emittierte Summe absichern ließe, sodass es eigentlich nur geschrieben exisitert. Genutzt werden soll dieses Geld nun aber, um Banken und Staaten flüssig zu halten und sie vor dem Bankrott zu bewahren und den Märkten Spielraum zu genehmigen. Der Glauben an das bestehende Finanzsystem soll hochgehalten werden und das obwohl „ihm die Zähne gezogen wurden“, um es mit Kierkegaard zu sagen. Das ist eine Spur zu harsch, meinen Sie? Nun, funktioniert das System als großes Ganzes, wenn es Staaten nicht gelingt, sich zu tragen und eine zentrale Instanz über finanzielle Einspeisung und Zinspolitik entscheidet? Das frisch geschaffene Geld ist Zahlungsmittel für Staatsanleihen und füllt nicht nur teilweise die Kassen, sondern steigert vor allen Dingen das Vertrauen. Doch in was? In eine Instanz, die druckt, sobald es brenzlig wird und die Funktionsunfähigkeit der Staaten kaschiert? Wir haben diesen Glauben an den Wert des Geldes von klein auf verinnerlicht, ohne dessen zugrundeliegende Struktur zu kennen oder überhaupt kennenzulernen. So genießen die wenigsten unter uns Normalsterblichen Einsicht in diese eine Sache, die als die am wenigsten nebensächlichste des Lebens angesehen werden dürfte. Zweifel hegen wir keine, ob das System selbst nicht vielleicht in sich marode ist und nur noch von wenigen Pfeilern gehalten wird. Sich darum zu bemühen ist nicht geschenkt, es kostet Anstrengung, Forschung, Willen. Bislang haben wir ja jegliche Finanz- und Wirtschaftskrisen überstanden, hört man sagen. Erneut spielte Glauben eine wichtige Rolle, wenn man bedenkt, dass Struktur und Dynamik der wirtschaftlichen Linien nur wenig geändert haben. Glauben wir demnach tatsächlich an marodes Geld? Stellt dies gar die geistige Zahlungsunfähigkeit dar, die mit der von Kierkegaard erwähnten in Analogie zu setzen wäre? So würde dies bedeuten, dass wir uns im Alltäglichen auf etwas stützen, das vor dem Scheitern nicht gefeit wäre, man denke nur an die Szenarien sogenannter geplatzter Blasen oder gar Staatspleiten. Wäre es möglich, dem vorzubeugen, wenn man den geistigen Spagat wagen und das gepredigte System an sich hinterfragen würde? Viel Arbeit, viel Anstrengung, aber es ist erst die Betitelung des eigentlichen Problems, das Überwindung und Verbesserung im Nachfolgenden möglich macht. Tendenzen gibt es bereits, Entwicklungen ebenso. Lassen Sie uns nicht die Hände gemächlich falten und dem Vorgelebten entgegenstarren. Wir sollten unsere Freiheit nutzen, uns informieren, Dogmen enttarnen, Wissen sammeln und uns um Verbesserung bemühen. Warum? Ganz einfach, weil der Mensch es dank seiner geistigen Begabung von Natur aus kann – wenn er denn will!