SVEN WOHL

Allein die Vorstellung, dass sich jemand dafür interessieren könnte, was ich mir in den Mund stecke, erscheint mir reichlich obszön. Doch wie meine Zahnärztin mir immer versichert: All das hat seinen guten Grund. Denn unsere Ernährung - wie wir essen und was wir essen - bestimmt über unseren Ressourcenverbrauch.

Nun sind wir Luxemburger vergleichsweise fleischgeil. Das klingt wie ein Vorwurf, fußt jedoch in der Realität. Vor einigen Jahren stellte die FAO fest, dass wir im Fleischkonsum Europameister sind. Unser kollektiver Gedanke? „Das muss nicht sein!“

Ein guter Reflex, Fleisch ist schweineteuer in der Produktion, frisst mächtig Ressourcen und der Wasserverbrauch ist auch nicht ohne. Bevölkerungswachstum, Klimawandel und Ressourcenmangel: Der Hunger wächst, die Lebensmittelproduktion muss mitziehen. Die Engpässe sind abzusehen, vielleicht weniger in Ländern wie Luxemburg, aber das entlässt uns nicht aus der Verantwortung.

Nein, im Großherzogtum will man nicht untätig bleiben, investiert in die Forschung und möchte herausfinden, wie eine nachhaltige Ess-Kultur aussieht. Löblich ist das, weil die Konsumenten großen Einfluss auf die Produktion haben - Nachfrage bestimmt bekanntlich das Angebot.

Unterschlagen wird dort der soziale Aspekt des Essens. Denn meine anfängliche Bemerkung steht nicht zur bloßen Belustigung hier, sondern umschreibt das Gefühl vieler: Was man isst, ist Privatsache! Da gehört für die meisten das tägliche Fleisch auf den Teller und jeder der etwas anderes suggeriert, gehört sozial geächtet. Zumindest ergibt sich dieser Eindruck aus den Reaktionen fleischgenießender Freunde. Die regen sich gerne darüber auf, dass man sie zum Vegetarismus oder Veganismus zwingen möchte. Wehe es wird ein solches Produkt in den Medien auch noch beworben! Und sowieso, diese Vegetarier sind doch alle Schnösel und wollen sich nur wichtig tun!

Ob diese schnöseligen Vegetarier tatsächlich existieren, lasse ich offen. Persönlich kenne ich keinen, aber ich bin ja bloß eine Einzelperson. Die Abwehrhaltung vieler gründet jedoch aus der Angst, die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen: Obwohl es an und für sich kein Problem darstellt, einmal die Woche vegetarische Kost zu bevorzugen, tun es die meisten nicht. Ein Vegetarier, der gänzlich auf Fleisch verzichtet, ist dort ein Unmensch, ein Fanatiker, ein Extremist - Ja, sogar ein Terrorist, der unser verletzliches Ego zerbombt!

Ich vergleiche das gerne mit all den Joggern, deren Weg ich kreuze. Man verflucht sie, wie sie da so agil an einem vorbei flitzen, als hätten sie keine Sorge und keinen Kummer! Doch rational ist das nicht, man fühlt sich bloß so, weil man selbst nicht so fit fröhlich herumschwitzt.

Die Ernährung ist einer jener Diskussionthemen, wo noch reichlich Nüchternheit einkehren muss. Egal darf es einem nicht sein, Nachhaltigkeit geht uns alle etwas an. In dem Sinne: Man reiche mir Gemüse in all seinen Formen, Farben und Facetten.

Zwischendurch darf es aber auch eine Wurst für mich sein.