COLETTE MART

Die öffentliche Debatte um die Zukunft des traditionsreichen ARBED-Gebäudes in der Avenue de la Liberté wird sehr emotional geführt. Kein Wunder, denn besagtes Gebäude ist eng mit der Geschichte, der Identität und dem kollektiven Unbewussten der Luxemburger verbunden. Das ARBED-Gebäude steht nämlich nicht nur für die hundertjährige Geschichte des Stahlkonzerns und dessen Verankerung in allen sozialen Schichten der Bevölkerung, sondern stellt ebenfalls die operettenhafte Kulisse für die offiziellen Feierlichkeiten zum Nationalfeiertags, der uns jedes Jahr das Gefühl vermittelt, als wäre seit 1839, also dem Jahr der Luxemburger Unabhängigkeit, die Zeit irgendwie stehen geblieben.

Geben wir es ruhig zu: Die Geschichte der ARBED, die Übernahme des Konzerns durch Mittal Steel im Jahre 2005, und demgemäß die fortschreitende Globalisierung unserer Schwerindustrie geht uns unter die Haut. Die 1911 gegründete ARBED erwies sich über viele Jahrzehnte, Hand in Hand mit den Grubenarbeitern, Beamten und Ingenieuren aus zahlreichen europäischen Ländern, als wirtschaftlicher und sozialer Motor. Die Industrialisierung des Luxemburger Südens trug zur Entwicklung, Modernisierung und zum Reichtum des ganzen Landes bei. Im Dialog und in Zusammenarbeit mit der ARBED konnten wichtige soziale Errungenschaften wie Arbeitersiedlungen, Spitäler und Kinderkrippen errichtet werden. Parallel zur Entwicklung der Stahlindustrie mauserten sich auch die Gewerkschaften zu einem respektierten Partner, und die Stahlkrise der siebziger Jahre begründete das sogenannte „Luxemburger Modell“, im Rahmen dessen Regierung, Gewerkschaften und Patronat gemeinsam Lösungen im Sinne der Bevölkerung suchen. So weit so gut. Dies alles finden wir in den Geschichtsbüchern unserer Grundschulkinder wieder.

Was aber können wir unseren Kindern und Enkelkindern auf die Frage antworten, wie wir mit unserem industriellen Kulturerbe umgegangen sind? Es stellt sich nämlich insbesondere in Bezug auf die Zukunft des ARBED-Gebäudes in der Avenue de la Liberté die Frage, in welchem Masse es sich hier um luxemburgisches Kulturerbe handelt, und inwiefern ArcelorMittal eine moralische Verpflichtung hat, auf die Geschichte und die damit verbundenen Gefühle der Luxemburger Rücksicht zu nehmen. Die linke Fraktion im hauptstädtischen Gemeinderates warf in diesem Kontext einige interessante Fragen auf, nämlich jene des Preises des Grundstücks, das 1920 an die ARBED verkauft wurde, und jene einer eventuellen Verpflichtung aufgrund der zahlreichen Zuwendungen, die der Luxemburger Steuerzahler dem Stahlkonzern in Krisenzeiten zukommen ließ. Gerade diese Fragestellung offenbart die Emotionen um ein Gebäude, dem eine öffentliche soziale und kulturelle Bestimmung gut zu Gesicht stehen würde. Vielleicht würde sich das Gebäude ja zu einer historischen Aufarbeitung der Geschichte der Stahlindustrie eignen, und so die Verbundenheit der jüngeren Generationen, sowie aller hier ansässigen Nationalitäten zu unserer Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte positiv und sinnvoll fördern.