COLETTE MART

„…über dem grauen Sumpf des Massenelends phosphoreszierte wie ein Irrlicht der aufreizende Luxus der Kriegsgewinnler. Ein erbittertes Misstrauen begann allmählich die Bevölkerung zu erfassen - Misstrauen gegen das Geld, das immer mehr an Wert verlor, Misstrauen gegen die Generäle, die Offiziere, die Diplomaten, Misstrauen gegen jede Verlautbarung des Staats und Generalstabs, Misstrauen gegen die Zeitungen und ihre Nachrichten, Misstrauen gegen den Krieg selbst und seine Notwendigkeit…“

Dieser durchaus aktuell gebliebene Satz stammt aus Stefan Zweigs Autobiographie „Die Welt von gestern“, und betrifft die Stimmung in Europa im Jahr 1918, als der Erste Weltkrieg endete. Auch das Jahr 2018 ist ein Jahr der Erinnerung, des Gedenkens an jene erste europäische Apokalypse, die unseren Kontinent, die Entwicklung der einzelnen Staaten, die Unabhängigkeitsbewegungen in Europa und in den Kolonien, und auch genau jene Nationalismen und Extremismen mitschürte, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Demgemäß sollte das Jahr 2018, trotz zahlreicher aktueller europäischer und luxemburgischer Herausforderungen, auch ein Jahr des Nachdenkens über historische Zusammenhänge, und über die Implikationen zwischen Geschichte, Politik und der in allen Epochen gegenwärtigen politischen Lügen sein, die sich seit 1918 durch die europäische Geschichte ziehen und sowohl den Fortschritt als auch den Humanismus untergraben.

Wie der derzeit in unseren Kinos programmierte Film „Les Gardiennes“ von Xavier Beauvois zeigt, fühlten sich die Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs von der Politik belogen. Man hatte sie von der Notwendigkeit eines Blitzkrieges überzeugt, man hatte eine ganze Generation von jungen Männer manipuliert und gegeneinander aufgehetzt, bis diese verstanden, dass sie jeden Tag zu Tausenden sterben würden für einige Meter Land, das tags darauf wieder verloren geht, und dass sie auf Männer schießen, die genauso wie sie Arbeiter, Bauern und Lehrer sind.

Ebenso gründete der Aufbau des Nationalsozialismus auf Lüge und Manipulation. Auch die Kolonialpolitik basierte auf einer humanistischen Lüge, auf einem vermeintlichen Willen, christliche Werte und Zivilisation nach Afrika oder nach Asien zu bringen.

In Wahrheit ging es jedoch auch hier, zumindest auf politischer Ebene, um die Ausdehnung von Macht, um den Aufbau der europäischen Industrie mit Hilfe afrikanischer Rohstoffe und auf dem Rücken der afrikanischen Bevölkerung. Hier und jetzt, wo die Lüge in der Politik und in der Kommunikation einen anderen Namen bekommen hat, wo man gerne von „Fake-News“ spricht, riskiert die Allgegenwärtigkeit der Lüge und der „Fake-News“ in der politischen Weltöffentlichkeit unterschätzt zu werden. Die Herausforderung für das Jahr 2018, also des Jahres der Erinnerung und des Rückblicks auf die Welt von gestern, wäre also, den politischen Diskurs an den sozialen Realitäten und am Alltag der Menschen zu messen, Lüge und Oberflächlichkeit konsequent zu entlarven und komplexe Zusammenhänge sichtbarer zu machen.