NEW YORK
MARK KENNEDY (AP)

Studie sieht traurige Popsongs auf dem Vormarsch

Von den aufgekratzten Songs der Band Wham! bis zum melancholischen Sänger und Songwriter Sam Smith ist es ein langer Weg. Die Musik trennt nicht nur gut 30 Jahre Zeitgeist, sondern offenbar auch ein entscheidender Umgang mit Gefühlen, wie eine Studie der University of California zeigt. Forscher analysierten dabei eine halbe Million Songs, die von 1985 bis 2015 in Großbritannien veröffentlicht wurden - und sortierten sie nach der über sie transportierten Stimmung und Gefühlslage.

„,Fröhlichkeit‘ geht runter, ,Heiterkeit‘ geht runter, ,Traurigkeit‘ geht rauf“, sagt die Wissenschaftlerin Natalia Komarova der Nachrichtenagentur AP. Sie hat an dem Bericht über die Studie für das Fachmagazin „Royal Society Open Science“ geschrieben. Und herausgefunden, dass die Poplieder in den vergangenen drei Jahrzehnten zugleich immer „tanzbarer“ und tauglicher für Partys geworden sind.

Zahl männlicher Popsänger sinkt

Wegen dieser Erkenntnis muss aber niemand gleich in eine depressive Phase rutschen. Die Forscher betonen, eine kleine Abnahme in dem Durchschnittswert für die Stimmung „Fröhlichkeit“ bedeute nicht, dass 1985 alle erfolgreichen Songs fröhlich waren und 2015 alle traurig. Den Wissenschaftlern ging es lediglich um allgemeine Trends in den akustischen Eigenschaften von Popmusik und den durch die Musik beschriebenen Gefühlen.

Einen niedrigen „Fröhlichkeits“-Index wies 2014 etwa Sam Smiths Megahit „Stay With Me“ auf. Ähnliches galt für „Whispers“ von Passenger und Gorgon Citys „Unmissable“. Einen hohen Wert beim transportierten Gefühl „Fröhlichkeit“ wiesen 1985 dagegen Bruce Springsteens „Glory Days“, „Would I Lie to You?“ von Eurythmics und „Freedom“ von Wham! auf.

„Die Öffentlichkeit scheint fröhlichere Songs zu bevorzugen, obwohl jährlich mehr und mehr traurige Songs veröffentlicht werden“, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Zudem verbuchten sie den größten kommerziellen Erfolg für die Sparten Dance und Pop, während der Erfolg von Rockmusik seit den frühen 2000er Jahren „einen deutlichen Trend nach unten“ aufweise.

Der Wechsel in der musikalischen Ausrichtung von Popsongs passt zu anderen Studien, die sich mit Veränderungen in Songtexten beschäftigt haben. Auch darin heißt es, dass mittlerweile weniger positive Gefühle thematisiert werden. Indikatoren für Einsamkeit und soziale Isolation dagegen seien angestiegen.

Was könnte also die Lehre aus dem Ganzen sein? „Während die allgemeine Stimmung weniger fröhlich wird, sieht es so aus, als ob die Leute das alles vergessen und tanzen wollen“, sagt Komarova - und erklärt damit auch die aktuelle Beliebtheit für Songs etwa aus dem Dance- und DJ-Genre.

Eine weitere interessante Entwicklung bilden die Erkenntnisse zum Faktor „Männlichkeit“ ab. In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der männlichen Popsänger gesunken - erfolgreiche Songs zeichnen sich heutzutage eher durch Sängerinnen aus. Ganz konkret ist den Forschern zufolge die Zahl der erfolgreichen Songs im Vergleich zu allen Liedern durch einen größeren Anteil weiblicher Künstlerinnen zu kennzeichnen. Für die Musikindustrie dürfte das durchaus interessant sein, kämpft sie wie so viele Branchen doch auch gerade mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit - zu einer Zeit, in der Männer die Reihen der Künstler und Songwriter noch immer absolut dominieren.