LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Zeichnungen verraten, dass Vorschulkinder in Luxemburg Gruselvideos kennen – Folgen und Aktionen für einen besseren Umgang damit

Gabi Rapp kann sich noch gut an den Termin mit den elf Vorschulkindern in Luxemburg erinnern. Rapp ist nicht nur Volkswirtin, sondern auch Teammitglied bei Bee Secure, jener öffentlichen Beratung über Sicherheit rund ums Internet, die allen offensteht. Auf Anfragen führt Bee Secure Schulungen durch. So war es auch an diesem Vormittag.

„Bitte malt mir ein wunderschönes Bild. Aber wenn ihr ein Handy oder Tablet habt, dann malt bitte ein ganz gruseliges Bild“, bat Rapp die Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren. Was dann kam, war ein Schock, vor allem für die Eltern. Von elf Kindern malten sechs gruselige Bilder. Warum? „Sie sehen sich Videos auf dem Handy an wie Lady Bug, Killer Clowns oder Call of Duty“, weiß Rapp. Ihr Job ist es, die Eltern dann darüber aufzuklären, was eigentlich mit dem Nachwuchs los ist.

Videos auf dem Handy sind für viele Klein- und Vorschulkinder Alltag. Längst hat das Handy den Fernseher als billige Kinderbeschäftigung abgelöst. Was die Kleinen da so machen, wissen viele Eltern gar nicht. Und dann fallen sie aus allen Wolken.

„Manche haben Tränen in den Augen“ berichtet Rapp, die regelmäßig solche Szenen erlebt. „Die Eltern haben ihre Kinder gern und wollen nicht, dass sie Schaden nehmen. Vielen ist das Ausmaß gar nicht bewusst und sie sind eigentlich selbst Opfer. Deshalb wollen wir sensibilisieren.“

Auf die positive Seite ziehen

Die Kinderbilder sprechen Bände. Da steht ein schön gemalter Hase mit Pfoten und Schnurrbart samt Blumen vor einem sorgfältig kolorierten Haus. Auf einem der „gruseligen“ Bilder ist eine Figur kaum zu erkennen; Hände und Füße sind nicht eingezeichnet, das Bild wirkt ungelenk und könnte von einem viel jüngeren Kind stammen. Das deutet nicht gerade auf eine gute geistige Entwicklung hin.

Tatsächlich hat die Beschäftigung der Kinder Auswirkungen auf ihre Gehirnentwicklung. Das weiß auch Rapp. Aber die Kinder nicht. „Wir haben keine Angst“, versichern sie, wenn Rapp sich ein „gruseliges Bild“ wünscht. Doch Angst oder zumindest ein unschönes Gefühl beschleicht jedoch die Eltern, wenn sie erfahren, was ihr Nachwuchs sich da eigentlich ansieht.

„Lady Bug“ ist ein einfaches Spiel, bei dem es um das Zerstören von Insekten geht. Die „Killer Clowns“ kommen in Anlehnung an Horrorautor Stephen King gruselig echt und glaubwürdig daher, im Halbdunkeln jagen als Clowns verkleidete Mörder Jugendliche und bringen sie brutal um. Noch heftiger ist das ab 17 Jahren freigegebene „Call of duty“, ein Videospiel mit sehr gewalttätigen Szenen und ebensolcher Sprache, in dem die Protagonisten den Zweiten Weltkrieg nachspielen, Blut, Schmerzen und Schreie inklusive. „Manche Kinder kennen das auch, weil sie älteren Geschwistern zusehen, die das spielen“, weiß Rapp. In ihren Augen hat ein einfaches Verbot der Eltern wenig Sinn. „Wenn die Kinder solche Geräte wie Handy oder Tablet haben, schauen sie sich auch so etwas an.“ Auch pornografische Inhalte sind den Kindern bekannt. Als Rapp vor 12-Jährigen in Luxemburg über die Youtuberin Katja Krasavice sprach, die mit geschmacklosen Videos und möglichst viel nackter Haut von sich reden macht, fragten viele erfreut, ob sie denn nach Luxemburg käme.

Die Bee-Secure-Mitarbeiterin versucht die Eltern zu sensibilisieren, erzählt von Dieter Braus Buch „Einblicke ins Gehirn“, das in verständlicher Sprache erklärt, was in den grauen Zellen passiert, warum positive Verknüpfungen wichtig sind und wieso Traumata tiefe Verbindungen knüpfen, die nicht mehr zu lösen sind. Rapp kennt solche Fälle in Luxemburg. Sie berichtet von einem 5-Jährigen, der nur per Tablet kommuniziert und statt der altersüblichen 12.000 Worte nur 4.000 beherrscht. Oder von dem 14-Jährigen, der bereits mit einem Trauma in der Psychiatrie sitzt.

„Wir wollen die Eltern auf die positive Seite ziehen“, betont Rapp. Digitalisierung und Geräte seien nicht per se schlecht, auch nicht der Umgang mit ihnen. Sie erzählt vom Programmierworkshop, bei dem die Kinder mit dem „Kniwwelino“, einem Mini-Computer,  Positives schaffen können. „Sie programmieren Herzchen oder Smileys“ sagt sie. Eine 8-Jährige habe ein „Screamometer“ erfunden, das die Lautstärke in der Klasse misst und sich meldet, wenn es zu viel wird. Im „Makerspace“ im „Forum Geesseknäppchen“ können Kinder und Jugendliche frei experimentieren, unterstützt von Mitarbeitern von Bee Secure. „Häufig sind sie ganz fasziniert vom 3-D-Drucker und haben zuvor noch nie etwas gemacht“, stellt die Trainerin fest. Sie und ihre Kollegen und Kolleginnen geben hier Kurse in Coding, pressen T-Shirts und können bald auch mit einem Lasercutter arbeiten. „Hier Fehler zu machen ist okay – und die Kinder sollen lernen, dass es auch Zeit braucht, etwas zu können“, unterstreicht Rapp. Sie geht mit dem erfahrungsbasierten Lernen gern auch in die Gemeinden und „Maison Relais“. „In Rosport haben wir ein Pilotprojekt mit LED-Painting im Dunkeln. Das kommt gut an“, freut sich Rapp. Dort malt keiner mehr Gruselclowns.

Bee Secure

Kreativ mit Digitalem

Bee Secure bietet viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, kreativ im Umgang mit Digitalem zu sein. Mehr Information im Makerspace im Geesseknäppchen sowie unter www.bee-creative.lu