LUXEMBURG
LUC SPADA

Du kennst das Lied. Das Lied hast Du schon einmal im Radio gehört. Schon oft hast Du das Lied im Radio gehört und dann hast Du gehört, dass sie zu Dir in die Stadt kommen und zwar live und zwar in Farbe und zwar hautnah werden sie die ganze Nacht mit dir sein, wenn Du bereit bist, 45 Euro für das Ticket zu zahlen.

Und natürlich bist Du bereit, 45 Euro für das Ticket zu zahlen, denn, dass sie überhaupt zu Dir live und selbstverständlich in Farbe in die Stadt kommen, ist phänomenal, ja, voll swag und ziemlich heftig ist das und eigentlich unbezahlbar und dafür, dass sie live und in Farbe eigentlich unbezahl-bar sind, sind 45 Euro gar nicht mal so viel Geld.

Heute ist der große Tag, Du Affe, ey, Du stehst vor dem Spiegel, schmeißt Konfetti in die Luft, „boomerangst“ Dein Selbstbild für die kommenden 24 Stunden: Deine Story ist on. Deine Story ist live, ja, noch ein bisschen Glitzer, Glitzer, aber zu fressen gibt’s heute keine Pizza, denn Du willst nicht fett werden, Du bist auch keine 20 mehr und eigentlich weißt Du auch immer noch nicht, wer sie ist, diese Katja Ebstein. Ganz egal, Hauptsache Remmi Demmi. Und auf einmal kommt da soooooo ’ne Musik.

Der Bass, endlich, spürst Du diesen Bass? Deine primären und sekundären Geschlechtsteile jauchzen vor Freude, der Beat setzt ein, die Crowd um Dich herum ist am ausrasten, jetzt kommen sie auf die Bühne und die Scheinwerfer rücken Deine Helden, die heute nur für Dich da sind, ins rechte Licht und Du und Deine FreundInnen und alle die anderen Party-People Deiner und vorheriger Generationen machen das einzig Richtige, wenn es darum geht, den Augenblick zu genießen. Natürlich tanzt ihr nicht oder groovt mit den ersten Takten des ersten Songs. Auf keinen Fall! Nein! Wenn das Lied, das man sonst nur im Radio hört, endlich live und in Farbe vor einem performt wird, der Life-Soundtrack hochgefahren wird und Du Dein letztes Hemd für die Karte gegeben hast, ist alles was Du brauchst: Dein Scheiß Handy. Du zückst Dein blödes Smartphone und filmst das ganze Konzert für das Du 45 Euro gezahlt hast. 20 Minuten auf Instagram. 20 Minuten auf Facebook. 20 Minuten auf Snapchat.

Du Idiot, ey, von 45 Euro ernähren sich vierköpfige Familien für eine ganze Woche und Du verwöhnter blöder Sack weißt es nicht einmal zu schätzen, dass Du Dir ein gutes Konzert leisten kannst. Oder noch schlimmer: Du hast hart für das Geld gespart und jetzt ist das einzige, was Dich wirklich interessiert, dass Deine bescheuerten FollowerInnen Bescheid wissen, dass Du hier bist und Time of Dein Life hast, die Du ja nicht hast, da Du mehr mit den Kontrasteinstellungen Deines Bildes als mit dem Konzert vor Dir beschäftigt bist.

Und dann verdeckst Du mir auch noch die Sicht, ganz ungeniert, so, als wäre es völlig normal eine Show durch ein Glasding zu gucken, obwohl man live vor Ort ist. Und jetzt muss ich mir die Show auch durch Dein Handy anschauen, weil einen Schritt nach links darf ich nicht, sonst sieht die viel kleinere Person hinter mir nichts mehr und einen Schritt nach rechts will ich auch nicht, weil dort gerade ein Moshpit am Entstehen ist. Ich bin ja auch keine 20 mehr.

Ich tue also das einzig Richtige und reiß Dir das Smartphone aus der Hand, schmeiß es auf den Boden und trete mehrmals nach, bis es zu einer Art Technik-Brei wird. Du bedankst Dich höflich bei mir, gibst mir ungefragt einen fetten Kuss auf den Mund und tanzt wild und befreit, von allen technischen Zwängen, zu den fettesten Beats, die Du sonst nur aus dem Radio kennst. Gern geschehen.